Kulturkampf

Thomas Mann zwischen Ost und West: Was «Vaterland» über Deutschland erzählt

Hanns Zischler spielt in «Vaterland» Thomas Mann. Im Interview sprechen er und sein Filmpartner August Diehl über die deutsche Teilung, die Macht der Kultur und die Rückkehr des Faschismus.

1949 reist Thomas Mann nach Frankfurt und Weimar – und gerät zwischen West und Ost, die den berühmten Autor für sich beanspruchen. Der Regisseur Paweł Pawlikowski macht daraus in «Vaterland» ein Drama über die politische Vereinnahmung von Kultur. Bei den Oscars könnte der Film im kommenden Jahr gleich mehrfach ins Rennen gehen.

Nach Jahren im Exil findet Thomas Mann in «Vaterland» ein Deutschland vor, das ihm fremd geworden ist. Sie spielen den weltberühmten Autor. Ist Heimat für ihn noch ein Ort – oder nur noch eine Idee?

Hanns Zischler: Eine Hoffnung. Er ist heimatlos. In Amerika hatte er ein neues Zuhause gefunden, war amerikanischer Bürger geworden. Das war für ihn auch eine Errungenschaft. Nach seiner Rückkehr soll er nun sagen, wo denn seine Heimat sei. Da gerät er ins Zögern.

Der Regisseur Paweł Pawlikowski stellt Thomas Mann in «Vaterland» zwischen zwei entstehende deutsche Staaten, die beide Anspruch auf ihn erheben. Was erzählt diese Konstellation über Deutschland im Jahr 1949?

Zischler: An Deutschland entzündete sich die Welt, wie wir sie bis 1989 gekannt haben. Die beiden Systeme standen ja nicht nur in Deutschland gegeneinander. Das Land wurde aber zum Symbol für die gesamte Weltordnung. Deshalb finde ich den Film wichtig. Er zeigt: Kaum war die grösste Katastrophe vorbei, entstand schon die nächste.

Der Film spielt 1949 und wirkt trotzdem erstaunlich gegenwärtig. Warum braucht es ihn gerade jetzt?

Zischler: Da muss man vorsichtig sein. Ich glaube nicht, dass Pawlikowski den Film gemacht hat, um sich in die aktuelle politische Debatte einzumischen. Aber natürlich bekommt das, was der Film erzählt, durch die Gegenwart eine andere Resonanz. Heute ist wieder denkbar geworden, dass Menschen mit faschistischer Gesinnung das, was geschaffen wurde, zerstören wollen. Der Film setzt in einem zerstörten, scheinbar versöhnungsbereiten Land an – und die Versöhnung gelingt schon da nicht. Man könnte sagen: Die deutsche Teilung war ein Geburtsfehler.

Thomas Mann will sich keiner Seite anschliessen – und wird doch von beiden vereinnahmt. Kann ein Künstler politisch unabhängig bleiben?

Zischler: Das ist eine schwierige Position. Thomas Mann sagt ja sinngemäss: Als Schriftsteller kann ich eigentlich nur an meiner Haltung festhalten. Denn Kultur kann etwas in Bewegung bringen, aber keine Gewaltverhältnisse einfach wegschreiben. Zu glauben, sie könne politische Verhältnisse allein verändern, wäre deshalb gefährlich. Gerade für Thomas Mann hatte diese Haltung einen hohen Preis. Er hatte eine unglaublich stabile Leserschaft, gerade im deutschen Bürgertum. Dieses Verhältnis brach aber ab: Seit 1938 waren seine Bücher im Deutschen Reich nicht mehr legal zu erwerben. «Doktor Faustus» schreibt er dann auch aus Wut, als Abrechnung mit dem deutschen Verhängnis.

Gleichzeitig scheinen Herrschende der Literatur erstaunlich viel Macht zuzutrauen.

Zischler: Ja, das ist immer wieder verblüffend. Die Bücherverbrennungen sind dafür das offensichtlichste Symbol. Herrschende trauen der Schrift erstaunlich viel zu. Sie wissen offenbar sehr genau, dass Worte sich festsetzen, Menschen erreichen und Vorstellungen verändern können.

Wenn Worte Menschen und Vorstellungen doch verändern können: Wo liegt denn die Grenze der Wirkung von Kunst?

Zischler: Ich weiss es nicht. Ich hatte früher oft die Hoffnung, dass Kunst die Welt verändern kann.

August Diehl: Bestimmte Werke haben mich sicherlich verändert, bei denen kann ich sagen: Es gab mein Leben davor und mein Leben danach. Ob daraus gesellschaftlich etwas entsteht, ist eine komplexere Frage.

Im Film kehrt die Kultur schnell zur Normalität zurück. Die Bayreuther Festspiele sollen trotz ihrer NS-Vergangenheit wiedereröffnet werden. Was sagt das über den Umgang mit der Vergangenheit aus?

Zischler: Eine Gesellschaft kann das, aber nur mit erheblichen Folgen. Es gibt so etwas wie Fortpflanzungsfehler: Wenn in einer Rechnung eine Kommastelle falsch ist, arbeitet dieser Fehler weiter. So ist es mit Kultur auch. Wenn bestimmte Dinge nicht geklärt werden, kehren sie wieder. Sie können sogar über Generationen weiterwirken. Das Unausgesprochene will irgendwann hervortreten.

August Diehl, Sie spielen Klaus Mann. Er kann diese Rückkehr zur Normalität nicht mitmachen. Woran zerbricht Ihre Figur?

Diehl: An genau diesem Bruch. Viele Kulturschaffende sind daran zerbrochen. Stefan Zweig hat es sehr eindringlich beschrieben: Europa, das man geliebt hatte, lag in Asche und Ruinen, und es gab für viele keinen Weg zurück. Wenn die kulturelle Heimat verschwunden ist, kann das existenziell werden. Es ist ein bisschen so, als würde man einem Pianisten die Hände abhacken.

Der Film hält sich aber nicht genau an die historischen Ereignisse: Ehefrau Katja Mann kommt nicht vor, Klaus Mann stirbt früher. Was bewirkt diese Verdichtung?

Diehl: Das ist die Kunst der Dramaturgie: Ereignisse zu verdichten und trotzdem plausibel zu bleiben. Es muss nicht genau so stattgefunden haben, aber es darf nicht unwahrscheinlich wirken. Diese Plausibilität ist für mich entscheidend – sonst wäre es ein Dokumentarfilm.

Was kann denn ein Film mit der Vergangenheit machen, damit sie uns plötzlich wieder so unmittelbar gegenübersteht?

Zischler: Er kann Geschichte wieder in etwas Gegenwärtiges verwandeln. Man sieht in «Vaterland» nicht nur, was geschehen ist, sondern Menschen, ihre Gesichter, Blicke, Widersprüche. Und plötzlich ist diese Vergangenheit nicht mehr abgeschlossen. Sie steht wieder lebendig vor einem.

«Vaterland», ab 8. Oktober im Kino

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