notifications
Lucas Pinheiro Braathen

Einst zog er als Norweger die Reissleine, nun ist er als Brasilianer Olympiasieger

Lucas Pinheiro Braathen gewinnt den Riesenslalom von Bormio. Zwei Medaillen gehen an die Schweiz: Marco Odermatt holt Silber, Loïc Meillard Bronze.
Lucas Pinheiro Braathen küsst seine Goldmedaille nach dem Sieg im olympischen Riesenslalom.
Bild: ANNA SZILAGYI/Keystone

Natürlich durfte ein Samba-Tänzchen nicht fehlen. Schliesslich ist Lucas Pinheiro Braathen ja genau dafür zurückgekommen: um Skigeschichte zu schreiben für Brasilien, das Geburtsland seiner Mutter. Seit Samstag ist diese Mission nun endgültig erfüllt. Der 25-Jährige ist Olympiasieger im Riesenslalom. Es ist die erste Medaille eines Brasilianers an Winterspielen.

58 Hundertstelsekunden war Pinheiro Braathen am Ende schneller als Marco Odermatt auf Rang zwei. Bronze sicherte sich Loïc Meillard mit einem Rückstand von 1,17 Sekunden. Den Unterschied hatte Pinheiro Braathen im ersten Durchgang gemacht, als er die Gegner deklassierte.

Begonnen hat Pinheiro Braathens Weg zum Skistar in Norwegen. In den Förderstrukturen des Heimatlands seines Vaters wurde er als Rohdiamant geschliffen. Braathen schaffte es in den Weltcup, gewann unter anderem 2022 den Slalom in Wengen und ein Jahr später jenen in Adelboden. Doch der jahrelange Schliff hatte Furchen hinterlassen. Nur sah diese niemand.

So war die Überraschung riesig, als Braathen im Oktober 2023 vor dem ersten Saisonrennen in Sölden seinen Rücktritt verkündete – mit erst 23 Jahren. Danach sagte er: «Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich frei.»

Gold ist nicht sein grösster Erfolg

Braathen war am System des norwegischen Skiverbands zerbrochen. Ihn störte, dass der Verband – in seinen Augen – seine individuelle Entfaltung verhinderte. Der Freigeist, der er noch heute ist, fühlte sich eingesperrt.

Lucas Pinheiro Braathen springt auf das Podest. Daneben applaudieren Marco Odermatt (links) und Loïc Meillard.
Bild: John Locher/Keystone

Es ging aber auch um Geld. Der norwegische Skiverband schränkt die Möglichkeiten der individuellen Vermarktung seiner Athleten stark ein. Henrik Kristoffersen ging einst sogar gerichtlich dagegen vor, scheiterte allerdings mit seinem Vorhaben, die Regeln zu lockern. Kristoffersen gab sich geschlagen. Braathen war deutlich radikaler. Er zog die Reissleine.

Nach seinem Rücktritt genoss Braathen die neuen Freiheiten in seinem Leben. Man sah den Paradiesvogel an verschiedensten Orten. Selbst als Modell versuchte er sich. Doch die Leidenschaft für das Skifahren blieb in seinem Herzen und drang immer deutlicher zurück an die Oberfläche.

Ein Jahr nach seinem Rücktritt – es war wieder in Sölden – kehrte Braathen zurück. Aus Lucas Braathen war Lucas Pinheiro Braathen geworden. Beim Medientermin verteilte er Caipirinhas und brasilianische Snacks. Danach sagte er: «Ich bin ein Showman. Was zählt, ist die Story.»

Nun hat diese Geschichte ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nach seinem Olympiasieg brach Pinheiro Braathen immer wieder die Stimme. Dann sagte er: «Dieser Sieg bedeutet alles für mich. Er war immer mein Traum. Aber er ist nicht mein grösster Erfolg. Mein grösster Erfolg ist es, dass ich authentisch sein kann, dass ich meine Träume verfolgen kann.»

Bei den Schweizern überwiegt der Stolz

Als sich Pinheiro Braathen rund eine Stunde zuvor als Olympiasieger in den Schnee fallen liess, umarmten sich nur ein paar Meter entfernt Marco Odermatt und Loïc Meillard. Die Schweizer lächelten. Odermatt hat Silber gewonnen, Meillard Bronze. Beide wussten: Mehr war nicht mehr möglich.

«Wir haben die Siegchance schon im ersten Lauf vergeben», sagte Meillard etwas später. Stolze 1,57 Sekunden war er im ersten Durchgang langsamer als Braathen. Zu Zwischenrang drei (!) reichte Meillars Auftritt trotzdem.

Bei Marco Odermatt (links, Silber) und Loïc Meillard (Bronze) überwog der Stolz.
Bild: MICHAEL BUHOLZER/Keystone

Braathen war im ersten Durchgang in einer eigenen Liga unterwegs. Odermatt verlor als Zweitschnellster 95 Hundertstel und bilanzierte: «Lucas hat mit der Startnummer eins die perfekte Vorlage zum Sieg erhalten.» Die hohen Temperaturen in Bormio hatten der Piste in den vergangenen Tagen zugesetzt. Mit jedem Fahrer wurden die Spuren tiefer.

Als Odermatt mit Startnummer fünf ins Rennen ging, hatte er bereits Mühe, die Kurven sauber zu ziehen. Die erhoffte Goldmedaille zum Abschluss seiner Olympia-Einsätze war ihm dadurch eigentlich bereits entglitten. Im zweiten Durchgang, ausgeflaggt vom Schweizer Riesenslalomtrainer Helmut Krug, waren Odermatt und Meillard dann zwar schneller als Pinheiro Braathen. Doch ihr Handicap aus dem ersten Lauf war zu gross.

Bei den Schweizern überwog trotzdem der Stolz. Bei Odermatt darüber, dass er trotz Monsterprogramm im Vergleich mit dem Technikspezialisten mithalten konnte und einzig von Pinheiro Braathen geschlagen wurde. «Ich bin in jedem Rennen da, ob im Weltcup oder hier bei Olympia. Ich wurde Vierter, Zweiter, Dritter und Zweiter. Das macht mich stolz», sagt er.

Auf Rang vier beendete Odermattt die Abfahrt zum Olympia-Auftakt. Danach folgten der Silbergewinn in der Team-Kombination mit Loïc Meillard und Bronze im Super-G. Nun im Riesenslalom nochmals Silber.

Auch Meillard ist ein fleissiger Medaillensammler. Am Samstag fuhr er bereits zum achten Mal im Rahmen eines internationalen Grossanlasses auf das Podest. Seine Ausbeute: zweimal WM-Gold, einmal WM-Silber, dreimal WM-Bronze und jetzt Olympia-Silber und Olympia-Bronze in Bormio. Und am Montag folgt für Loïc Meillard auch noch der Slalom.

Riesenslalom der Männer: 1. Pinheiro Braathen (BRA) 2:25,00. 2. Odermatt (SUI) 0,58. 3. Meillard (SUI) 1,17. 4. Tumler (SUI) 1,45. 5. McGrath (NOR) 1,82. Ferner: 18. Aerni (SUI) 3,19.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)