Manchmal dauern Dinge etwas länger. Und manchmal gibt es Dinge, die kaum erklärbar sind. Gregor Deschwanden entpuppt sich in diesem verrückten Skisprung-Winter als Meister der grossen Überraschungen.
Im vergangenen Winter war der Schweizer Skispringer konstant einer der Besten seiner Zunft. Mehrfach schaffte es der Luzerner im Weltcup aufs Podest - sogar bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee.
Doch ausgerechnet im Olympiawinter harzt es lange beim gross gewachsenen Musterathleten. Deschwanden benötigt mehr Zeit als andere, um sich auf die Regeländerungen beim Anzug und die Folgen aufs Flugsystem einzustellen. Er springt der Konkurrenz in der ersten Saisonhälfte teilweise um Meilen hinterher.
Just beim wichtigsten Anlass der Saison erlebt der 35-Jährige jedoch eine Leistungsexplosion. Der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Winterspielen auf der Normalschanze kommt derart unerwartet, dass einige Zeitungen in der Heimat am nächsten Tag kaum Platz in ihrem Blatt finden, um diesen Husarenritt gebührend zu würdigen.
Und nun verblüfft der unbestrittene Teamleader erneut. Ausgerechnet auf der prestigeträchtigen Holmenkollen-Schanze, die wie eine Ehrerbietung an den nordischen Skisport hoch über Norwegens Hauptstadt Oslo thront, gewinnt Gregor Deschwanden bei seinem 363. Einsatz im Weltcup zum ersten Mal. Nie war ein Premierensieger älter.
Die Freude war riesig, die Party danach kurz. Denn nur 15 Stunden nach diesem Exploit musste Gregor Deschwanden am Sonntagmorgen um 9 Uhr bereits wieder ran zur Qualifikation für das zweite Springen des Wochenendes.
Doch während der Innerschweizer am Samstag bei seinem Sieg vor dem Halbzeit-Führenden Maximilian Ortner aus Österreich auch davon profitierte, dass einige Konkurrenten wie Überflieger Domen Prevc den wechselnden Windbedingungen zum Opfer fielen, wurde er diesmal selbst Opfer einer Lotterie am Rande des Zumutbaren.
Immer heftiger wurden am Sonntagabend die Böen, immer schneller änderte sich die Richtung des Windes. Der Kommentator im ORF sagte zum Klassement, man könnte genauso gut würfeln und fügte kurz darauf mit einem Ausrufezeichen an: «Jetzt wird es langsam gefährlich!» Tatsächlich erlebten einige Springer brenzlige Situationen in der Luft und viele der Topathleten blieben aufgrund der zunehmenden Schwierigkeiten chancenlos. Der deutsche Olympiasieger Philipp Raimund setzte ein Zeichen und verzichtete auf das Risiko, von der exponierten Schanze in Oslo zu springen.
Auch Gregor Deschwanden war letztlich froh, dass ihn der böenartige aufkommende Aufwind nicht vom Sprunghügel bliesen. Mit Rang 38 sah er sich resultatmässig wieder mit dem Alltag von Anfang Saison konfrontiert. Emotional allerdings war sein Osloer Wochenende eine gänzlich andere Welt.
Es sei ihm wichtig gewesen, diesen Moment mit dem Team zu feiern, «aber zu einer langen Party wurde es definitiv nicht. Zum einen spürt man, dass es Ende Saison ist. Die Energiereserven sind langsam aufgebraucht. Da ist ein entspanntes Bier keine schlechte Variante. Zum anderen stand um 7.00 Uhr wieder das Morgenessen auf dem Programm.», sagt Deschwanden am Telefon.
Dass Skispringer eher technisch denkende Menschen sind, kann auch er nicht verbergen. Gregor Deschwanden sagt, es sei schön, dass er diesen Punkt «jetzt abhaken kann». So hört sich Nüchternheit im Moment von Emotionalität an. Erst ein Nachhaken bringt den Premierensieger zumindest ein wenig aus der Komfortzone: «Selbstverständlich war es ein emotionaler Moment und für mich eine Riesensache.» Dann kehrt Gregor Deschwanden zurück in den gewohnten Analysemodus: «Wie bei Olympia war es endlich wieder ein kompletter Wettkampf von mir mit zwei Topsprüngen. Im Finaldurchgang habe ich alles in die Waagschale geworfen.»




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