Fussball-WM 2026

Manzambi und Morgengrauen: Diese WM werden wir nie vergessen

Persönliche Episoden der Weltmeisterschaft zwischen Public Viewing, Penaltykrimi und Familienglück – die schönsten, überraschendsten und emotionalsten Momente unserer Redaktion.

Das schönste Geburtstagsgeschenk

Eine WM ist Familiensache, und so ist mein bleibender Moment: Mein Sohn, wie er an seinem 13. Geburtstag vor dem Bildschirm das Tor von Manzambi bejubelt. Er hatte sich schon zwei Monate vor seinem Geburtstag ein rotes Manzambi-Trikot gewünscht. Dieses zog er sich an jenem 18. Juni fürs Spiel gegen Bosnien über. Seither kennt die ganze Welt den jungen Schweizer Star, und Tausende Manzambi-Trikots wurden verkauft. Mein Sohn kann heute sagen: «Ich hab's kommen sehen!»
Patrik Müller

Die Nummer 9 als Geburtstagsgeschenk: Manzambi trifft.
Bild: B.B.

Mein «Public Viewing» mitten in der Nacht mit zwei Argentiniern

Diese WM bleibt auch in Erinnerung wegen vieler Spiele mitten in der Nacht. Ein paar wenige Bars laden trotzdem für jedes einzelne zum Public Viewing. Ich will wissen: Wer verirrt sich morgens um 3 Uhr an einem gewöhnlichen Mittwochmorgen in Basel zum ersten WM-Auftritt von Lionel Messi gegen Algerien? Und so treffe ich im «VoltaBräu» Julian und Federico. Die beiden Argentinier betreiben in Buenos Aires eine Kunstgalerie. Sie sind wegen der Art Basel in der Schweiz. Zu dritt schauen wir das Spiel. Sie erzählen mir von der Feier nach dem WM-Titel 2022. «Da war so viel schöne Energie. Die Menschen haben sich Versprechen gemacht. Da war Hoffnung! Weil der Alltag in Argentinien… wir sind ein kompliziertes Land, vielen Menschen geht es nicht gut.»

Um 05:30 Uhr verabschiede ich mich von den beiden. Noch wissen wir nicht, dass Messi und Co. alsbald die Schweizer WM-Träume beenden. Trotzdem: Am Sonntag im WM-Final drücke ich himmelblau-weiss die Daumen. Für Julian und Federico. Für etwas Ablenkung im tristen Alltag.
Etienne Wuillemin

Für die Argentinien-Fans Julian und Federico wird beim nächtlichen Public Viewing selbst Messi greifbar.
Bild: Dlovan.Shaheri

Echte Fans trinken Espresso

Fussball interessiert mich ehrlich gesagt so mässig. Trotzdem packt es mich als Opportunismus-Fan ob der Schweizer Erfolgsaussichten, und ich stelle mir am frühen Samstagabend den Wecker auf 03:00 Uhr. Und verschlafe. Erst ein gewaltiges Tosen reisst mich aus dem Schlaf. Wohne ich neuerdings an der Autobahn? Nein, halb Luzern strapaziert die Stimmbänder. Auf dem Handy öffne ich den Livestream. Aha: Ndoye gleicht gegen Argentinien aus. Drei Minuten später verfolge sogar ich zugegebenermassen emotional die VAR-Entscheidung. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Bis ich mein einziges rotes T-Shirt herausgekramt und mit dem Velo – Livestream im Ohr – beim Public Viewing am See eintreffe, ist Pause vor der Verlängerung. Ich gehe an die Bar. Und stehe kurz darauf um 5 Uhr morgens im Roten Meer, mitten unter Bierbechern, mit meinem Espresso. Nüchtern mitleidend. Bin ich etwa doch ein echter Fan?
Diana Tobler

Penaltyschiessen zum Zmorge

In der Pause des Spiels gegen Kolumbien war Paul eingeschlafen. Von der Müdigkeit besiegt, verpasste der Siebenjährige den Sieg der Schweiz. Am nächsten Morgen, kaum war ein Geräusch aus dem Kinderzimmer zu hören, wollten wir ihm die Gelegenheit zum Mitfiebern doch noch geben. Ohne das Resultat zu verraten, holten wir ihn vor den Fernseher.

Los geht's direkt mit der Verlängerung. Zmorge mit der Nati. Paul jubelt über gelungene Grätschen und tolle Schüsse. Dann das Penaltyschiessen. Die Spannung ist selbst beim zweiten Anschauen fast unerträglich. Paul dagegen bleibt cool. Er glaube halt an die Nati, sagt er. Vargas trifft. Paul schält sich aus dem Pyjama.

Da fällt uns auf: Das Tablet wurde in der Nacht benutzt. Er habe es nicht ausgehalten, gibt Paul zu. Er habe am Morgen gleich nachschauen müssen, ganz ganz leise. Und warum hat er uns nichts gesagt? «Weil ich den Match schon noch schauen wollte.»

Bei Murat Yakin würde man sagen: Taktikfuchs.
Michael Graber

Leidenschaft in der Niederlage

Zwar bin ich Deutscher, meine Leidenschaft für die Nationalmannschaft hält sich aber seit jeher in engen Grenzen. Ich freue mich, wenn das Team gewinnt, nehme Niederlagen aber teilnahmslos hin – dachte ich jedenfalls bis zum 30. Juni 2026 gegen 1.30 Uhr in der mitteleuropäischen Nacht. Jonathan Tah hatte gerade einen Penalty in den Bostoner Abendhimmel gedroschen, die Deutschen flogen aus dem Turnier.

Die 120 Minuten zuvor waren wie ein Autounfall auf der Gegenfahrbahn. Man mochte kaum hinsehen, wie sich Julian Nagelsmanns Trümmertruppe gegen Paraguay blamierte. Abschalten und wegsehen ging aber auch nicht.

Ich sass kerzengerade auf dem Sofa, ungläubig angespannt. Ein kurzer Moment der Leidenschaft, der aber schnell wieder verflog. Als der notorisch gereizte Nagelsmann sich in den Interviews mal wieder als Leberwurst gerierte, ging ich entspannt ins Bett. Wer so auftritt – auf und neben dem Platz – hat es nicht anders verdient.
David Hilzendegen

Ein episches Familienduell

Der Graben ging mitten durch das Sofa. Auf der einen Seite der kolumbianische Block: meine Partnerin, ihre Mutter und unsere Tochter in den leuchtgelben Trikots. Auf der anderen Seite ihr Vater, meine Mutter und ich mit roten Köpfen. Wie konnten sie nur, dachten wir. Im Vorfeld war im Familienchat über den angemessenen Schauplatz für das historische Heimatduell debattiert worden. Wir entschieden uns fürs Private Viewing – um Public Fighting zu vermeiden. Am Ende kamen wir ohne Streit aus. Als kurz vor 1 Uhr Vargas gegen Vargas traf, lagen wir uns alle in den Armen, als hätten wir uns nicht soeben über 120 Minuten lang mit Neckereien eingedeckt. Oh Nati, du wundersame Versöhnerin!
Gregory Remez

Kolumbien oder Schweiz? Am Ende wurde so oder so gejubelt. Links: Original. Rechts: KI-generiert.
Bild: zvg

Fussballerische Grenzen der KI

Können Roboter auch Fussballresultate vorhersagen? Wo, wenn nicht im Epizentrum der KI-Revolution? Nach der Landung in San José frage ich Flughafen-Roboter «José»: «Schweiz oder Katar – wer gewinnt das Spiel?» Antwort: «Was für grossartige Neuigkeiten! Aber ich darf kein Team bevorzugen – so wie die berühmte Neutralität der Schweiz!» Immerhin diesen Tipp bekomme ich: «Stürze dich ins Vergnügen, es wird absolut grossartig!» Tatsächlich folgt ein zäher Match. Viel wichtiger aber ist die beruhigende Erkenntnis: Fussball ist unvorhersehbar – und genau darum so faszinierend!
Sebastian Wendel

Auf der Suche nach dem Public Viewing

13. Juni: Die Schweiz spielt erstmals an der WM, es geht gegen Katar. Im Alentejo interessiert das niemanden. Ein Public Viewing ist nicht zu finden, im Hotel-Fernseher kommt der Match nicht – in Portugal wird die WM nur im Pay-TV übertragen. Also schaue ich auf dem Handy im Zimmer. Einen Monat später, 12. Juli: Viertelfinal gegen Argentinien. In der Schweiz lässt das niemanden kalt. Im Tessin ist kein Public Viewing zu finden, in dem es noch Platz hat. Also wieder: Handy im Hotelzimmer.
Sermîn Faki

Auswärtsspiel in der Schweiz

Grosses Public Viewing in Arbon: Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina. Tisch reservieren, rotes Leibchen überstreifen und los. Doch schon weit vor dem Halleneingang dämmert es einem: Das wird wohl kein Heimspiel. Blau-gelb dominiert. Eine junge Frau im Bosnien-Tenue begrüsst uns freundlich in Thurgauer-Deutsch. Blau-Weiss beklatscht zwar den Schweizer Psalm, laut wird es bei der bosnischen Hymne. Dem rot-weissen Trüppchen schwant, was eine Führung durch Dzeko & Co. bedeuten würden. Doch so weit kommt es nicht. «Schön, dass ihr gekommen seid», sagt ein junger Bosnier, als wir die Halle verlassen.
Bruno Knellwolf

Erst, wenn Italia wieder spielt

1970 durfte ich als 8-jähriger Bub bei der Nachbarin Frau Rauber die WM-Spiele in Mexiko im TV schauen, weil wir uns noch kein Gerät leisten konnten. Und 56 Jahre später? So, wie es mir Murat Yakin einst als FCL-Trainer erklärt hat: «Ich schaue mir die Spiele im TV am liebsten allein an. Ich brauche niemanden neben mir, der mir den Fussball erklärt.» Also, ganz ehrlich, weil meine Tochter Aline sagt, die WM sei sowieso Infantino-infiziert total korrupt, habe ich als mütterlicherseits halber Italiener vielleicht 2030 wieder einen ganz persönlichen WM-Moment: nämlich dann, wenn Italia wieder mitspielt. Capito?
Turi Bucher

Vancouver, danke!

23 Dollar fürs Bier im Stadion, 220 Dollar fürs Parkieren in Los Angeles, hohe Ticketpreise: Die WM in den USA hat ihre Eigenheiten. Doch all das war vergessen, als ich vor dem Stadion in Vancouver die Atmosphäre vor dem Spiel Schweiz–Kanada erlebte – euphorisch, mitreissend und jederzeit herzlich. Dann sorgten Jaquez mit seinen Pässen sowie Manzambi und Vargas mit ihren Toren für Ekstase im Schweizer Block und lange Gesichter bei den Kanadiern. Von überall gab es Komplimente. Die geben wir gerne an die Nati weiter.
René Meier

Herzlich, laut und voller Vorfreude: Vor dem Stadion in Vancouver entstanden Begegnungen wie diese.

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