Eishockey

Die Norweger sind die WM-Überraschung: «Die Schweiz hat einen Schritt gemacht – wir sind stehen geblieben»

Die Norweger stehen nach 14 Jahren Unterbruch endlich mal wieder in einem WM-Viertelfinal. Sogar der Premierminister gratulierte angesichts des Exploits.

Patrick Thoresen lächelt zufrieden vor sich hin, als die norwegischen Nationalspieler nach ihrem 4:3-Sieg nach Verlängerung gegen Dänemark durch die Mixed Zone in Richtung Garderobe laufen. Der General Manager der norwegischen Eishockey-Nati hat allen Grund zu guter Laune. Auch wenn schon vor dem letzten Vorrundenspiel feststand, dass man erstmals nach 14 Jahren wieder den Sprung in einen WM-Viertelfinal geschafft hat, so war dieser letzte Sieg gegen die Dänen die Bestätigung einer ausgezeichneten Vorrunde, welche die Norweger in Fribourg abgeliefert hatten. Sieben Spiele, fünf Siege und nur zwei Niederlagen – eine davon äusserst ehrenvoll nach Verlängerung gegen Kanada – so etwas hätten sie sich bei den Nordländern mit Blick auf ihre jüngste WM-Historie nicht erträumen lassen.

Fünfmal durften die Norweger an der WM einen Sieg bejubeln.
Bild: PETER SCHNEIDER

Aber wo liegen die Gründe für diese Durststrecke? Thoresen, der ehemalige Lugano- und ZSC-Lions-Legionär, sagt: «Wir sind eine kleine Eishockeynation. Wir waren in den letzten Jahren ein paar Mal nahe dran an den Viertelfinals, aber nach der guten Phase zwischen 2008 und 2012 (drei Viertelfinal-Qualis) gab es einen gewissen Einbruch. Damals hatten wir eine starke Generation, doch viele dieser Spieler sind inzwischen nicht mehr dabei.»

2012 in Stockholm, wo die Norweger letztmals Viertelfinal-Luft schnuppern durften, war auch Andreas Martinsen, der Captain der aktuellen Nationalauswahl, Teil der Mannschaft. Er erinnert sich gerne an jene Zeit: «Damals waren wir auf Augenhöhe mit Teams wie der Schweiz, Deutschland oder Dänemark. Dann haben diese Nationen den nächsten Schritt gemacht, während wir stehen geblieben sind.
Aber jetzt sind wir zurück. Und hoffentlich sieht die Zukunft des norwegischen Eishockeys gut aus.»

Martinsen sagt das mit Blick auf die zahlreichen Talente, welche die eigentlichen Katalysatoren der aktuellen Auswahl sind. Zum Beispiel Verteidiger Stian Solberg (20), der 2024 von den Anaheim Ducks in der 1. Runde gedraftet wurde. Oder Stürmer Michael Brandsegg-Nygård (20), der 2024 in der NHL-Talentziehung ebenfalls bereits in der ersten Runde über den Ladentisch in Besitz der Detroit Red Wings ging.

«Die Jungen haben Selbstvertrauen und eine gute Einstellung»

Mit Mikkel Eriksen und Tinus Koblar stehen sogar zwei 18-Jährige im Aufgebot (beide wurden ebenfalls bereits gedraftet). Und mit Noah Steen ist ein 21-Jähriger der beste WM-Torschütze der Norweger, bei denen zehn Spieler ihr Geld in der höchsten Schwedischen Liga verdienen. Andreas Martinsen sagt: «Jetzt kommen bei uns junge Spieler nach, die viel Selbstvertrauen und eine gute Einstellung mitbringen. Das färbt auch auf den Rest der Mannschaft ab. Wir gehen heute in jedes Spiel mit der Überzeugung, dass wir gewinnen können.»

Norwegens Captain Andreas Martinsen (l.) in Aktion.
Bild: Pascal Muller/freshfocus

Welch grosse Fortschritte die Norweger bei ihrer Nachwuchsarbeit erzielt haben, mussten vor zwei Jahren die Schweizer U18-Junioren schmerzhaft am eigenen Leib erleben. Sie verpassten gegen die Skandinavier den Klassenerhalt in der obersten Stärkeklasse und stiegen auf dieser Stufe erstmals seit 18 Jahren wieder in die B-Gruppe ab. Auch das ein deutliches Warnsignal, dass sich die Schweizer mittelfristig wieder in acht nehmen müssen vor den Norwegern, die man dank der geballten NHL-Power um Josi, Hischier, Fiala und Konsorten längst weit hinter sich gelassen glaubte.

Trotz aller Fortschritte. Patrick Thoresen glaubt nicht, dass aus Norwegen plötzlich eine Eishockey-Nation wird. Zu gross ist die Konkurrenz der ominpräsenten Wintersportarten und weiterer Teamsportarten wie Fussball oder Handball. «Es spielen zwar inzwischen mehr Kinder Eishockey bei uns, aber es wird auch in Zukunft eine eher familiäre Angelegenheit bleiben. Aber vielleicht sind genau die Leistungen unseres Nationalteams hier an der WM der Antrieb für die Jungen in unserem Land. Ich hoffe, dass jetzt viele Kids zu Hause sitzen und denken: Ich möchte auch Eishockey spielen.»

Wenn sich sogar der Premierminister meldet

Denn ganz unbemerkt blieben die Exploits der Eishockey-Cracks auch im erfolgsverwöhnten hohen Norden nicht. Sogar Premierminister Jonas Gahr Støre sandte seine besten Wünsche in die Schweiz. «Das war natürlich cool», freut sich Martinsen, der nun den Viertelfinals mit viel Selbstvertrauen entgegenblickt – wer auch immer der Gegner sein wird: «Wir haben nichts zu verlieren. Wir gehen raus und geben unser Bestes. Dann werden wir sehen, was passiert.»

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