Ski alpin

Rücktritt! Lara Gut-Behrami in Abschiedsbotschaft: «Ich will nicht um jeden Preis Grenzen überschreiten»

Nach monatelangen Spekulationen ist der Entscheid gefallen: Lara Gut-Behrami kehrt nicht mehr in den Ski-Weltcup zurück und beendet ihre erfolgreiche Karriere.
Eine der erfolgreichsten Schweizer Skirennfahrerinnen verabschiedet sich vom Spitzensport.
Bild: Keystone

Um kurz nach 18 Uhr am Mittwochabend veröffentlicht Lara Gut-Behrami eine Videobotschaft. In den fast fünf Minuten spricht sie auf Italienisch aus, wovor sich viele Fans fürchteten: Ihre grossartige Ski-Karriere ist zu Ende. Kein Comeback. Keine Heim-WM 2027 in Crans Montana. Knapp neun Monate nachdem sie bei einem Trainingsunfall im linken Knie Kreuzband, Meniskus und Innenband reisst, schliesst sie das Kapitel Spitzensport.

«Woran erkennt man, dass etwas zu Ende ist? Und wie lassen sich tiefe Emotion in Worte fassen? Vielleicht merkt man es daran, wenn die Ziele und das ständige Streben nach Verbesserung Platz machen für Glück, innere Zufriedenheit und die Fähigkeit, den zurückgelegten Weg wertzuschätzen.»

So beginnt Lara Gut-Behrami ihre Abschiedsbotschaft. 35 Jahre ist die Tessinerin seit Ende April alt. Sie darf auf fast 20 Jahre im Ski-Zirkus zurückblicken. Es sind Jahre und Erfolge für die Ewigkeit.
Abschiedsbotschaft: «Ich bin glücklich, wie es ist»

Erst 16-jährig ist sie damals, als sie in St.Moritz zu ihrem ersten Podestplatz stürzt – und danach mit schneebedecktem Gesicht lachend in die Welt blickt. Die Siegerehrung an diesem 2. Februar 2008? «Ein Wirbelwind aus Emotionen, Ungläubigkeit, unbändiger Freude, gepaart mit einem Hauch von Orientierungslosigkeit. Ich war glücklich und unbeschwert.»

48 Weltcupsiege. Olympia-Gold (und zweimal Bronze). 2x WM-Gold (und viermal Silber und dreimal Bronze). Zweimal Siegerin im Gesamt-Weltcup. Die Erfolge von Lara Gut-Behrami sind beinahe unzählig. Sie ist eine der grössten Persönlichkeiten des Schweizer Sports überhaupt. Eine, die dann und wann auch aneckte. Die kein Problem damit hatte, der Öffentlichkeit zu zeigen, wenn sie keine Lust auf unliebsame Fragen oder Auftritte hatte.

Zufrieden mit sich und der Welt: Lara Gut-Behrami.
Bild: MICHAEL BUHOLZER

Die vielleicht wichtigsten Sätze ihrer Abschiedsbotschaft? «Das Gefühl absoluter Freiheit auf dem Schnee hat mich nie verlassen. Es war schon da, als ich ein Kind war, es war da als Sportlerin und es wird mich auch in Zukunft begleiten. Ich habe keine wiederkehrenden Schmerzen und möchte auch keine haben. Auch deshalb weiss ich, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, nicht mehr darauf zu bestehen, um jeden Preis Grenzen erreichen oder überschreiten zu wollen, und meinem Körper bestimmte Rhythmen und Belastungen aufzuzwingen. Skifahren ist für mich etwas Magisches und Natürliches; meinen Körper und meinen Kopf dazu zwingen zu wollen, Schmerzen zu ertragen und zu bewältigen, wäre, als würde ich das Bild, das ich in mir trage, von dem, was ich mit so viel Leidenschaft getan habe, beschmutzen.»

Lange liess Gut-Behrami offen, ob sie für ein letztes Hurra nochmals ein Comeback geben würde. Nun hat sie sich entschieden. Und ist damit im Reinen. Ihre Botschaft schliesst, neben vielen Dankesworte an Ehemann Valon, Familie und Freunde so: «Spitzensport ist kein Märchen, genauso wenig wie das Leben. Aber heute ist nicht die Zeit, an Fehler, Enttäuschungen, Schwierigkeiten und all die Hindernisse – auch die zwischenmenschlichen – zu denken, die es gab. Auch die Zeit, wegen des Skisports enttäuscht, traurig oder wütend zu sein, ist vorbei. Ich freue mich darauf, Ski zu fahren, und bin glücklich so, wie es ist. Lara»

Gut-Behrami Karriere in Bildern

Das ist Lara Gut-Behramis Abschiedsbotschaft in vollem Wortlaut:

Woran erkennt man, dass etwas zu Ende ist? Und wie lassen sich tiefe Emotion in Worte fassen? Vielleicht merkt man es daran, wenn die Ziele und das ständige Streben nach Verbesserung Platz machen für Glück, innere Zufriedenheit und die Fähigkeit, den zurückgelegten Weg wertzuschätzen. Ich erinnere mich an meinen ersten Podiumsplatz in St. Moritz, als ich kurz vor der Ziellinie stürzte. Bei der Siegerehrung am Abend war es ein Wirbelwind aus Emotionen, Ungläubigkeit, unbändiger Freude, gepaart mit einem Hauch von Orientierungslosigkeit. Ich war glücklich und unbeschwert.

Im vergangenen Oktober in Sölden waren die Emotionen noch tiefer. Zu dem Glück und der Zufriedenheit, die ich 2008 empfunden hatte, kamen nun das Bewusstsein und der Stolz auf den zurückgelegten Weg hinzu. Das empfundene Glück war reifer und erfüllter. Ich hatte das Glück und die Ehre, eine sehr lange und intensive Karriere erleben zu dürfen, meine Träume und Wünsche durch mein Skifahren zum Ausdruck zu bringen und diese Reise an der Seite aussergewöhnlicher Menschen zu erleben. Das Gefühl absoluter Freiheit auf dem Schnee hat mich nie verlassen. Es war schon da, als ich ein Kind war, es war da als Sportlerin und es wird mich auch in Zukunft begleiten. Ich bin auch glücklich und dankbar, dass ich die Wahl habe. Trotz fast 20 Jahren Spitzensport, trotz Stürzen und Verletzungen habe ich keine wiederkehrenden Schmerzen und möchte auch keine haben.

Auch deshalb weiss ich, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, nicht mehr darauf zu bestehen, um jeden Preis Grenzen erreichen oder überschreiten zu wollen, und meinem Körper bestimmte Rhythmen und Belastungen aufzuzwingen. Skifahren ist für mich etwas Magisches und Natürliches; meinen Körper und meinen Kopf dazu zwingen zu wollen, Schmerzen zu ertragen und zu bewältigen, wäre, als würde ich das Bild, das ich in mir trage, von dem, was ich mit so viel Leidenschaft getan habe, beschmutzen. Die Intensität der Emotionen beim Olympiasieg in Peking, der Sieg im Schnee in St. Moritz 2008, die Weltmeisterschaften in Cortina, das Lächeln beim Start in Sun Valley, die vielen Stunden auf der Piste mit meinem Vater, die Diskussionen mit meinen Skimännern Babi und Tom, um das Material ständig zu verbessern, … die Liste dieser Momente ist endlos, und erst jetzt werde ich mir ihrer bewusst und geniesse sie in vollen Zügen. Ich habe jahrelang unermüdlich daran gearbeitet, im Sport Spitzenleistungen zu erbringen und zu gewinnen; jetzt verspüre ich nur noch ein tiefes Glücksgefühl und bin gerührt davon, wie schön es war.

Spitzensport ist kein Märchen, genauso wenig wie das Leben. Aber heute ist nicht die Zeit, an Fehler, Enttäuschungen, Schwierigkeiten und all die Hindernisse – auch die zwischenmenschlichen – zu denken, die es gab. Auch die Zeit, wegen des Skisports enttäuscht, traurig oder wütend zu sein, ist vorbei. Meine Familie ist aussergewöhnlich und in jeder Hinsicht unverzichtbar. Danke, Papa, dass du immer für mich da warst, vom ersten bis zum letzten Tag; du hast mir geholfen, Lösungen zu finden und nicht Berge von Problemen. Danke, Mama, dass du uns auch bei den verrücktesten Unternehmungen begleitet hast.

Danke, Ian, du bist der beste Bruder der Welt. Du hast mich immer unterstützt und mir den Rücken gestärkt, auch wenn ich mich selbst am wenigsten ertragen konnte. Danke, Valon, meine Liebe. Das Leben an deiner Seite ist aussergewöhnlich. Unsere beiden Familien, von den Kleinsten bis zu den Grosseltern, sind uns eine ständige Stütze und unser Rückzugsort. Danke.

An Flavio, Ladina und Tom. Danke, dass ihr mir in den letzten Jahren zur Seite gestanden und mir geholfen habt, meine aufrichtige Leidenschaft für meinen Sport wiederzufinden. Ihr wart einfach grossartige Menschen, und der Wert meines Weges ist auch euer Verdienst. Ob es darum ging, die wichtigsten Wettkämpfe zu gewinnen, oder schwierige Momente zu meistern – ihr habt nie gezögert. Die gemeinsamen Stunden in der Physiotherapie und im Fitnessstudio vor und nach den Wettkämpfen, die letzten Monate mit kleinen und grossen täglichen Herausforderungen, um mir das Vertrauen in meinen Körper zurückzugeben – ihr habt mich bis zur letzten Minute vor dem Start der Wettkämpfe begleitet und mir bis zum letzten Tag im Fitnessstudio beim Wiederaufbau zur Seite gestanden.

Vielen Dank an Simone und Tamara, meine Schutzengel in Lugano, und an ihre Familien. An Sabrina, meine Freundin seit jeher. Vielen Dank an Giovanni, der uns aus der Ferne immer geholfen hat. Vielen Dank an Alexandre, der unzählige Situationen gemeistert hat. Vielen Dank an Annalisa, die mich vom ersten bis zum letzten Tag bei Swiss-Ski unterstützt hat. Danke an jeden, der Teil dieses Weges war, an diejenigen, die vor dem Fernseher sassen und mit mir gejubelt haben, an die Trainer, die meinen Vater unterstützt und für mich gekämpft haben, an diejenigen, die geschrieben und kommentiert haben und dabei bedacht haben, dass ich in erster Linie ein Mensch und nicht nur eine Sportlerin war. An alle, die – auch ohne mein Wissen – etwas getan haben, damit ich Ski fahren konnte. An die Kinder, die davon träumen, Sport zu treiben, und an die Eltern, die sie dabei begleiten. An den ersten bis zum letzten Sponsor und Partner, der mich begleitet und mir ermöglicht hat, von diesem Sport zu leben. Danke, dass ihr Teil dieser aussergewöhnlichen Reise wart. Danke an alle Menschen, die den Sport lieben und davon leben. Ich glaube, dass es im Leben für alles eine Zeit gibt, und jetzt weiss ich, dass es nicht mehr meine Zeit ist, eine Startnummer anzulegen und an Rennen teilzunehmen. Ich freue mich darauf, Ski zu fahren, und bin glücklich so, wie es ist. Lara

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