
Die Szenerie stimmt nachdenklich: Das erste Länderspiel im Herbst steht bevor. Eine neue Kampagne. Viel Hoffnung. Und hat das Land nicht erst vor zweieinhalb Monaten den ersten WM-Viertelfinal der Neuzeit erlebt und nach dem bitteren Aus gegen Argentinien gemeinsam Tränen der Enttäuschung vergossen? Aber statt Aufbruch und Glücksgefühle ist da: Krise. So sehr, dass sich Peter Knäbel, Präsident des Schweizerischen Fussballverbands, genötigt fühlt, zu Beginn der Übertragung Nordmazedonien-Schweiz auf SRF eine Rede zur «Lage der Nation» zu halten.
Die WM-Glücksgefühle sind weit weg. Es geht um gefälschte Covid-Zertifikate. Um Granit Xhaka und Breel Embolo, die zwei Stars, die beide nicht dabei sind im Nati-Tross in diesen Wochen. Vor allem aber um die Frage: Wie geht der Verband damit um?
Knäbel: Versuch der Befreiung
Xhaka hat zugegeben, ein gefälschtes Impfzertifikat erworben zu haben. Am Freitag machen diese Zeitung und der «Tages-Anzeiger» publik, dass er dieses auch eingesetzt hat bei einer Reise mit seinem damaligen Klub Arsenal. Embolo hingegen wurde für den Kauf gefälschter Testzertifikate bereits zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch diesen Fall macht diese Zeitung öffentlich.
Knäbels Interview bei SRF ist ein Versuch der Befreiung. Er erklärt, dass die beiden Fälle unterschiedlich liegen, aber doch für dieselbe Konsequenz sorgten, denn: «Wir wollten den Start in die Nations League schützen und die nötige Ruhe haben.»
Dass dies sportlich aufgegangen ist, beweisen jene Spieler, die zum Nationalteam gestossen sind, eindrücklich. Zu keiner Sekunde muss im Nationalstadion Nordmazedoniens befürchtet werden, die Schweiz könnte diese Partie nicht gewinnen. 3:0 steht es am Ende, und Nationaltrainer Murat Yakin bemängelt zurecht, dass es ein oder zwei Tore mehr hätten sein dürfen.
Nati-Spieler: Welche Konsequenzen hat eine Verurteilung?
Der SFV erkauft sich durch Xhakas und Embolos Abwesenheit etwas Zeit. Es bewahrt ihn aber nicht davor, Haltung einzunehmen. Bemerkenswert ist, wie sich die Tonalität von Knäbel seit Beginn der Woche verändert hat. Wählte er da noch schützende Worte für seinen Captain, kündigt er jetzt eine detailliertere Aufarbeitung an. Knäbel: «Wir werden klar definieren, was unsere Leitlinien sind. Es geht darum, zu klären: Wann ist es zu hart? Wann ist es zu weich? Wann ist das Fass voll?» Darauf habe sich der Zentralvorstand des SFV am Freitagabend verständigt. Knäbel will mit Xhaka und Embolo das persönliche Gespräch suchen, «das haben sie verdient».
Es geht also um die grosse Frage: Was darf sich ein Nationalspieler erlauben? Ob Captain oder nicht - das sei nicht entscheidend. Weil, so Knäbel: «Wer Nationalspieler der Schweiz ist, geniesst sowieso einen Status, der sehr repräsentativ ist.»

Verband: Warum erst jetzt Leitplanken?
Die Frage darf aber auch sein: Wieso beschäftigt sich der SFV erst jetzt damit, Leitplanken aufzustellen? Wieso muss er erneut reagieren, statt dass er proaktiv gehandelt hätte? Es gibt kein gutes Bild ab, wenn der Kommunikationschef des Verbandes am Tag vor dem Spiel in Skopje erklären muss, wie man von den Entwicklungen im Fall Embolo überrascht wurde.
Wäre es nicht die Pflicht des Verbandes gewesen, nachzuhaken? Embolo musste schon im Vorjahr vor Gericht erscheinen, in diesem Sommer konnte er ausserdem erst verspätet in die USA reisen, weil sein Einreiseformular nicht gültig war. Sollte das nicht stutzig machen? Knäbel jedenfalls spricht nun von «Abklärungen, die notwendig sind», um künftig besser vorbereitet zu sein.
Die verlorene Leichtigkeit des WM-Sommers
Ob all dieser Verhaltensregeln gerät in den Hintergrund, was sportlich in diesem Jahr passiert ist. Im Sommer noch jubelte die Schweiz über den Einzug in den Viertelfinal an der Weltmeisterschaft. Es war ein Turnier, an dem eine ganze Nation gross zu träumen begann – bis Embolo gegen Argentinien abhob und aufgrund seiner Schwalbe vom Platz gestellt wurde.

Diese Szene überschattete einen märchenhaften Sommer. Die Leichtigkeit verschwand in den Nachthimmel von Kansas. Und sie fehlt auch in diesem Herbst, wo doch eigentlich die Vorzeichen so schön hätten sein können. Die Schweiz hat aufregende Spieler im Kader, weiss ein ganzes Land hinter sich.
Yakins schwieriger Spagat
Und doch ist die Stimmung in Skopje trotz souveränem Sieg leicht gedämpft. Sinnbild dafür ist Murat Yakin. Zwar lobt er einzelne Spieler, spricht von einer starken Teamleistung. Aber Yakin lässt auch erkennen, wie sehr ihn die Thematik rund um Xhaka und Embolo noch beschäftigt. Auf die simple Frage, wie gut es ist, dass man auf dem Feld nichts von den Turbulenzen gespürt hat, antwortet er ausführlicher als nötig.
Es sei das erklärte Ziel gewesen, beginnt er und fährt fort: «Natürlich war es für den einen oder anderen schwierig, zu akzeptieren.» Schwierig, nicht einrücken zu können. «Aber es war wichtig für das Team, dass wir in Ruhe arbeiten und uns auf den Fussball konzentrieren konnten. Wir kennen die Dynamiken.» Man könne solche Dinge nicht kontrollieren – und genau das scheint es zu sein, was ihn stört. Aber dass man sie nicht einmal hat antizipieren können, das ist wohl der grösste Dorn im Auge. Befürchtet er also weitere solcher Fälle? «Das wäre sehr spekulativ. Und es ist ein heikles, schwieriges Thema.» Eines, das den sonst so entspannten Yakin umtreibt.
Der Nationalcoach befindet sich in einer verzwickten Situation. Selbstredend muss er die Entscheide des Verbandes mittragen, es war ihm aber am Tag vor dem Spiel beispielsweise sehr wichtig, zu betonen, dass nicht er entschieden habe, dass Embolo nicht einrücken dürfe.

Yakin signalisiert damit auch: Er will, dass die Debatten enden, damit er bald wieder auf die besten Fussballer zurückgreifen kann, die dieses Land hat. Dazu gehören Embolo und Rekordnationalspieler Xhaka diskussionslos. Eine Frage, welche die Fussball-Schweiz in den nächsten Wochen beschäftigen wird, lautet darum auch: Tut sich plötzlich ein Spannungsfeld auf zwischen Nationaltrainer und Nati-Bossen?


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.