
Mehr Drama geht fast nicht. Nach zwei Toren in den Schlussminuten dreht Argentinien den Halbfinal gegen England und zieht erneut in den WM-Final ein. Lionel Messi und sein Team haben am Sonntag gegen Spanien die Chance, den Titel zu verteidigen. Ein Kunststück, das letztmals Brasilien vor 64 Jahren gelang. Die Engländer aber, die nach der Pause eine halbe Stunde lang führten, sie verloren auch den dritten WM-Halbfinal seit ihrem Titel von 1966. Für das Mutterland des Fussballs geht das Warten auf den nächsten Triumph weiter.
Aber beginnen wir von vorne: Vielleicht haben die Spieler beider Teams doch etwas zu viel gelesen und gehört in den letzten Tagen über die Vorgeschichte dieses Duells. Über Maradonas «Hand Gottes» von 1986. Oder über den Platzverweis von David Beckham 1998. Und natürlich haben sie dann auch nochmals einiges über den Falkland-Krieg von 1982 lesen und hören können.
Eine halbe Stunde bis zum ersten Abschluss
So jedenfalls muss es eigentlich gewesen sein: Denn wenn nicht gleich ein Krieg, so war es in Atlanta aber gewiss eine Fussball-Schlacht oder wenigstens ein Abnützungskampf von der ersten Minute an. Wie die beiden Teams in diesem Duell nämlich aufeinander losgingen, überstieg die verständliche Intensität und Leidenschaft eines WM-Halbfinals bei weitem.
Bis zum ersten harten Foul dauerte es knapp 80 Sekunden. Nach drei Minuten musste der amerikanische Schiedsrichter Ismail Elfath die erste Rudelbildung moderieren. Diskussionen nach jedem Pfiff, Scharmützel bei jedem Zweikampf. Dafür dauerte es über eine halbe Stunde, bis die Zuschauer zum ersten Mal den Torschrei auf den Lippen hatten. Zunächst kam Englands John Stones nach einem Freistoss mittels Kopfball zum Abschluss (33.), dann schoss Argentiniens Enzo Fernandez aus 25 Metern knapp über das Tor (38.).

Verteidiger Stones, Mittelfeldarbeiter Fernandez also. Dabei hofften die Fans auf einen Geniestreich von Lionel Messi. Oder auf eine Power-Aktion von Jude Bellingham. Oder auf einen Vorstoss von Harry Kane. Doch die drei Superstars, die an dieser WM bis zu den Halbfinals gemeinsam auf 20 Tore kamen, sie blieben lange Zeit Nebendarsteller. Kane war vor der Pause sogar der Spieler mit den wenigsten Ballkontakten.
Nach der Pause wird Fussball gespielt – und wie!
Das Spiel, das wir Fussball nennen, es begann erst nach der Pause. Aber immerhin. Und wie. Julian Alvarez, der Schütze des wegweisenden 2:1-Führungstor Argentiniens gegen die Schweiz, zwang Englands Jordan Pickford mit einem Schuss in die nahe Ecke zur ersten Goalie-Parade des Spiels (47.). Und er traf kurz darauf auch gleich noch ins Aussennetz.
Davon bitte mehr!, sagte man sich. Und tatsächlich: Nur wenige Minuten später fiel das erste Tor – einfach auf der anderen Seite. Harry Kane leitete den Angriff in der eigenen (!) Platzhälfte ein, dann flankte Morgan Rodgers von rechts und Anthony Gordon stahl sich im Rücken von Nahuel Molina davon, traf aus kurzer Distanz zur englischen Führung (55.).
Und jetzt fragte man sich: Können die Argentinier auf diesen Rückschlag eine Reaktion zeigen? Gegen Kap Verde, gegen Ägypten, gegen die Schweiz, da rettete sich der Weltmeister aus misslichen Situationen. Aber gegen England?

Ja, die Argentinier konnten es. Weil sich jetzt mit der Niederlage vor Augen auch Messi am Spiel beteiligte. Plötzlich forderte er den Ball, ging ins Dribbling und lancierte die Mitspieler. Etwa in der 68. Minute mit einer Flanke auf den eingewechselten Stürmer Nico Gonzalez, dessen Kopfball Pickford mirakulös abwehrte. Nach grossem Können hatte Pickford kurz darauf dann noch grösseres Glück, als der Kopfball von Alexis Mac Allister an den Pfosten flog.
Den Engländern ging es wie den Schweizern
Je länger die Partie nun dauerte, destor mehr glich sie der Physiognomie der Partie Argentiniens gegen die Schweiz. Rund um den Strafraum schnürten Messi & Co. den Gegner ein – nur diesmal bei numerischem Gleichstand. Und die Engländer erlebten das gleiche Ende wie die Schweizer: Die von der Band Oasis besungene und von den Fans nach den Siegen gegrölte «Wonderwall» fiel doch noch.

Erst traf Enzo Fernandez mit einem Schuss aus 22 Metern wunderbar zum Ausgleich (85.) und als die Nachspielzeit lief, da setzte Messi spät noch zu seinem absoluten Geniestreich an. Dribbling an der Strafraumgrenze, Flanke mit dem schwächeren, rechten Fuss. Und in der Mitte erzielte der eingewechselte Lautaro Martinez mit dem Kopf den späten Siegtreffer (92.). Dieses argentinische Team, es ist wie eine Katze mit sieben Leben.






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