Lucas Pinheiro Braathen ist ein gewiefter Erzähler. Das erstaunt nicht: Als er vor zwei Jahren in Sölden sein Comeback ankündigte, um fortan für Brasilien an den Start zu gehen, sagte er, er wolle gute Geschichten liefern.
Zwei Jahre später lässt sich bilanzieren: Mission erfüllt. Pinheiro Braathen ist ein wohltuender Farbtupfer im Weiss des Schnees. Der 26-Jährige hat den Skisport an die Copacabana gebracht. Es ist mehr als ein Marketing-Gag, wenn er sagt: «Ich habe unseren Sport mehr als 200 Millionen Menschen nähergebracht.» Ganz Brasilien kennt ihn zwar längst nicht. Seinetwegen werden die Skirennen nun aber auch in Rio live übertragen.
Sportgeschichte hat er bereits geschrieben
Am Sonntag startet Pinheiro Braathen in Sölden in seine dritte Saison für Brasilien. Er hat seit seinem Comeback – in seiner ersten Karriere ging er für Norwegen an den Start und zerbrach an den engmaschigen Strukturen des Verbands – nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Geschichte geschrieben: als erster Brasilianer auf dem Podest eines Weltcuprennens. Als erster Sieger. Und vor allem mit Gold bei den Olympischen Spielen.
Wir treffen Pinheiro Braathen zweieinhalb Wochen vor dem Saisonstart in Österreich. Den Sommer hat er in Brasilien verbracht, jetzt ist er zurück in Europa. Und er hat Grosses vor: «Ich versuche eigentlich immer, eine bessere Version des Athleten und des Menschen zu werden, der ich gestern war. Darauf konzentriere ich mich mehr als auf konkrete, pragmatische Ziele. Aber natürlich helfen mir sportliche Ziele dabei, das zu erreichen.»
Pinheiro Braathen mag bisweilen sprachliche Umwege einschlagen und mit seiner extrovertierten Art den Fokus weg von der Piste lenken. Aber – und das geht oft vergessen – er ist Profisportler durch und durch. Ein harter Arbeiter mit einem klaren Ziel: der Beste zu werden. Nur verpackt er das etwas eleganter: «Sportliche Ziele stellen Anforderungen an mich und sorgen dafür, dass ich die nötige Entschlossenheit behalte, um auf dem Niveau zu arbeiten, das notwendig ist, wenn man der Beste werden will.»
Das Ziel: ein echter Kampf mit Odermatt
Die vergangene Saison schloss Pinheiro Braathen auf Rang zwei im Gesamtweltcup ab. Geschlagen wurde er einzig von Marco Odermatt, dem Seriensieger, der die grosse Kristallkugel bereits fünfmal gewonnen hat. Dass er Odermatt schlagen kann, hat Pinheiro Braathen allerdings bereits bewiesen. Im olympischen Riesenslalom zum Beispiel. Oder in der Disziplinenwertung des Riesenslaloms. Nun soll der nächste Schritt folgen. «Wenn man im Gesamtweltcup Zweiter wird, will man danach Erster werden», sagt Pinheiro Braathen. Es ist eine Kampfansage an Odermatt.
Und um das Ziel zu erreichen, hat Pinheiro Braathen seine gesamte Vorbereitung umgestellt. Er hat den Super-G in den Fokus genommen und damit eine dritte Disziplin neben Slalom und Riesenslalom. Dafür ist er erstmals auch nach Chile gereist. «Dort gibt es Gelände und Bedingungen, die besser zum Super-G passen. Ich hoffe, dass sich das auszahlen wird, ich mehr Punkte sammeln und Marco einen echten Kampf liefern kann.»
Zur Einordnung: Am Ende des vergangenen Winters fehlten Pinheiro Braathen im Gesamtweltcup 568 Punkte auf Odermatt. Oder umgerechnet auf die zusätzliche Disziplin: mehr als fünf Siege im Super-G. Es ist eine Herkulesaufgabe, die sich Pinheiro Braathen stellt. Doch er ist bereit, sie anzugehen. «Ich versuche stets, meinem Herzen und meiner Intuition zu folgen. Und wohin mich das führt, dorthin soll es wohl gehen», sagt er.
Die letzten Herausforderer sind alle gescheitert
Mit Pinheiro Braathen kommt Bewegung in einen Wettbewerb, der in den vergangenen Jahren eigentlich keiner mehr war. Zu dominant ist Odermatt. Zu sehr schwächelten die Konkurrenten. Aleksander Kilde, der mit seinen Fähigkeiten ein Kandidat für den Gesamtweltcup wäre, hat seit Längerem mit Verletzungen zu kämpfen. In der Vorbereitung auf diese Saison zog er sich einen Achillessehnenriss zu und wird wohl ohne Renneinsatz bleiben.
Als bisher letzter Athlet vor Pinheiro Braathen hat Marco Schwarz offiziell mit dem Gesamtweltcup geliebäugelt. In der Saison 2023/24 ging der Österreicher dafür in allen vier Disziplinen an den Start und war in der Gesamtwertung zwischenzeitlich tatsächlich vor Odermatt klassiert. Doch dann stürzte Schwarz in der Abfahrt von Bormio und zog sich dabei einen Kreuz- und Meniskusriss sowie einen Knorpelschaden am rechten Knie zu.
Es folgten schwierige Jahre für Schwarz. Inzwischen hat der 31-Jährige seine Ambitionen zurückgeschraubt. Den Slalom hat er offiziell aus seinem Wettkampfprogramm gestrichen. Die grosse Kugel rückt in weite Ferne.
Gleiches gilt für Loïc Meillard. Auch er wurde als Herausforderer von Odermatt gehandelt. Und auch er wird sein Programm – wenn auch aus anderen Gründen – reduzieren. Meillard hat angekündigt, zumindest bis Ende Jahr auf Einsätze im Super-G zu verzichten. Im Sommer ist Meillard Vater geworden. Seine Prioritäten haben sich dadurch etwas verschoben.
Die Ausgangslage bei Pinheiro Braathen präsentiert sich anders. Er weitet sein Programm aus. Dass das Unterfangen nicht einfach wird, ist er sich bewusst: «Ich habe mehrere Jahre lang versucht, meine Präsenz auf drei Disziplinen auszubauen – und das war wirklich schwierig. Dieses Jahr haben wir die Messlatte nochmals höher gelegt. Ich fühle mich bereit.»





Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.