20'000 Franken. Eine kleine Summe für ein kleines Waadtländer Filmfestival sorgt in der Schweizer Filmszene gerade für grosses Stirnrunzeln.
Das Geld stammt aus einem vier Millionen Franken grossen Fördertopf des Bundesamts für Kultur. Festivals mit Schweizer und internationaler Ausstrahlung werden daraus über Förderperioden von mehreren Jahren mit sechs- bis siebenstelligen Beträgen unterstützt.
Wie aus einer Ende August veröffentlichten Medienmitteilung hervorgeht, ist das Filmfestival Locarno (1,73 Millionen Franken pro Jahr) der Hauptprofiteur für die Periode 2027 - 2029. Es folgen international ausgerichtete Festivals wie das Visions du Réel in Nyon (570'000/Jahr) und das Zurich Film Festival (420'000/Jahr). Auch die für den Schweizer Film so wichtigen Solothurner Filmtage (460'000 Franken/Jahr) werden berücksichtigt.
Und dann ist da das Festival International du Film Alpin des Diablerets (kurz: Fifalp). Zum ersten Mal kommt es als zehntes Festival in den Genuss einer mehrjährigen Förderung. Um das zu ermöglichen, wurde der Unterstützungsbeitrag für das Zurich Film Festival um 20' 000 Franken gekürzt.
Die Irritation über den Entscheid hat ihre Berechtigung: Denn das in den 1960er-Jahren gegründete Nischenfestival ist weder ein Publikumsmagnet (15'000 Besucher jährlich) noch gehört es aufgrund seiner Bedeutung für das hiesige Filmschaffen in die Topliga der Schweizer Filmfestivals. Spezialisiert hat es sich auf das Genre des Berg- und Naturfilms, mit vergleichbaren Festivals ist es weltweit vernetzt. In der Deutschschweiz ist es nahezu unbekannt.
Der Ende August veröffentlichte Beschluss hätte vom Bundesamt für Kultur eigentlich bereits im Juni veröffentlicht werden sollen. Erfahren haben die Organisatoren des Zurich Film Festival (ZFF) von der Kürzung aber bereits während des laufenden Locarno Filmfestivals - auf informellem Weg. Westschweizer hatten davon Kenntnis, bevor der Beschluss offiziell kommuniziert war.
Eine offizielle Begründung für die Kürzung habe man nicht erhalten, sagt Christian Jungen, CEO des Zurich Film Festival. Und: «Dass unser Beitrag innerhalb der Förderung von Schweizer Filmfestivals geringer bewertet wird, können wir nicht nachvollziehen. Das Zurich Film Festival setzt sich seit Jahren konsequent für den Schweizer Film ein, fördert nationale Talente und verschafft dem hiesigen Filmschaffen internationale Sichtbarkeit.»
Das Bundesamt für Kultur erklärt auf Anfrage, dass die Förderentscheide den betroffenen Institutionen kommuniziert worden seien. Es stehe allen Gesuchstellenden frei, einen Förderentscheid auf dem vorgesehenen Rechtsweg anzufechten. Da die Frist für das Verfahren derzeit noch offen sei, wolle man nicht im Detail zum laufenden Verfahren Stellung nehmen.
Ungereimtheiten bei Zusammenstellung der Kommission
Im Zentrum der Kritik steht die Wahlgenferin und BAK-Direktorin Carine Bachmann. 2022 übernahm sie das Amt von der heutigen Freiburger Ständerätin Isabelle Chassot. Vor ihrer Ernennung stand Bachmann zehn Jahre der Kulturabteilung der Stadt Genf vor. Die studierte Filmwissenschaftlerin unterhält aufgrund ihrer früheren Funktion viele Kontakte in die Westschweizer Filmszene.
Bachmann, so bestätigen es mehrere Quellen, soll nicht gut auf das Zurich Film Festival zu sprechen sein. An einem öffentlichen Anlass soll sie sich über das für seinen internationalen Starauflauf auf dem grünen Teppich bekannte Zurich Film Festival als «Botox-Festival» bezeichnet haben. Auch deshalb sprechen mehrere Exponenten der Filmbranche hinter vorgehaltener Hand von einer «Genfer Mafia», und machen deutlich, dass sie den Entscheid für das Fifalp und gegen das Zurich Film Festival als persönlich motiviert empfinden.
Carine Bachmann selbst dementiert diese Gerüchte. Sie schätze das Zurich Film Festival als publikumswirksames Festival mit internationaler Strahlkraft. Sie habe sich nie negativ über die Qualität des Festivals geäussert. Zudem würde derzeit rund ein Zehntel der gesamten Fördermittel ans Zurich FIlm Festival fliessen.
Die Empfehlung gab eine vom Bundesamt für Kultur ausgewählte dreiköpfige Kommission. In den vergangenen Förderperioden hatte sich diese noch aus fünf Experten zusammengesetzt. Vor Carine Bachmanns Direktion waren die Namen der Experten auf der Internetseite des BAK öffentlich zugänglich. Seit Bachmann im Amt ist, werden die Namen nicht mehr kommuniziert.
Neben dem Deutschschweizer Kulturjournalisten Michael Kuratli hatten zwei Genfer Einsitz in der Kommission: Neben dem Filmproduzenten Michel Merkt, der 2022 den Jury-Vorsitz am Filmfestival Locarno innehatte, war das die langjährige Programmverantwortliche des Geneva International Film Festival (Giff), Nathalie Gregoletto. Auch das Giff wird in der neuen Förderperiode wieder mit 120 000 Franken unterstützt.
Das Bundesamt für Kultur begründet die Verkleinerung der Expertenkommission auf Anfrage mit «Einsparungen im Verwaltungsbudget». Man achte bei der Auswahl auf eine «ausgewogene Kombination von fachlicher Expertise, unabhängiger Beurteilung und internationaler Perspektive», heisst es. Alle Expertinnen und Experten würden sich vertraglich «zur Neutralität und zur Vermeidung von Interessenkonflikten» bekennen. Die Gutachten der Kommission hätten empfehlenden Charakter. Förderentscheide würden letztlich vom Bundesamt für Kultur getroffen.
Dass bei einem Entscheid, bei dem mehrere Kommissionsmitglieder offensichtlich Interessenkonflikte haben, nur drei Personen aufgeboten werden, ist problematisch. Ebenso, dass man in der Kulturförderung auf Bundesebene nicht darauf achtet, dass die verschiedenen Landesteile und Regionen ausgewogen repräsentiert werden. Gemäss «Schweiz heute»-Recherche hatten mehrere Filmfestivals im Vorfeld erwogen, gegen die Zusammenstellung der Kommission Protest einzulegen. Man habe jedoch aus Angst vor Konsequenzen darauf verzichtet.
Noch eine andere Personalie lässt den Entscheid nicht wie einen Expertenentscheid aussehen: Präsidiert wird das Fifalp seit März 2025 vom ehemaligen SRG-Generaldirektor Gilles Marchand. Seit Oktober 2024 sitzt Marchand zudem im Verwaltungsrat des Locarno Filmfestivals.
Marchand war, bevor er zum Generaldirektor der SRG aufstieg, Direktor von Radio Télévison Suisse (RTS). Das Westschweizer Fernsehen ist neben dem Bundesamt für Kultur für die Filmförderung der Westschweiz ein unverzichtbarer Player. Ebenso die Filmstiftung Cinéforom. Sie bündelt die Mittel der Filmförderstellen der Westschweizer Kantone und kofinanziert Kino-, Dokumentar- und Serienproduktionen. Die Stadt Genf, wo Bachmann 10 Jahre oberste Kulturbeamtin war, gehörte zu den Gründungsmitgliedern und ist eine wichtige Geldgeberin, während die RTS als zentraler Koproduktionspartner eng mit Cinéforom verzahnt ist. Kein Wunder, hielten am Jubiläumsanlass im Jahr 2022 sowohl Marchand und als auch Bachmann Festreden.
Enge Verbindung über die Westschweizer Filmförderung
Eine enge Partnerschaft unterhält RTS auch mit dem Genfer Filmfestival (Giff). Bei der Eröffnung des Giff 2022 traten Carine Bachmann und Gilles Marchand beide als Redner auf. In der Ausgabe von 2019 wird Marchand auf der Homepage mit dem Satz zitiert: «Als langjährige Partner seit der ersten Ausgabe sind die SSR und RTS stolz darauf, ein fester Bestandteil der Festival-DNA zu sein». 2024 reisten Marchand und Bachmann als Teil der offiziellen Schweizer Delegation nach Cannes.
Hat Carine Bachmann ihrem langjährigen Wegbegleiter Gilles Marchand hier ein Geschenk gemacht, wie Kritiker aus der Filmszene monieren?
Gilles Marchand spricht von «haltlosen Behauptungen». Gegenüber »Schweiz heute» sagt er: «Ich habe keinerlei persönliche Verbindung zur Direktorin des BAK, die über das hinausginge, was alle Festivalleiter mit ihr haben.» Und weiter: «Ich kenne Carine Bachmann, seit sie ihr Amt an der Spitze des BAK angetreten hat, genauso wie ich Isabelle Chassot kannte, als sie das BAK leitete.» Nur wenige Festivals seien schon so lange aktiv wie das Fifalp. Man habe sich weiterentwickelt, professionalisiert, die Themen des Festivals seien von grosser Aktualität. «Ich freue mich, dass auch der Bund dies zur Kenntnis nimmt.»





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