
Wendy Holdener ist in Eile. «Bis später!», ruft sie, als sich die Wege an der Hauptstrasse im Dorf von Sölden kreuzen. Mit dem Rollkoffer in der Hand geht sie nochmals kurz ins Hotel, bevor sie die Medientermine erledigt – und dann Sölden verlässt.
Sölden verlassen? Kurz vor dem Rennen am Samstag? Tatsächlich. Holdener legt am Freitag genauso wie Corinne Suter noch einmal einen Trainingstag auf der Diavolezza ein. Der Aufwand dafür: Eine dreistündige Autofahrt am Donnerstagabend nach St.Moritz. Und am Freitag nach dem Training wieder drei Stunden zurück nach Sölden. Etwas mehr als 350 Kilometer insgesamt.
Der Hintergrund: Die Rennpiste in Sölden ist für Trainings vor dem Rennen gesperrt. Die Arbeiten dauern nach den Schneefällen an. Die Piste ist zu weich, als dass sie die Belastung vor den Ernstkämpfen am Wochenende noch ertragen könnte.
Wie sinnvoll sind 6 Stunden Autofahrt für ein Training?
Trotzdem stellt sich die Frage: Wie sinnvoll ist ein Training auf der Diavolezza am Tag vor dem Saison-Auftakt, verbunden mit den Reisestrapazen? Wendy Holdener sagt: «Es ist sicher fragwürdig. Lohnt es sich, noch einmal in die Schweiz zurückzukehren für einen Tag auf den Ski? Ich glaube, für das Rennen am Samstag spielt es keine Rolle. Ich sehe es als Chance für ein weiteres gutes Training – das dann entweder schon für Sölden, sicher aber für die restliche Saison hilft.»

Eine spätere Anreise nach Sölden war für Holdener nicht möglich, weil sie am Donnerstag neben Medienterminen auch noch Verpflichtungen für ihren Ausrüster nachkommen musste. Holdener sieht das zusätzliche Training nicht als Belastung. «Ich bin eine Athletin, die nicht gerne wartet. Ich will mich lieber bewegen. Zudem habe ich mich im Verlauf der Woche schon darauf eingestellt, dass die Rückfahrt zum Thema werden könnte. Wir konnten wegen des Schneefalls die Pläne der gesamten Woche nicht umsetzen. Und überdies bin ich ja Beifahrerin, da kann ich jeweils gut abschalten.»
So erklärt Cheftrainer Tschuor das Zusatz-Training
Beat Tschuor, Cheftrainer der Schweizer Frauen, erklärt gegenüber dieser Zeitung den Entscheid für das zusätzliche Training: «Die Vorbereitung auf ein Rennen ist sehr individuell. Die einen suchen Ruhe. Die anderen wollen noch einmal einen Reiz setzen. In Absprache mit Wendy und Corinne haben wir uns für ein qualitativ hochstehendes Training in aller Ruhe entschieden.» Den zeitlichen Aufwand bezeichnet Tschuor als «nicht so dramatisch». Ob es sich gelohnt habe, «werden wir dann am Samstag sehen – ich bin wie immer zuversichtlich, das ist die Grundvoraussetzung in meinem Job».
Nach Sölden gefahren ist Holdener wie alle Schweizerinnen, die am Rettenbachgletscher starten, auch schon am vergangenen Wochenende. Da waren Trainings auf dem Rennhang möglich. «Der letzte Trainingstag war jetzt nicht mein bester», sagt Holdener. Auch darum will sie noch einmal die Intensität auf dem Schnee spüren.
Naht Holdeners Abschied vom Riesenslalom?
Holdener und der Riesenslalom, diese Beziehung war zuletzt nicht von inniger Liebe geprägt. Rang 15 als Bestresultat ist nicht das, was sich die 33-Jährige vorstellt. Sie gibt zu: «Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich den Riesenslalom weglassen soll. Ich probiere es jetzt noch einmal ein Jahr. Ich möchte den Schritt Richtung Spitze wieder schaffen. Ein gewisser Wechsel tut mir gut. Ich versuche, es einfacher anzugehen, das richtige Mindset zu finden: mutig sein für die freche Linie.» Und wenn das nicht funktioniert? «Dann werdet ihr mich bald nicht mehr sehen im Riesenslalom…»

Klar ist aber: Der Slalom bleibt Holdeners Paradedisziplin. Nach Mikaela Shiffrins Ankündigung, (mindestens) auf die ersten beiden Slaloms der Saison im November zu verzichten, geht für die Konkurrenz eine Türe auf. Entsprechend ist der Slalom in Levi (14. November) für Holdener wie ein zweiter Saisonstart – der wichtigere als jetzt in Sölden.
Für die neue Saison hat sich Holdener grundsätzlich vorgenommen, nicht mehr so viel über Resultate zu reden. «Ich will meine Ziele nicht mehr so krass definieren wie vor der letzten Saison.» Holdener stellte Olympia-Gold über alles – und hatte am vierten Rang entsprechend zu beissen. «Ich muss nicht immer alles so genau festlegen. Sondern auch einmal einfach auf mein Herz hören. Wenn ich die richtige Einstellung habe, dann lege ich mir weniger Steine in den Weg am Renntag.»
Deshalb nimmt Holdener zusätzliche Autofahrten auf die Diavolezza gerne in Kauf, wenn ihr Herz «Ja» dazu sagt.


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