Eishockey-WM

Jetzt sind die Schweizer endlich auch hart genug, um Weltmeister zu werden

Hockeyspiele wie ein Rockkonzert und eingeschüchterte Schiedsrichter – genau darum sind die Schweizer jetzt bereit, um Weltmeister zu werden.
Timo Meier setzt gegen den Schweden Jacob Larsson zum Check an.
Bild: Nico Ilic/Freshfocus

Es ist nicht ganz so, dass die Schweizer früher immer Musterknaben und Weichlinge waren. Der Haudegen Gaston Furrer brachte es schon 1972 in Prag zum meistbestraften Spieler der WM. Aber beklagt haben sich die Titanen über die Jahre nie. Warum denn auch? Den Aufstieg in die Weltspitze mit vier Finals verdanken die Schweizer Tempo, Technik und und taktischer Schlauheit.

Aber einschüchterndes Rumpelhockey? Nein, sicher nicht. Ganz im Gegenteil: Falls erforderlich, konnten die spielerisch frech gewordenen Schweizer herumgeschubst oder mit Härte in die Schranken gewiesen werden. Vielleicht ist es deshalb nicht gelungen, den letzten Schritt auf den goldenen Gipfel zu machen und die Schweden zu bodigen.

Und nun das: Ausgerechnet die robusten Schweden jammern nach der historischen Viertelfinal-Schmach gegen die Schweiz (1:3) über die raue Spielweise. Das ist das grösste Kompliment, das je einem Schweizer WM-Team gemacht worden ist.

Leadsänger der weinenden Knaben ist Mattias Ekholm (36). Wahrlich kein Weichei. Mehr als 1000 Spiele in der NHL und Weltmeister 2018. Er wird gefragt, ob er der Analyse eines finnischen Spezialisten zustimme, dass diese Partie das dreckigste Spiel der WM-Geschichte gewesen sei. «Ja, dem stimme ich zu hundert Prozent zu. Wann hat es denn je ein WM-Spiel gegeben, in dem in den ersten 40 Minuten drei Fünfminutenstrafen hätten ausgesprochen werden müssen? Ein Team hat schmutzig gespielt und eines nicht.»

Haben die Schweden Grund zum Jammern?

Ein schmutziges Spiel? Gottérons Leitwolf Christoph Bertschy bringt es auf den Punkt: «Nein, diesen Eindruck hatte ich nicht. Aber es war das erste Mal, dass wir die Schweden physisch dominiert haben.» Und die «Tanzmaus» Denis Malgin fiel aus allen Wolken. «Schmutziges Spiel? Ich habe nie einen Check erwischt…» Er ist eben so schnell, dass er allen Gegenspielern (und damit allen Checks) davonzulaufen vermag. Wie beim Treffer zum 2:1.

Christoph Bertschy setzt Schwedens Goalie Magnus Hellberg unter Druck.
Bild: Claudio Thoma/Keystone

Die Schweden hatten sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt, die Schweizer mit Härte im Schach zu halten. Verständlich: Jede spielerische Herrlichkeit, jede Tempofestigkeit, jede Kreativität ist in der Vergangenheit an den robusten Skandinaviern zerbrochen. Aber eben nicht mehr an diesem denkwürdigen Donnerstagabend in Zürich. Und nun sind die Schweizer hart genug, um Weltmeister zu werden.

Oder haben die Schweden schon ein wenig Grund zum Jammern? Ja, haben sie. Es ist nicht nur die neue Härte der Schweizer. Da ist noch etwas anderes, was Zürich von allen Titelturnieren der Neuzeit unterscheidet: die Kombination aus Lautstärke und einem nahezu komplett einheimischen und damit einseitigen, aber fairen Publikum. Selbst beim Final von 2024 in Prag zwischen der Schweiz und Tschechien (0:2) gab es einen gut sichtbaren, roten helvetischen Fansektor.

Am Donnerstag gibt es praktisch keine schwedische Präsenz auf den Tribünen. Ein paar einzelne Fans in gelben Gewändern wirken wie verlorene Vögel, die den Zug nach Süden verpasst haben und nun traurig und einsam in Bäumen ohne Laub hocken. Durch die rote Farbe wirkt die Präsenz der helvetischen Fans auch optisch so eindrücklich, ja einschüchternd. Die Arena ist die lauteste, die es je bei einem Titelturnier gegeben hat. Mit Abstand. Dazu trägt eine hochmoderne Soundanlage bei, die nun voll aufgedreht wird. Ja, Zürich rockt.

Selbst die Schiedsrichter verlieren den Mut

Nun können wir das alles der Hockey-Folklore zurechnen. Ohne Einfluss auf das Spiel. Doch in Zürich ist es womöglich ein wenig anders. Ein Heimvorteil der besonderen Art. Ein gut gelöhnter Polemiker im Dienst der schwedischen Majestät würde die Sache so sehen: Die Schiedsrichter wurden vom Publikum eingeschüchtert. Deshalb hatten sie nach dem Restausschluss von Dean Kukan (der zu Recht erfolgte) nicht mehr den Mut für einen weiteren, eigentlich zwingenden Restausschluss gegen Timo Meier (Kniecheck).

Der Berichterstatter würde behaupten, die durch das Publikum aufgeputschten Schweizer wären nicht mehr dazu in der Lage gewesen, ein zweites Fünfminuten-Powerplay zu überstehen. Kurzum: Die Schiedsrichter sind schuld. Haben die Unparteiischen die Schweden tatsächlich benachteiligt? Die Antwort, wiederum aus der Sicht eines schwedischen Polemikers: Ja!

Als die Zeiger am späten Donnerstagabend schon gegen Mitternacht ruckeln, sagt ein nordamerikanischer Kollege: «Mein Gott, was wird hier los sein, wenn die Schweizer am Sonntagabend um den Titel spielen!» Wo er recht hat, da hat er recht – und am Sieg gegen Norwegen am Samstagnachmittag zweifelt er also nicht.

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