«Ich bereue absolut nichts», sagte England-Trainer Thomas Tuchel nach der 1:2-Niederlage im WM-Halbfinal gegen Argentinien, «es war eines unserer besten Spiele.»

Sein Team ging in der 55. Minute in Führung und überliess das Spiel danach fast gänzlich dem Gegner. Argentinien hatte in der zweiten Halbzeit 73 Prozent Ballbesitz und kam dank Toren in der 85. und 92. Minute doch noch zum Sieg. Nach einer Niederlage sei es einfach, seine Entscheidungen als falsch zu bezeichnen, sagte Tuchel. «Es gibt eine Million Trainer, die es nach einer Niederlage besser wissen.»
Der 52-jährige Deutsche, der England vor anderthalb Jahren übernommen hat, muss aber nicht mit sogenannten Sofatrainern sprechen, um Gegenwind zu bekommen. Stattdessen halten auch viele Experten und Ex-Nationalspieler den Trainer für den Schuldigen am vorzeitigen Ausscheiden.
«Wir haben uns eingeigelt und sie kommen lassen. Sie haben uns unter Druck gesetzt und unter diesem sind wir zusammengebrochen», sagte zum Beispiel Wayne Rooney bei BBC. Tuchels Entscheidung, zu einer Fünfer- oder gar Sechserkette in der Verteidigung zu wechseln, sowie die defensiven Wechsel hätten nicht gutgehen können. «Wenn du Messi und Argentinien gewähren lässt, beschwörst du dir die Probleme selbst herauf», findet die England- und ManUnited-Legende. Tuchel habe England mit seinen Entscheidungen den Sieg gekostet.
Und mit seiner Meinung ist Rooney alles andere als alleine. Ex-Goalie Joe Hart, der 75 Mal im Tor der Engländer stand, sagte zum Beispiel:
Stürmerlegende und Premier-League-Rekordtorschütze Alan Shearer fügte an:
Noch härter ging der langjährige Premier-League-Profi Chris Sutton bei der BBC mit Thomas Tuchel ins Gericht.
Auch für den Franzosen Thierry Henry, der an der WM als Fox-Experte fungiert, war klar: «Sie haben zu früh zu einer Fünferkette gewechselt.» In der 72. Minute ersetzte Tuchel den Torschützen Anthony Gordon durch Verteidiger Ezri Konsa. Noch vor den Gegentreffern brachte Tuchel in Dan Burn und Nico O'Reilly zwei weitere Verteidiger für den verletzten Aussenverteidiger Reece James und den zentralen Mittelfeldspieler Declan Rice. Tuchels Ziel war klar: den Sieg über die Zeit zu mauern. Das klappte aber nicht.
In den Augen von Captain und Mittelstürmer Harry Kane kam das wohl nicht ganz überraschend. So sagte er nach dem enttäuschenden WM-Aus: «Wir haben ein mehrheitlich gutes Spiel gemacht. Nach dem Führungstreffer schien es, als wollten wir das Ergebnis einfach über die Zeit bringen. Und auf diesem Niveau ist das nicht genug.»

Tuchel hatte hingegen logische Gründe für seine Wechsel: «Ich wollte den Spielern helfen.» Direkt nach dem Führungstor liess England eine gute Chance zu, bei der Giuliano Simeone alleine aufs Tor lief, durch Djed Spence aber gerade noch eingeholt werden konnte. «Deshalb entschieden wir, zu einer Fünferkette zu wechseln, weil wir zu viele Lücken offenliessen», erklärte Tuchel.
Auf die Frage, ob es nicht Sinn gemacht hätte, ein weiteres Tor zu erzielen zu versuchen, sagte Tuchel: «Ja, aber das wird schwierig, wenn wir den Ball nicht erobern können. Wir konnten uns nicht befreien.» Der Deutsche hätte nicht das Gefühl gehabt, dass offensive Wechsel dabei geholfen hätten. Sein Team sei schlicht immer passiver geworden. «Es war kein Problem unserer Struktur, das Spiel hat sich einfach völlig verändert», so Tuchel.
Der 52-Jährige, der mit Chelsea 2021 die Champions League gewonnen hat, hat bei England noch einen Vertrag bis 2028. Dann findet die Heim-EM statt. Der englische Fussballverband stärkt ihm nach der am Ende enttäuschenden Weltmeisterschaft, bei der England auch in den K.o.-Spielen gegen auf dem Papier eigentlich (deutlich) unterlegene Gegner wie die D. R. Kongo, Mexiko und Norwegen Mühe hatte, weiterhin den Rücken. So dürfte Tuchel auch nach dem Spiel um Platz 3 am Samstag (23 Uhr Schweizer Zeit) als Englands Nationaltrainer weitermachen.



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