Fünfzehn Jahre lang waren Noel und Liam Gallagher eines: getrennt. Nun stehen sie bei den Filmfestspielen in Venedig, bei der Premiere von «Oasis: Don't Look Back in Anger», wieder nebeneinander und sehen erstaunlich friedlich aus. Sie umarmen sich, reichen einander die Hand, lächeln in die Kameras. Die Brüder, deren Streit einst zum Inventar der Popgeschichte gehörte, wirken ungewöhnlich versöhnt. Nur eines fehlt in diesem Bild, und es ist ausgerechnet das, was Oasis einst so faszinierend machte: Der Eindruck, dass zwischen diesen beiden jederzeit etwas explodieren könnte.
Der Film, der am 9. September in die Deutschschweizer Kinos kommt, nimmt diese neue Harmonie zum Ausgangspunkt und erzählt vom Comeback einer Band, auf das ihre Fans fünfzehn Jahre warten mussten. 2009 zerbrach Oasis hinter den Kulissen in Paris, nach einer fliegenden Pflaume, einer zertrümmerten Gitarre und einem Streit, der endgültig schien. Nun ist aber all das vorbei. Noel und Liam stehen wieder gemeinsam auf der Bühne, volle Stadien singen mit ihnen ihre alten Lieder, als hätte es die Trennung nie gegeben. Nur wie aus Feindschaft plötzlich wieder Nähe wurde, bleibt offen. Was ist jetzt eigentlich passiert?
Die verweigerte Aussprache
Die Antwort darauf bleibt das Geheimnis des britischen Regieduos Dylan Southern und Will Lovelace. Der Film zeigt nicht, wie aus anderthalb Jahrzehnten Feindschaft wieder diese Nähe entstand. Er setzt die Versöhnung einfach voraus. In den wenigen gemeinsamen Interviewpassagen sitzen die Brüder nebeneinander und reden über Musik, die Welt und ihr früheres Ich. Noel sagt, die Dinge, die ihn einst an Liam gestört hätten, seien inzwischen verschwunden. Liam vermutet, er habe sich früher vielleicht nur deshalb so unmöglich benommen, weil er seinen Bruder vermisst habe. Mehr erfährt man nicht.
Wo einst die Wunde war, klebt jetzt ein Pflaster. Kein Wort über Verletzungen. Der Film macht aus dem Schweigen beinahe eine Tugend: Man muss nicht darüber reden, man kann auch einfach weitermachen. Vielleicht steckt darin ein Ideal von Männlichkeit: Bloss nicht zu lange hinschauen. Lieber einen Spruch machen und weitergehen. Sie müssen einfach nur wieder gemeinsam auf der Bühne stehen.
Erlösung aus dem Lautsprecher
Dabei lebte Oasis immer von der Wucht dieser Beziehung. Von zwei Brüdern, bei denen nie ganz klar war, was als Nächstes passieren würde. Deshalb fällt auf, was im Film fehlt. Die Musik dieser Band war nie frei von Wut. Warum sollte es ihre Versöhnung sein?
Je weniger Noel und Liam über ihre Vergangenheit erzählen, desto stärker muss der Film ihre Gefühle anderswo finden. Er findet sie bei den Fans. Da stehen Menschen mit Tränen im Gesicht. Da sitzt eine Mutter, deren autistisches Kind durch Oasis' «Talk Tonight» zu sprechen begonnen habe. Jugendliche liegen sich tränenüberströmt in den Armen. Und wenn Zehntausende «Don’t Look Back in Anger» singen, lässt sich schwer bestreiten, dass diese Bilder etwas auslösen. Nur erzählen sie vor allem von einer anderen Beziehung: jener zwischen Oasis und ihrem Publikum.
Die eigentliche Versöhnung findet schliesslich nicht zwischen Noel und Liam statt, sondern rund um sie herum: Das Publikum übernimmt, was den beiden Brüdern fehlt. Es erinnert sich für sie. Es fühlt für sie. Und plötzlich wird eine Geschichte, die zwischen zwei Männern kaum erzählt wird, von Zehntausenden anderen Menschen getragen. Vielleicht ist das sogar die klügste Entscheidung des Films. Vielleicht aber auch seine eleganteste Ausflucht.
Die Kulisse sagt die Wahrheit
Visuell beherrscht «Don’t Look Back in Anger» seine grosse Erzählung ohnehin mühelos. Archivaufnahmen aus den Neunzigerjahren gehen nahtlos in Bilder der Comeback-Tour über. Der junge Liam blickt plötzlich auf den alten Liam zurück. Zeiten und Körper überblenden sich. Vielleicht fast zu stark: Denn die Musik, die Bilder und die kollektive Euphorie legen sich über die Vergangenheit wie ein allzu schöner Schleier.
Man sieht die Versöhnung also, bevor man sie versteht. Das ist die Ambivalenz dieses Films: Die Gefühle sind echt. Nur gehören sie nicht unbedingt denen, von denen er erzählt. «Don’t Look Back in Anger» ist deshalb weniger ein Film über Vergebung als über ihre Inszenierung. Aus einer Band, deren Faszination immer auch in ihrer Unberechenbarkeit lag, wird eine kontrollierte Erinnerung.
Fast ironisch wirkt da eine Nachricht, die diese Woche aus England kam: Anfang Oktober sollen mehr als 100 Stunden bislang unveröffentlichter Oasis-Aufnahmen versteigert werden, darunter Konzerte, Proben, Soundchecks und Gespräche zwischen Noel und Liam. Die Band hat gegen den Verkauf Einwände erhoben. Ausgerechnet jene Vergangenheit, die der Film so weitgehend ausspart, könnte also bald in Rohform wieder öffentlich werden.
Vielleicht ist es die eigentliche Pointe dieses Comebacks: Oasis sind zurück, aber die Wut ist zu Hause geblieben. Und ausgerechnet diese Band zeigt nun, wie schön eine Versöhnung aussehen kann, solange niemand erklärt, was eigentlich vergeben werden musste.
«Oasis: Don't Look Back in Anger», ab 9. September im Kino





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