Filmfestival

Hollywood-Stars in Zürich: Das ZFF träumt gross - hat aber ein kleines Problem

Tom Hiddleston und Willem Dafoe auf dem Green Carpet, der Everest auf der Leinwand: Das ZFF eröffnet mit «Tenzing» und viel Hollywood.

Tom Hiddleston und Willem Dafoe lächeln mit viel Ruhe und Geduld in die Kameras, als kämen sie gerade vom Gipfel. Auf der Terrasse des Zürcher Kongresshauses wird am Donnerstag der grüne Teppich für die Hollywoodstars ausgerollt. Die beiden präsentieren mit Regisseurin Jennifer Peedom «Tenzing», den diesjährigen Eröffnungsfilm des Zurich Film Festival.

Zur Opening Night werden zudem mehr als 1000 Gäste aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft erwartet, darunter die Ehrengäste Elisabeth Baume-Schneider und der Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta. Kurz vor Hiddleston und Dafoe läuft Luna Wedler über den «Green Carpet». Sie erhält an diesem Abend den Golden Eye-Award für ihre bisherige Karriere und ihre Bedeutung für das aktuelle Kino. Wedler ist damit die erste Schweizer Schauspielerin, die mit dem Golden Eye ausgezeichnet wird.

Für einen Moment wirkt das Kongresshaus wie ein kleines Hollywood: Kameras blitzen, die Namen der Stars werden gerufen und Hände geschüttelt. Hinter ihnen ragt der Everest auf, vor ihnen beginnt das ZFF. Sein Motto für diese Ausgabe: «Dream Big». Viel grösser könnte man ein Festival kaum beginnen.

Der Traum vom Aufstieg

«Tenzing» passt zu «Dream Big» wie kaum ein anderer Film: Hiddleston spielt Edmund Hillary, Dafoe den Expeditionsleiter John Hunt. Im Zentrum aber steht der Sherpa Tenzing Norgay, der 1953 gemeinsam mit Hillary den Everest bestieg, gespielt von Genden Phuntsok. «Tenzing» erzählt eine Geschichte, die lange kaum gehört wurde: von Abhängigkeiten und Hierarchien während der Expedition, von Menschen, ohne deren Hilfe der Gipfel nicht zu erreichen gewesen wäre. Hiddleston beschrieb die Idee dahinter als Versuch, Tenzing «vom Hinter- in den Vordergrund» zu holen. Er muss sich seinen Platz in der Expedition erst erkämpfen, getragen von seiner Frau Dawa, Expeditionssekretärin Jill Henderson und später von Hillary.

Auch die anderen Filme, die CEO Christian Jungen im Vorfeld ausdrücklich mit dem Motto verbindet, werden vom Festival als Geschichten des persönlichen Aufbruchs präsentiert: In «I Play Rocky» kämpft Anthony Ippolito in der Rolle des Sylvester Stallone als noch unbekannter Schauspieler darum, sein Drehbuch nur unter der Bedingung verkaufen zu können, dass er selbst die Hauptrolle spielt. In «The Debut» wagt Julianne Moore als gelangweilte Hausfrau den Sprung auf die Theaterbühne. Das ZFF spricht von «positiven Vorbildern», die zum Träumen anregen. Die Filme selbst sind dabei durchaus widersprüchlicher. In der Erzählung des Festivals steht vor allem der Einzelne im Zentrum: Er hat einen Traum und verändert damit schliesslich die Welt.

Allein gegen die Welt

Gerade «Tenzing» zeigt, dass diese Lesart zu kurz greift: Der Film rückt ausgerechnet jenen Mann ins Zentrum, der in der bekannten Everest-Geschichte lange im Hintergrund stand. Das macht den Film komplizierter als das ZFF-Motto – und wirft eine Frage auf: Wer wird in einer Heldenerzählung überhaupt als Held sichtbar?

Antworten darauf lassen sich im Festivalprogramm finden:  «The Siege of Paradise» blickt auf «Cinque Terre», das vom Tourismus leben muss und zugleich darunter zu ersticken droht. «Rescue» erzählt von einer Familie, die bei der Flucht über das Mittelmeer von einer libyschen Miliz auseinandergerissen wird. Und «Head to Head» macht aus einer iranischen Filmproduktion einen absurden Kampf um künstlerische Freiheit: Eine Regisseurin lässt ihre männlichen Schauspieler Röcke und Kopftücher tragen – und gerät damit an gesellschaftliche Grenzen. In diesen Geschichten reicht es kaum, gross genug zu träumen.

Die Gesichter des Traums

Das ZFF muss deswegen nicht kleiner träumen. Es muss nur genauer hinschauen. In diesem Jahr zeigt es 133 Filme, darunter 46 Welt- und Europapremieren – während elf Tagen. Das Spektrum der Eröffnung steht dafür exemplarisch: Hiddleston und Dafoe kommen extra nach Zürich, Wedler wird für ihre Arbeit ausgezeichnet, Peedom rückt eine prägende Figur der Everest-Geschichte ins Bewusstsein. Hollywood trifft dabei auf Schweizer Kino und eine vergessene Geschichte. «Dream Big» ist Programm. Interessant wird das Motto aber vor allem dann, wenn zugleich sichtbar wird, dass kein Aufbruch allein aus Willenskraft entsteht.

Denn hinter jedem grossen Film stehen viele Menschen, Produktionsbedingungen und Entscheidungen. Vielleicht liegt darin die interessantere Version von «Dream Big»: nicht die Vorstellung, dass einer gross genug träumen muss, um die Welt zu verändern, sondern die Einsicht, dass sowohl grosse Filme als auch grosse Erfolge nie allein entstehen.

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