Fussball Nationalmannschaft

Erst ungebraucht, jetzt unverzichtbar: Die erstaunliche Wandlung des Nico Elvedi

Vor zwei Jahren spielte Nico Elvedi an der EM keine einzige Minute. Heute ist der 29-Jährige nach einer starken WM und seinem Wechsel zu Leeds in die Premier League wichtiger denn je für die Schweizer Nati. Dahinter steckt auch ein Trainer, der schon früh an ihn glaubte.

Nico Elvedi will nicht weinen. Dann übermannen ihn die Emotionen. Mit zitteriger Stimme erklärt er, wie schwer es ihm falle, die richtigen Worte zu finden. «Ich will noch einmal etwas erleben», sagt er fast schon entschuldigend in die Kamera und zu den Fans von Borussia Mönchengladbach, von denen er sich mit einer Videobotschaft verabschiedet.

Im August hat der Schweizer Innenverteidiger nach elf Jahren den Schritt weg von Gladbach zu Leeds United in die Premier League gewagt. Der Abschied von den Fohlen war der emotionale Schlusspunkt eines Sommers, in dem sich für Elvedi vieles veränderte.

Mit dem Wechsel zu Leeds hat sich der 29-Jährige einen Traum erfüllt, den er schon länger hegte. Eine neue Liga kennenzulernen, ein neues Land. Den Weg dorthin ebnete ihm auch eine WM, bei der Elvedis Leistungen beinahe etwas untergingen. Dabei waren seine Performances herausragend, war Elvedi einer der besten Innenverteidiger des ganzen Turniers. Jede Minute hat er für die Schweizer Fussballnationalmannschaft absolviert.

Null Minuten an der EM 2024

Es war eine Entwicklung, die nicht selbstverständlich war. Noch zwei Jahre zuvor war die Nationalmannschaft zu einem schwierigen Pflaster für Elvedi geworden. Im Sommer 2024 war er an der Europameisterschaft in seiner damaligen Wahlheimat Deutschland zwar Teil des Kaders. Gespielt hat er aber: null Minuten. Als einer von nur sechs Akteuren blieb er Zuschauer. Eine bittere Pille für einen Spieler, der in der Qualifikation und auch in den Jahren zuvor zu den Stammkräften der Nati gehört hatte.

Doch Elvedis Null-Bilanz war auch die Konsequenz eines schwierigen Jahres im Klub. In der Rückrunde streute Elvedi immer wieder einfache Fehler ein und gab in der Retrospektive auch zu: «Im Kopf war ich nicht ganz da.» In der Hinrunde musste er zu Beginn zuschauen. Gladbach wollte ihn nicht einsetzen, nachdem Elvedi bereits damals den Schritt nach England angestrebt hatte, der Wechsel aber gescheitert war. Elvedi machte kein Geheimnis daraus, dass ihn der verpasste Transfer zu den Wolverhampton Wanderers belastete.

Statt zu wechseln, bekam Elvedi jedoch einen neuen Vertrag in Gladbach, avancierte mit 318 Einsätzen zum ausländischen Bundesliga-Rekordspieler der Fohlen. Und vor seinem Wechsel in diesem Sommer gar zum Vize-Captain der Borussia und einer «echten Borussia-Legende», wie ihn Sportchef Rouven Schröder bei seinem Abschied bezeichnete.

Bei Leeds konnte sich Elvedi sofort etablieren. Die Tränen des Abschieds sind trocken, stattdessen liefert Elvedi Wochenende für Wochenende in der besten Liga der Welt ab. Leeds steht nach fünf Runden in der Premier League auf Rang fünf und hat damit einen überraschend starken Start erwischt.

Das Wiedersehen mit dem Vertrauenstrainer

Das Engagement im Norden Englands ist für Elvedi aber nicht nur der ersehnte nächste Schritt, sondern auch eine Wiedervereinigung mit einem früheren Wegbegleiter: Seit Sommer 2023 wird Leeds von Daniel Farke trainiert, der zuvor ein Jahr Elvedis Coach bei Gladbach war. Unter dem Deutschen war Elvedi damals unantastbar bei der Borussia, summierte die meisten Einsatzminuten aller Feldspieler in der ganzen Saison. Dies, obschon er auf dem Rasen nicht nur überzeugen konnte. Die Fohlen-Fans erkoren Elvedi gar zum Sorgenkind.

Dennoch nahm Farke ihn immer wieder in Schutz, sagte gar: «Wenn er in seinem Top-Flow ist, ist er einer der besten Innenverteidiger in Europa. Das hat er über Jahre nachgewiesen.»

Mit diesem Vertrauen im Rücken scheint Elvedi auch jetzt wieder wie beflügelt zu sein. Im Spiel der Schweiz gegen Nordmazedonien vom Samstagabend gewann der Zürcher gefühlt jeden Zweikampf und lieferte so ab wie bereits an der WM. Von null Minuten an der EM 2024 zum unverzichtbaren Leader 2026 – Elvedis Situation hat sich komplett gewendet. In Abwesenheit von Granit Xhaka und Breel Embolo ist sein Einfluss als Führungsspieler aktuell gar noch grösser.

74 Länderspiele kann Elvedi bislang aufweisen. In seiner wiedergefundenen Form und mit dem dichten Programm der Nati in diesem Herbst dürften noch einige mehr dazukommen. Und kann Elvedi noch ganz viel erleben. So, wie er es sich in seinem emotionalen Abschiedsvideo gewünscht hat.

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