Venedig hat entschieden. Der «Goldene Löwe» ging am Samstagabend an May el-Toukhys «Woman Unknown», der Grosse Preis der Jury an Lee Chang-dongs «Possible Love», der Spezialpreis an «Naza». Drei sehr verschiedene Filme, drei gesellschaftlich aufgeladene Stoffe: eine Frau in einer patriarchalen Nachkriegsgesellschaft, die Begegnung zwischen einer wohlhabenden und einer Arbeiterfamilie und der Blick auf den Krieg aus dem Inneren der israelischen Gesellschaft.
Natürlich sind diese Stoffe nicht neu. Auffällig ist eher, wie selbstverständlich sie gerade im Gegenwartsfilm auftreten. Und das, obwohl Flucht vielleicht naheliegender wäre: Wenn die Welt komplizierter und anstrengender wird, könnte man besonders gut für zwei Stunden hinter der Leinwand «verschwinden». Die interessantere Frage ist deshalb nicht, warum das Gegenwartskino so gerne die Wirklichkeit zeigt, sondern was wir von Filmen erwarten, wenn sie sich mit gesellschaftlich wichtigen Themen beschäftigen.
Ist Relevanz alles?
«Woman Unknown» erzählt von Marie, einer jungen Hausangestellten im Dänemark der Nachkriegszeit. Während der Besatzung hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten; nun droht diese Vergangenheit ihre geplante Heirat mit ihrem wohlhabenden Arbeitgeber zu gefährden. Der Film erzählt von Abhängigkeit, Scham und der Doppelmoral einer Gesellschaft, die über die «richtige» und die «falsche» Frau richtet. May el-Toukhy inszeniert das mit blassen Farben, engen Räumen und einer Atmosphäre ständiger Beklemmung. Marie bekommt Widersprüche und Schattierungen, während die Menschen um sie herum oft auf ihre Funktion reduziert bleiben. So kann aus einer komplexen sozialen Geschichte schnell ein moralisch vorsortiertes Drama werden. Auch die Perspektive selbst war in Venedig keine Selbstverständlichkeit: «Woman Unknown» war einer von nur zwei der 21 Wettbewerbsfilme, die von einer Frau allein inszeniert wurden.
«Possible Love» erzählt ebenfalls von Ungleichheit, geht aber anders damit um. Eine Arbeiterfamilie und ein wohlhabendes Paar kommen sich durch ein Dokumentarfilmprojekt näher. Zunächst scheint daraus beinahe Freundschaft zu werden. Doch Regisseur Lee Chang-dong streut kleine Störungen in diese Harmonie: Blicke, beiläufige Bemerkungen, Grenzüberschreitungen. Selbst die Kamera der wohlhabenden Dokumentarfilmerin wird zum Problem, weil sie vorgibt, andere Menschen zu verstehen. Erst langsam kippt die vermeintliche Nähe. Im gemeinsamen Ferienhaus, beim Essen und Feiern, scheint die Klassengrenze für einen Moment zu verschwinden – und wird gerade dadurch umso sichtbarer.
Der Unterschied der zwei höchstprämierten Filme ist dieser: «Woman Unknown» zeigt eine Welt, deren Ungerechtigkeit bereits feststeht. «Possible Love» bringt uns in eine Situation, in der wir erst erleben müssen, wie diese Ungleichheit funktioniert. Der eine Film stellt ein gesellschaftliches Problem vor uns hin. Der andere lässt es zwischen seinen Figuren entstehen. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied: Der eine erklärt seine Gegenwart – der andere lässt sie auf die Zuschauer zukommen.
Ein anderer Blick auf die Realität
Auch «Naza» erzählt von der harten Realität: Der Spezialpreis ging an die Gaza-Dokumentation von Yuval Abraham und Rachel Szor, die mit anonymisierten Aussagen ehemaliger israelischer Soldaten die Tötung palästinensischer Zivilisten thematisiert. Politischer könnte ein Film kaum sein. Doch auch hier stellt sich die Frage, was die Form aus dieser Wucht macht: «NAZA» lässt ehemalige israelische Soldaten anonym von den Angriffen erzählen und stellt ihren Aussagen nüchterne Bilder aus Tel Aviv gegenüber.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser Filme: Sie verwandeln die Welt nicht, sondern geben ihren Problemen eine Form. «Naza» hat für die beiden Regisseure nun selbst politische Konsequenzen: Israels Kulturminister Miki Zohar will den Entzug ihrer Staatsbürgerschaft wegen des Films vorantreiben.
Ein Film muss schliesslich aus seinem Stoff erst eine Erfahrung machen. Sonst bekommt das Publikum seine Betroffenheit und das Feuilleton seine Gegenwartsdebatte – aber was bleibt vom Film selbst? Gerade bei gesellschaftlich aufgeladenen Stoffen reicht es nicht, uns zu sagen, was an der Welt falsch ist. Ein Film muss uns zeigen, warum wir hinschauen sollen.
Wenn wir darüber diskutieren, warum «Woman Unknown» den Goldenen Löwen bekam und «Possible Love» «nur» den Grossen Preis der Jury, streiten wir deshalb nicht nur über Filme. Wir verhandeln auch, welche Bilder von unserer Gegenwart wir ernst nehmen.






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