Kinostart

Wim Wenders brauchte vierzehn Jahre, um Peter Zumthors Architektur zu verstehen

Vierzehn Jahre lang hat der Regisseur den Bündner Architekten begleitet. Dabei entstand ein 3D-Film, der versucht, die Sinnlichkeit seiner Bauten einzufangen.

Der Bündner Architekt Peter Zumthor wurde mit der Therme Vals weltberühmt. 2009 erhielt der heute 83-jährige den Pritzker-Preis, den «Nobelpreis der Architektur», für sein kompromissloses Lebenswerk. Seine Bauten wirken nicht allein durch ihre Form: Es geht ihm immer auch um das Spiel mit dem Licht, den Klang eines Raumes und das Gefühl, an einem Ort aufgehoben zu sein. Der Regisseur Wim Wenders hat Zumthor vierzehn Jahre lang begleitet. In «From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor», der am Zurich Film Festival gezeigt wurde, überträgt er diese sinnliche Erfahrung mit 3D auf die Leinwand.

Sie haben vor vierzehn Jahren beschlossen, diesen Film zusammen zu machen. Was wussten Sie damals voneinander – und was noch nicht?

Wim Wenders: Wir hatten damals für die Architektur Biennale 2012 einen kurzen Film zusammen gedreht: 12 Minuten lang, zwei Tage Gespräche und Beobachtung. Das hat Spass gemacht, war aber nur ein erstes Abtasten. Am Ende haben Peter und ich uns die Hand gegeben und gesagt: «Jetzt machen wir was Richtiges!» Ich habe gleich angesagt: «Das wird ein paar Jahre dauern!» Soviel wusste ich immerhin von Peter: Er lässt sich Zeit. Ich dachte an 5 oder 6 Jahre, vielleicht sogar 7, eine Ewigkeit, dann sind 14 draus geworden, zwei Ewigkeiten. Ich habe vier andere Filme gemacht und bin immer wieder zu Peter zurückgekommen: schneiden, drehen, schneiden. Der Film hat sich so immer mehr verdichtet.

Peter Zumthor: Bei einem Haus braucht es auch manchmal Jahre, bis klar wird, was an diesem Ort geschehen soll und wofür es da ist. Das muss sich erst herausschälen.

Im Film zieht sich ein Gedanke durch: die Frage nach Heimat. Peter Zumthor, Sie sagen, Architektur könne Heimat stiften und Geborgenheit schaffen. Woher kommt diese Sehnsucht?

Zumthor: Sie war immer da. Im kleinen Einfamilienhaus, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich sie nicht gespürt. Erst später verstand ich: Es gibt Räume, die einen beheimaten können. Das ist für mich die vornehmste Aufgabe der Architektur. Die Räume sind das Wichtigste an einem Haus, noch bevor das Äussere erscheint.

Woran erkennen Sie beim Entwerfen, ob ein Raum dieses Potenzial hat?

Zumthor: Ich muss das von Anfang an spüren. Die Grundidee muss einen Kern haben, der Wärme und Tiefe ausstrahlt. Wenn mich die Skizze oder der Gedanke kalt lassen, versuche ich es nicht weiter. Ich muss hinschauen können und sagen: «Hey, ich kann gut warten.»

Wim Wenders, Sie haben schon Tänzerin Pina Bausch und Maler Anselm Kiefer filmisch begleitet. Was suchen Sie bei diesen Künstlerinnen und Künstlern?

Wenders: Künstler sind für mich die letzten Abenteurer. Sie können noch etwas schaffen, das es vorher nicht gab. Mich trieb bei allen dieselbe Frage: Wie macht die das? Oder: wie macht der das? Pina Bausch hat mich mit ihren Stücken zu Tränen gerührt, und ich verstand nicht, warum. Bei Peter war es ähnlich: In seinen Häusern fand ich etwas, das ich nicht kannte. Diese Filme sind Prozesse des Verstehens. Der Zuschauer kann sie mitmachen. Peter spürt genau nach, was einen Ort und dann einen Raum für ihn besonders machen. Dabei ist er total ehrlich. Er ist ein Raumentdecker.

Zumthor: Das ist ein schönes Wort.

Wenders: Ein «Raumforscher», wollte ich eigentlich sagen.

Zumthor: Jetzt wird es gefährlich. (lacht)

Was macht für Sie einen gelungenen Raum aus?

Zumthor: Ein schönes Detail bringt nichts, wenn das Gebäude keine grosse Idee hat. Diese hat viel mit Material zu tun. Wenn unterschiedliche Materialien zusammenkommen, wächst eine Atmosphäre. Dann kommt das Licht dazu. Licht und Schatten verändern ein Haus den ganzen Tag und das ganze Jahr über.

Wenders: Wir waren vor jedem Dreh mit meinem Kameramann Franz Lustig in den Häusern, manchmal Tage vorher. Wir wollten wissen: Wie ist es hier am Morgen? Wie am Abend? Für welches Licht ist dieses Gebäude gebaut? Peters Fenster sind jedes Mal wie Bilder. Er überlegt sich, was die Leute sehen sollen, wenn sie hinausschauen.

Zumthor: Das Fenster ist der Rahmen.

Wenders: Und draussen ist das lebende Gemälde.

Warum war 3D das richtige Medium, um diese Räume zu zeigen?

Wenders: Nach «Pina» wusste ich, dass man mit 3D in den Raum hinein geraten kann, das war essenziell für den Tanz. Das wollte ich bei Peters Architektur weitermachen. Architektur ist ja wie geschaffen für ein dreidimensionales Erlebnis.

Zumthor: Ich habe bei «Pina» gesehen, dass das funktioniert.

Wenders: Auf einer Leinwand bleibt Tiefe eine Illusion. Ich wollte den Zuschauer nicht vor ein Bild von Peters Architektur setzen, sondern ihn hineingehen lassen.

Aber Architektur scheint sich schwieriger zu filmen als Tanz. Ein Gebäude bewegt sich schliesslich nicht.

Wenders: Tanz geht nicht im Film, hiess es bei «Pina». Jetzt hiess es: Architektur geht nicht. Das ist für mich kein Argument. Die meisten Menschen leben in Häusern, nehmen Architektur aber als gegeben hin. Dabei beeinflusst sie unser Leben enorm: Was machen die Räume mit uns, in denen wir leben und arbeiten? Wir wissen wenig darüber. Das wollte ich ändern!

Peter Zumthor, im Film sieht man auch Projekte, die nicht realisiert wurden. Was macht das mit Ihnen, wenn eine Idee am Widerstand anderer scheitert?

Zumthor: Ich kann nur Häuser bauen, bei denen die Bauherren irgendwann meine Freunde werden. Beim Haus Luzi in Jenaz war das zum Beispiel so. Die Bauherrin sagte klar, was sie wollte. Aber die Küche gefiel ihr nicht und sie hatte recht damit; das habe ich sofort geändert. Seither baue ich Küchen so, wie sie es mir beigebracht hat: am Licht, gross und lang.

2004 wurde Ihr Entwurf für den Bau der «Topographie des Terrors» in Berlin aufgegeben. Es hätte die Verbrechen des NS-Terrorapparats am ehemaligen Sitz von Gestapo und SS dokumentieren sollen. Was bedeutete dieser Entscheid für Sie?

Zumthor: Da war ich naiv. Ich dachte, dieses Land müsse sich mit seiner Geschichte auseinandersetzen – nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit der Täterschaft und der Verantwortung dafür. Ich glaubte, dass ein solcher Ort genau diese Auseinandersetzung ermöglichen müsste. Irgendwann musste ich schmerzhaft feststellen, dass sich die Politik anders entschieden hatte. Das war eine bittere Enttäuschung. Diese Naivität habe ich dort verloren.

Im Film wird auch der Mensch hinter dem Architekten sichtbar. Welche Rolle hat Ihre Frau Annalisa für Ihre Arbeit gespielt?

Zumthor: Ich bin ein Familienmensch. Meine Frau hat mir viel ermöglicht. Sie kümmerte sich um die kleinen Kinder und kam abends um neun noch ins Büro. Meine damaligen Mitarbeiter schreiben mir nach ihrem Tod: «Das war die schönste Zeit.» Ich wartete auf ihre Analyse, dann arbeiteten wir weiter. Der Schriftsteller Martin Walser hat einmal geschrieben: «Als es am schönsten war, habe ich es nicht gemerkt.» Das war für mich diese Zeit.

Was konnte sie an Ihrer Architektur sehen, das Sie selbst vielleicht nicht gesehen haben?

Zumthor: Sie hatte eine klare Haltung, arbeitete als Lehrerin für Kinder mit Behinderungen und schrieb auf Rätoromanisch und Deutsch. Sie sah sofort, ob etwas stimmte. Kein Überfluss, kein «Schischi», nichts Formales um des Formalen willen. Einfach und klar. In diesem Sinn war sie eine sehr gute Kritikerin.

Sie beide arbeiten mit Raum, Zeit und Sinnlichkeit – aber in unterschiedlichen Medien. Wo berühren sich Architektur und Film?

Wenders: Ein Film ist auch ein Stück Architektur – nur nicht aus Stein, sondern aus Zeit. Jede Einstellung ist ein Zeit-Baustein, aus den Bausteinen entstehen Szenen und daraus der Film. Aber auch ich mache ihn nicht nur für mich. Er muss für die Menschen funktionieren, die ihn sehen und erleben.

Zumthor: Ich habe viel von Filmen gelernt. Manche habe ich zweimal angeschaut, nur um zu sehen, was der Kameramann gesehen hat. Von guten Filmemachern kann man viel über Licht und Schatten lernen.

Wenn Sie nach fast fünf Jahrzehnten auf Ihr Werk zurückblicken: Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Zumthor: Nein.

Wenders: Ich schon! (lacht) Aber ich würde trotzdem im Nachhinein nichts ändern.

Zumthor: Ich arbeite so lange an einem Gebäude, bis es für mich stimmt. Wenn das drei oder vier Monate länger dauert, ist das doch egal. Das Gebäude steht vielleicht fünfzig oder hundert Jahre. Was soll eine Plakette sagen? «Dieses Gebäude sieht nicht so gut aus, aber es wurde rechtzeitig fertig»? Viele Architekten sagen später: «Das hätte ich viel besser machen können.» Diese Ausrede akzeptiere ich nicht. Ich arbeite, bis es so ist.

Wenders: Deshalb haben wir vierzehn Jahre für den Film gebraucht.

«From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor», ab 5. November im Kino

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)