Ski alpin

Camille Rast trotz Bestresultat enttäuscht: «Sölden und ich, das ist keine Lovestory»

Paula Moltzan triumphiert beim Auftakt in den WM-Winter. Camille Rast verpasst im Riesenslalom von Sölden trotz eines starken ersten Laufs das Podest.

Freude oder Ärger? Das ist die grosse Frage bei Camille Rast nach dem ersten Rennen dieser Skisaison. Rang sechs bedeutet einerseits das beste Sölden-Resultat ihrer Karriere (bisher 2024 Rang 12). Andererseits ist da eben auch der Fakt, die gute Ausgangslage nach dem ersten Lauf (Dritte) nicht ins Ziel gebracht zu haben.

Entsprechend zwiespältig sind Rasts Gefühle im Anschluss. «Es ist jedes Jahr dasselbe. Sölden und ich, das ist keine Lovestory», sagt die 27‑Jährige. Als «durchschnittlich» bezeichnet sie ihre Leistung, «das Rennen ist noch zu nahe, deshalb bin ich etwas enttäuscht. Vielleicht sieht es am Abend anders aus. Ich spürte jedenfalls, dass mehr möglich gewesen wäre.»

Fakt ist: Die führenden Fahrerinnen nach dem ersten Lauf, Mikaela Shiffrin, Sara Hector und eben Rast, fielen im zweiten Durchgang allesamt zurück. Der einsetzende Schneefall und die Sicht, die immer schlechter wurde, spielten dabei offensichtlich eine Rolle. Rast will jedoch betont haben: «Ich will nirgendwo eine Schlagzeile lesen über schlechtes Wetter während meiner Fahrt!» Und sie sagt: «Wir sind die Besten der Welt. Wir sollten es auch können, wenn wir nicht genau sehen, wann ein Schlag kommt oder wohin die Füsse gerade gehen.» Eine ehrenwerte Einstellung.

Rast hasst warten: «Ich habe lieber jedes Wochenende ein Rennen»

Bei allem Unbill über das verpasste Podest ist Rasts Leistung ein Fortschritt verglichen mit den letzten Jahren. Vor allem der hervorragende erste Lauf wird ihr viel Selbstvertrauen geben für die anstehenden Slaloms in Levi (14.11.) und Gurgl (21.11.). «Am Anfang der Saison habe ich häufig Mühe. Ich mag es, wenn jedes Wochenende ein Rennen ansteht und so richtig ein Rennrhythmus entsteht.»

Doch nun heisst es wieder drei Wochen warten. Rast wird zunächst zurück ins Wallis fahren. «Ich hoffe, in Zinal können sie viel beschneien, weil es kalt ist. Dann kann ich zu Hause viel Slalom trainieren.» Und vielleicht gönnt sie zwischendurch ein Fondue mit ihren Eltern, «das ist eine gute Idee, mal schauen».

Ohne Gut-Behrami hängt alles von Rast ab

Es bleibt dabei: Sölden bringt den Schweizer Skifahrerinnen kein Podestglück. Zumindest, wenn die Athletin nicht Lara Gut-Behrami heisst. Zum insgesamt 28. Mal fand am Samstag auf dem Rettenbachgletscher ein Riesenslalom der Frauen statt. Sechs Schweizer Podestplätze gab es in all diesen Jahren. Fünf von Gut-Behrami. Einzig Sonja Nef schaffte es im Jahr 2001 ebenfalls auf das Podest.

Gut-Behrami ist bekanntlich nicht mehr dabei. Anfang August gab die 35-Jährige ihren Rücktritt bekannt. Weshalb nun derzeit der gesamte Druck im Riesenslalom im Team der Schweizerinnen auf Rast liegt. Hinter ihr klafft eine Lücke. Diese Erkenntnis hat der Auftakt in Sölden erneut bestätigt.

Hinter Rast sammelten vier weitere Schweizerinnen Punkte, Wendy Holdener (20.), Simone Wild (24.), Stefanie Grob (25.) und Vanessa Kasper (28.). Für höhere Ansprüche genügen diese Resultate indes nicht. Dania Allenbach, Sue Piller, Corinne Suter, Shaienne Zehnder und Sina Fausch verpassten den zweiten Lauf.

Paula Moltzan: Sieg und doppelte Premiere

Für die grosse Geschichte des Tages sorgt die Amerikanerin Paula Moltzan. Mit 32 Jahren gewinnt sie ihr erstes Weltcup-Rennen der Geschichte. «Damit habe ich mein Lebensziel erreicht», sagt sie im Anschluss an den Erfolg völlig überwältigt, «es fühlt sich surreal an, aber ich bin wirklich stolz auf meine Leistung». Sechsmal wurde sie schon Zweite, auch in Sölden vor einem Jahr, dazu gewann sie an der WM 2025 Bronze im Riesenslalom. Und nun also der grösste Erfolg der Karriere.

Als Moltzan von «Schweiz heute» gefragt wird, ob sie je daran dachte, überhaupt nie zu gewinnen, sagt sie: «Natürlich. Jeder und jede hat Zweifel. Wir sind alles Menschen. Manchmal erreicht man seine Ziele nicht. Und manchmal setzt man sich auch hohe Ziele, um sich selbst zu inspirieren und zu pushen. Ich bin ja nicht mehr jung, sondern 32. In diesem Alter den ersten Sieg zu holen, das fühlt sich phänomenal an.»

Moltzan ist die erste Frau bei Van Deer

Mit ihrem Sieg sorgt Moltzan für eine weitere Premiere. Als erste Athletin überhaupt triumphiert sie in einem Weltcuprennen auf der Skimarke Van Deer. Moltzan fährt neu für die Firma, an der der achtfache Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher beteiligt ist. Als erste Frau wurde sie ins Team der österreichischen Marke aufgenommen.

«Ich war früher auch ein bisschen Hirscher-Fan. Aber ich muss zugeben, ich war ein noch grösserer Fan von Ted Ligety und hatte einen Crush auf ihn», sagt sie lachend. «Aber Hirscher ist definitiv ein Grund für meinen Wechsel zu Van Deer. Er gab seinen Segen – darum bin ich nun hier.»

Überhaupt ist es ein herausragender Auftakt für das US-Team. Gleich fünf Fahrerinnen klassieren sich in den Top 16. Eine Bilanz, von der die Schweiz nur träumen kann. Komplettiert wird das Sölden-Podest von Lara Colturi (Albanien) und Emma Aicher (Deutschland).

Scheib scheitert früh – Österreich hadert

Ein Drama setzt es dagegen für Österreich ab. Vorjahressiegerin Julia Scheib scheidet im ersten Durchgang bereits nach 32 Fahrsekunden aus. Sie wird spektakulär von der Piste abgeworfen und landet im Schnee. Besonders bitter: Bis dahin ist Scheib mit grossem Abstand die Schnellste am Berg, mindestens 60 Hundertstel vor der Konkurrenz.

Zum Glück erleidet die Kugelgewinnerin im Riesenslalom der letzten Saison keine Verletzung. «Ich spüre das Knie ein bisschen, aber ich kann Schlimmeres ausschliessen», sagt Scheib zu «Schweiz heute». Die Enttäuschung im Zielraum vor dem Heimpublikum ist der 28-Jährigen deutlich anzusehen. «Schade ist vor allem, dass es nun einige Zeit dauert bis zum nächsten Riesenslalom.» Am 28. November, in fünf Wochen also, findet dieser in Killington statt.

Beste Österreicherin wurde Franziska Gritsch auf Rang neun. Die 29-Jährige ist genau wie Simone Wild auf privater Basis unterwegs, nachdem sie beim Österreichischen Skiverband (ÖSV) aussortiert wurde. Nun war sie in Sölden die einzige Österreicherin, die überhaupt den zweiten Lauf erreichte.

Der Liveticker zum Nachlesen:

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