
Ralf Rangnick traute seinen Augen nicht. Über 40 Jahre ist der «Professor» nun im Trainerbusiness und hat dabei viel gesehen, doch für Rodri fehlten Rangnick ein wenig die Worte. «So eine Leistung von einem Spieler auf dieser Position habe ich live noch nie erlebt», sagte Österreichs deutscher Teammanager. Auch wegen Spaniens Kapitän und Mittelfeldmotor Rodri waren Rangnick und die ÖFB-Elf im WM-Sechzehntelfinal (0:3) ausgeschieden.
Wenn Europameister Spanien im Achtelfinal am Montag in Dallas (21.00 Uhr MESZ) auf Portugal trifft, wird Rodri wieder den Takt vorgeben – und auf sein portugiesisches Pendant Vitinha treffen. Für Tore und Spektakel sind die Offensivstars Lamine Yamal und Cristiano Ronaldo zuständig. Ohne die Vorarbeit der Referenzspieler im Mittelfeld sind die Starstürmer jedoch aufgeschmissen.
Von Formkrise keine Spur
Rodri, Weltfussballer von 2024, ist Spaniens Herzstück im Zentrum. Der Profi von Manchester City gilt als Goldstandard auf der Sechserposition. Er überzeugt mit Physis und Übersicht, verfügt über ein herausragendes Positionsspiel und ist ballsicher.
Hinter Rodri liegt allerdings eine holprige Saison. Die Meisterschaft in England ging an den FC Arsenal verloren, mutmasslich auch, weil Rodri immer wieder von Verletzungen geplagt war. Bei der WM steht er nun wieder fast durchgehend auf dem Platz – und ist auch als Führungspersönlichkeit unverzichtbar.
Das richtige Mindset versuchte er seinen Teamkollegen schon vor dem Turnier einzuimpfen. Rodri forderte Demut und Einsatzbereitschaft. Als Vorbild nannte er Rafael Nadal. In einer Dokumentation über den 22-maligen Grand-Slam-Sieger habe dieser darüber gesprochen, «immer noch eine Anstrengung mehr» zu liefern: «Genau das zeichnet die grössten Champions aus. Wir müssen gegen den Ball mit der Mentalität eines Aussenseiters spielen – ohne zu glauben, wir seien ohnehin die Besten.»
Auch Portugal hat einen der weltbesten Sechser im Team
Wenn es darum geht, Räume zu kontrollieren, ist Rodri einer der Besten. Vitinha dagegen kontrolliert den Ball. Dass Paris Saint-Germain zweimal nacheinander die Champions League gewonnen hat, liegt auch am 26-Jährigen. Nahezu jeder Angriff läuft über ihn. Für Paris und Portugal ist Vitinha eine Art Dirigent, er löst Pressing durch Dribblings auf, beschleunigt Angriffe, ist kreativer, spielt eleganter und ist offensiver eingestellt als Rodri.

Er sehe, sagte PSG-Coach und Spaniens Ex-Nationaltrainer Luis Enrique einmal, auf der Welt «keinen besseren Mittelfeldspieler» als Vitinha: «Er ist überragend. Gerade in den wichtigsten Phasen eines Spiels sorgt er mit seiner Ballkontrolle für Ruhe. Zudem ist er sowohl in der Offensive als auch in der Defensive enorm effektiv.»
Nur, konstant abrufen kann dieser seine Leistungen im Nationaltrikot bisher nicht. Beim mühsamen 2:1 gegen Kroatien, das in Portugal eher Erleichterung als Euphorie auslöste, wurde Vitinha in der 62. Minute ausgewechselt. Trotz der grossen individuellen Klasse fehlt Portugal im Turnier bislang die spielerische Dominanz im Mittelfeld.
Das soll sich gegen Spanien ändern – sofern Portugal auch ein Mittel gegen Rodri findet. «Wir haben grossen Respekt vor der Qualität Spaniens», sagte Portugals spanischer Nationaltrainer Roberto Martinez: «Ich glaube, dass uns ein fantastisches Spiel erwartet. Es wird das europäische Gipfeltreffen dieser WM.»
Ronaldos letztes Spiel im Nationaldress?
Gelingt dies den Portugiesen nicht, könnten die CR7-Fans ihren Superstar zum letzten Mal im Trikot der Nationalmannschaft gesehen haben. Nach der WM soll Schluss sein – sagt zumindest seine Schwester.

«Nach den Informationen, die ich habe, aus einer verlässlichen Quelle, könnt ihr anfangen, euch zu verabschieden, denn ich glaube, jetzt ist Schluss», sagte Katia Aveiro vor dem 2:1 (0:0) im Sechzehntelfinale gegen Kroatien dem portugiesischen Fernsehsender SportTV: «Ich glaube nicht, dass er heute zurücktritt, aber es wird bald so weit sein. Also geniesst es.»
Ronaldo selbst hielt sich bedeckt. Er wolle sich nach dem Turnier darüber Gedanken machen. «Ich werde mit meiner Familie reden», sagte der 41-Jährige, nachdem er nach dem Sieg über Kroatien die Auszeichnung als Spieler des Spiels erhalten hatte: «Ich treffe keine Entscheidungen mehr im Eifer des Gefechts. Das Einzige, was im Moment für mich zählt, ist, die Gegenwart zu geniessen und der Nationalmannschaft zu helfen.»
Bei der Heim-WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko wäre Ronaldo 45 Jahre alt. Schon jetzt hat er sich mit der sechsten Teilnahme an einer WM in die Geschichtsbücher eingetragen, nach Weltmeister Lionel Messi (29) hat er die meisten Spiele (26) bei WM-Endrunden absolviert. Im Gegensatz zu dem Argentinier hat er jedoch bei allen sechs Turnieren Tore erzielt. (sid)





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