Zwei Routiniers, ein besonderer Abend und keine Party: Die Schweizer Nati nach dem Sieg gegen Schottland

Ricardo Rodríguez macht eine Ansage, Nico Elvedi hat mehrfach Grund zum Feiern. Hinter den beiden Nati-Toren in Glasgow stecken besondere Geschichten – und eigentlich genügend Gründe für eine lange Nacht. Doch Murat Yakin hat andere Pläne.

«Es ist wirklich mal wieder Zeit geworden, ja!», sagt Ricardo Rodríguez bestimmt. Zeit, dass er wieder mal ein Tor im Dress der Schweizer Nationalmannschaft schiesst.

Über fünf Jahre ist es her, im Mai 2021, als Rodríguez gegen die USA in einem Freundschaftsspiel getroffen hat. Und jetzt dieser Treffer gegen Schottland, im Traditions-Tempel Hampden Park. Den Freistoss, den die Schweizer Nationalmannschaft im Nations-League-Spiel in Schottland zugesprochen bekommt, nachdem Dan Ndoye gefoult wurde, zirkelt Rodríguez direkt ins Tor.

Er habe gesehen, dass er an der Mauer vorbeischiessen könne – «und schliesslich habe ich schon ein paar Freistösse in meiner Karriere geschossen». Doch dieser, in seinem 146. Spiel für die Nati, dürfte vor allem auch für ihn persönlich bedeutend sein.

Nicht, weil es sein zehnter Nati-Treffer ist. Sondern vielmehr, weil Rodríguez in seiner aktuellen Situation wohl jeden Glücksmoment brauchen kann. In der Nati läuft es ihm zwar, hat er gerade gegen Schottland eine tolle, offensive Partie gezeigt. Im Klub aber hatte der 34-Jährige schon unbeschwertere Zeiten.

Nachdem sein Vertrag bei Betis Sevilla im Sommer nach zwei Jahren ausgelaufen war, war er vertragslos. Zwar galt er bei den Andalusiern über weite Strecken der Saison 2025/2026 als Stammkraft, dennoch gab es für ihn keine Zukunft mehr in Südspanien.

Zwei Monate lang war er auf der Suche – und wurde am Ende bei der alten Liebe fündig. Seit September ist er wieder Spieler des FC Turin, wo er von 2020 bis 2024 schon engagiert war. So richtig gefunkt hat es im zweiten Anlauf aber noch nicht. 17 Minuten nur konnte er in dieser Spielzeit sammeln. Umso wichtiger ist die Komfortzone Nationalmannschaft. Auch dann, wenn sein bester Freund und Weggefährte seit der U17-Weltmeisterschaft, Granit Xhaka, aufgrund seines gefälschten Impfzertifikates nicht mit dabei ist.

Tritt er bald wieder vom Elfmeterpunkt an?

Rodríguez strotzt in der Nati trotz allem vor Selbstvertrauen. So sehr, dass er auf die Frage, ob er künftig wieder Penaltys für die Nati schiessen wolle, sagt: «Ich bin immer bereit.» Der Trainer entscheide aber. Seit Murat Yakin im Herbst 2021 übernommen hat, ist Rodríguez jedoch nie mehr vom Elfmeterpunkt angetreten. Auch nicht im Penaltyschiessen gegen England an der Europameisterschaft 2024 – obschon er da noch auf dem Feld stand.

Vielleicht aber ist der Treffer zum 1:0 vom Dienstagabend eine kleine Befreiung. Eine, wie sie auch Nico Elvedi in den vergangenen Monaten erlebt hat. An der EM 2024 war Elvedi nur Zuschauer, an der WM in diesem Sommer war er bärenstark – und das war er auch in den jüngsten zwei Länderspielen gegen Nordmazedonien und Schottland.

Dass er, wie auch Rodríguez, gegen die Schotten ein Tor erzielt, ist der Lohn für tolle Leistungen. Und für Elvedi so etwas wie die Krönung spezieller 24 Stunden. Der Treffer zum 2:0 war stark. Doch mehr freuen wird er sich über die Marke von 75 Länderspielen, die er in Glasgow geknackt hat.

Damit nicht genug: Am Mittwoch feiert Elvedi seinen 30. Geburtstag. «Das Tor zum 2:0 ist ein schönes Geschenk, das er sich selbst gemacht hat», sagt Rodríguez, der wie Elvedi aus dem Nachwuchs des FC Zürich entstammt.

«Ich musste nur noch einschieben», sagt Elvedi selbst zu seinem Treffer. Dafür, aber insbesondere für seine Entwicklung in den letzten Monaten, gibt es gar noch Sonderlob vom Trainer: «Nico hat seit den Trainingsspielen in den USA im Sommer 2025 alles umgestellt. Es ist schön zu sehen, dass es Spieler gibt, die demütig sind und merken, dass sie an sich arbeiten und den Fehler nicht immer bei den anderen suchen müssen. Seine Entwicklung ist sehr professionell. Spitzenklasse», so Murat Yakin.

Die erhoffte Party muss aufgeschoben werden

Dennoch war der Coach auch eine kleine Spassbremse am Dienstagabend. Kurz nach der Partie entwickelten die Spieler die Idee, vielleicht noch im Glasgower Nachtleben auf Elvedis speziellen Abend anzustossen. «Ich würde gerne einen ausgeben», sagt Elvedi selbst.

Doch wenn überhaupt, dann konnte er das im Mannschaftshotel tun. «Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort kann man immer feiern», sagt Yakin und ergänzt: «Am Mittwoch ist früh Tagwach. Die Jungs wissen, um was es geht.» Im Hotel ein, zwei Bierli zu trinken? Kein Problem. «Aber sie können an einem anderen Zeitpunkt mehr feiern als an diesem Abend.»

Macht die Schweiz in der Nations League so souverän weiter, dann gibt es bald vielleicht den Aufstieg in die Liga A zu feiern. Dann vielleicht auch etwas ausgelassener und nicht nur in der Hotellobby.

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