
Die späten 1930er- und frühen 1940er-Jahre gelten als Geburtsjahre der Schweizer Popularmusik. Im Zeichen der geistigen Landesverteidigung entstand eine neue, unverwechselbar schweizerische Unterhaltungsmusik: Lieder wie «Guete Sunntig mitenand» (1938) von Walter Wild, «Landidörfli» (1939) mit Marthely Mumenthaler, «Guggerzytli» (1940), «S’Margritli-Lied» (1942) von Teddy Stauffer mit den Geschwistern Schmid sowie «Stägeli uf, Stägeli ab» (1944) und «Nach em Räge schiint d’Sunne» (1945) von Artur Beul verbanden volkstümliche Klänge mit der modernen Schlagermusik ihrer Zeit.
Es waren eigentliche Popsongs, die die Schweizer Identität musikalisch markierten und die Heimat glorifizierten. Die Interpretinnen und Interpreten waren frühe Wegbereiter jener Mischung aus Mundart, Heimatgefühl und Pop, die heute Acts wie Trauffer, Heimweh oder Stubete Gäng erfolgreich weiterführen.
Volkstümliches für die Hippie-Generation
Ab den 1950er-Jahren verdrängten der angloamerikanische Pop und Rock die helvetische Variante fast vollständig. Pop, so schien es, hatte englisch zu sein. Volksmusik und Pop schienen unvereinbar. Als die Minstrels 1970 mit «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!» einen Überraschungserfolg landeten, durchbrachen sie dieses ungeschriebene Gesetz. Das Lied ist ein frühes Modell dessen, was später Volks-Pop ausmacht - ein traditionelles Lied wird von langhaarigen jungen Musikern aufgegriffen und von einer jungen Popgeneration aufgegriffen und neu codiert. Ein Brückenschlag zwischen Stilen und Generationen.
In den folgenden Jahrzehnten wagten sich immer wieder einzelne Künstler an die Verbindung von Pop und Schweizer Volksmusik: etwa Rumpelstilz-Gitarrist Schifer Schafer mit dem Kunstjodler Peter Hinnen und ihrem «Noodle Yodle Rock» (1976), Rumpelstilz mit «Kiosk» (1976) oder später Florian Ast mit «Daneli» (1996). Für besonderes Aufsehen sorgte Christine Lauterburg, die auf ihrem Album «Echo der Zeit» Jodel, Naturjutz und traditionelle Schweizer Klänge mit elektronischen Beats verschmolz und damit die Volksmusik in eine völlig neue Klangwelt führte.
Mit Bligg kam die Wende
Der Wendepunkt erfolgte aber erst 2008 mit Bligg und «Musigg i dä Schwiiz»: Seine Verbindung von Hip-Hop, Mundart-Rap und Elementen der Schweizer Volksmusik machte aus dem einstigen Nischenexperiment einen massentauglichen Pop-Sound. Entscheidend ist, dass bei der Konzeption erstmals Hitmill mit dem Produzenten und Komponisten Fred Herrmann beteiligt war. Es scheint, dass Bligg der Testfall von Hitmill für die spätere kommerzielle Vermarktung im grossen Stil war.
Bis Bligg blieb es bei einzelnen Experimenten von Musikern. Parallel zum volkstümlichen Schlager (Mitte 80er bis Ende 90er) bereiteten sie den Boden, ohne dass daraus bereits ein eigenständiges Genre des volkstümlichen Schweizer Pop entstanden wäre. Im alpinen Nachbarland Österreich war diese Entwicklung zu diesem Zeitpunkt schon deutlich weiter fortgeschritten. Als Pionier gilt Hubert von Goisern, der seit den späten 1980er-Jahren Jodler, Ziehharmonika und alpine Volksmusik mit Rock, Blues und Pop zu einem neuen, eigenständigen Sound verband.
Auch das spätere Erfolgsmodell Trauffer – die Verbindung von Rock und Volksmusik – hatte wohl ein österreichisches Vorbild: den Volks-Rock’n’Roller Andreas Gabalier. Trauffer griff diesen Ansatz auf, übersetzte ihn mit dem Musiker und Komponisten Frank Niklaus in eine schweizerische Klangwelt und schaffte 2010 mit dem Album «Dr Heimat z’lieb» den Durchbruch. Damit wurde aus den vereinzelten Experimenten früherer Jahrzehnte allmählich ein professionell entwickeltes Popmodell, das das Potenzial für ein eigenes Genre hatte.
Von der Ausnahme zur Regel
Der heutige volkstümliche Pop entstand also nicht über Nacht. Ihm ging eine jahrzehntelange Annäherung voraus, in der Schweizer Popmusiker lernten, dass Dialekt, Volksmusik und Heimat popfähig sind. Sie haben verstanden, dass Volksmusik kein Gegensatz zur Moderne sein muss, sondern als Material verwendet werden kann.
In den 2010er-Jahren kippte das Phänomen schliesslich von der Ausnahme zur Regel. Mit Fäaschtbänkler, Trauffer, Schwiizergoofe, Heimweh, VolxRox und Stubete Gäng entstand nicht mehr bloss ein Crossover einzelner Stile, sondern ein eigenständiges Genre: mit einer wiedererkennbaren Ästhetik, einem eigenen Publikum, einem eigenen Markt – und Erfolgsmodellen, die sich reproduzieren liessen.

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