Sölden

Die Schweiz sucht eine neue Ski-Königin – Camille Rast sagt: «Das Abenteuer beginnt gerade erst»

Nach dem Rücktritt von Lara Gut-Behrami könnte Camille Rast zur grossen Figur werden. Vielleicht sogar zur Siegerin im Gesamtweltcup.

Nun ist es also bald so weit. Mit dem Riesenslalom in Sölden beginnt am Samstag eine neue Ära im Schweizer Skisport: die Zeit nach Lara Gut-Behrami. 19 Jahre lang war die Tessinerin die Lichtgestalt im Schweizer Frauenteam. Seit die 35-Jährige Anfang August ihren Rücktritt bekannt gegeben hat, stellt sich darum die Frage, wie es wohl wird ohne sie.

Die Antwort lautet: anders. Das zeigt sich bereits in Sölden. Während Gut-Behramis langjähriger Ausrüster Head hier gewöhnlich mit einer grossen Show und all seinen Stars in den Winter startete, blieb es an diesem Donnerstag bedächtig ruhig. Die grosse Sause fiel aus. No Lara, no Party.

Die offizielle Begründung, weshalb die Head-Show abgesagt wurde, lautet selbstredend anders: Man habe die Aktivitäten dem Zeitgeist angepasst und stelle die Athletinnen und Athleten nur noch in den sozialen Medien vor. Die selbst ernannten Rebellen des Weltcups sind zahm geworden.

Dabei sind die sportlichen Aussichten für Head eigentlich weiterhin rosig. Mit Emma Aicher und Camille Rast hat der multinationale Skigigant zwei der meistgenannten Favoritinnen auf den Sieg im Gesamtweltcup unter Vertrag. Die grosse Show überlassen die beiden allerdings lieber anderen.

Shiffrin öffnet die Türe im Gesamtweltcup

Statt zu Head geht es ins Restaurant Giggi Tenne. Wo sonst Tiroler Spezialitäten serviert werden, präsentierten die Schweizer Athletinnen ihr Erfolgsrezept für die Saison. Unter ihnen: Camille Rast. Den vergangenen Winter schloss die 27-Jährige auf Rang drei im Gesamtweltcup ab. Und seit Mikaela Shiffrin vor rund zwei Wochen angekündigt hat, künftig weniger Slaloms zu bestreiten, ist Rast aufgestiegen in der Favoritinnenhierarchie.

Sie selbst begegnet solchen Prognosen vor dem Saisonstart mit einem Lächeln. «Natürlich macht es mich stolz, wenn mein Name in diesem Zusammenhang  fällt. Es zeigt, dass ich offensichtlich gut Ski fahre. Aber den Gesamtweltcup mit nur zwei Disziplinen zu gewinnen, ist ziemlich unrealistisch.» Anders als etwa Emma Aicher, die alle vier Disziplinen bestreitet, konzentriert sich Rast einzig auf den Riesenslalom und Slalom.

Zumindest vorerst. Rast schliesst zwar nicht aus, ihr Rennprogramm irgendwann auszubauen – im Sommer trainierte sie sogar einen Tag lang Super-G. «Doch im Moment sehe ich noch zu viel Entwicklungspotenzial im Slalom und Riesenslalom, um bereits den nächsten Schritt zu planen.»

Vor zehn Jahren gab Camille Rast ebenfalls in Sölden ihr Weltcupdebüt. So richtig ein Begriff ist die Walliserin vielen aber erst seit zwei Jahren und ihrem ersten Weltcup-Podestplatz im Riesenslalom von Killington. Seither startet Rast allerdings durch. 2025 wurde sie Weltmeisterin im Slalom. Im vergangenen Februar kam Olympiasilber in der gleichen Disziplin dazu.

Eigentlich bringt Rast vieles mit zum alpinen Star. Trotzdem bleibt es rund um sie eher ruhig. Die grosse Aufmerksamkeit bekommen andere. Das zeigt sich auch auf ihrem Helm. Auf der für Skifahrerinnen lukrativsten Werbefläche wirbt sie weiterhin für ihr Heimat-Skigebiet Grimentz-Zinal.

Die Hüftprobleme bleiben, die Zuversicht steigt

Der Flug unterhalb des Radars scheint Camille Rast allerdings nicht zu stören. Auf Instagram bewegen sie andere Themen: «Mein vielleicht grösster Sieg ist, dass ich immer noch hier bin – glücklich darüber, Ski zu fahren und meine Leidenschaft mit den besten Skifahrerinnen zu teilen.»

Das hat viel mit dem bisherigen Verlauf ihrer Karriere zu tun. Drei Saisons verpasste sie verletzt. Dazu kamen Depressionen. Auch darum sagt Rast: «Meine Reise im Weltcup verlief alles andere als ohne Unterbrechungen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Abenteuer gerade erst beginnt.»

Zwar ist Rast auch in diesem Jahr nicht frei von Problemen. Eine Hüftverletzung, zugezogen kurz nach dem WM-Titel im Februar 2025, plagt sie weiterhin. Aber seit diesem Sommer sei ihr Körper wieder im Gleichgewicht, die Anzahl der guten und schmerzfreien Tage nehme zu.

Vielleicht kommt es in Sölden also doch noch zur grossen Party: Einfach erst nach dem Rennen. Die Zeit nach Lara Gut-Behrami kann beginnen.

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