Volkstümlicher Pop

Die neue Lust auf Heimat: Wie volkstümlicher Pop die Schweiz erobert

Stubete Gäng, Trauffer und Heimweh machen Volksmusik zu Pop. Das Geschäft boomt – doch jetzt droht der Einheitsbrei.

Der volkstümliche Pop hebt ab. Er hat sich vom Nischenprodukt zum Massenphänomen entwickelt und ist heute das erfolgreichste Schweizer Pop-Genre. Der Chor Heimweh steht aktuell auf Platz 1 der Schweizer Album-Hitparade. Es ist die achte Nr. 1-Platzierung seit ihrer Gründung vor zehn Jahren. Die Stubete Gäng und Fäaschtbänkler melden ausverkaufte Tourneen und Trauffer konnte sogar zweimal das Hallenstadion füllen. Gerade eben haben die Rusch-Büeblä als erste traditionelle Ländlerkapelle das Hallenstadion als ausverkauft gemeldet. Dabei wächst das Genre, also die Mischung von Volksmusik und Pop, weiter.

Entscheidend für den Höhenflug ist, dass sich der volkstümliche Pop vom Image der älteren Generation gelöst hat. Der volkstümliche Schlager, der ab Mitte der 1980er- bis Ende der 1990er-Jahre erfolgreich und stark mit Fernsehen und dem Musikantenstadl verbunden war, sprach noch ein älteres Publikum an. Der heutige Volks-Pop richtet sich dagegen auch an 20- bis 40-Jährige und an Publikum für Pop-Festivals. Er ist damit keine verstaubte Musik für Senioren, sondern eine Party- und Eventmusik für alle.

Die Bedeutung von Heimat hat sich verändert

In einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt gewinnen kulturelle Ausdrucksformen an Attraktivität, die lokale und regionale Identität, Gemeinschaft und Vertrautheit vermitteln. Der Erfolg des volkstümlichen Pop lässt sich auch vor diesem Hintergrund verstehen.

Dabei hat sich auch die Bedeutung von Heimat verändert. In der geistigen Landesverteidigung diente sie der nationalen Selbstbehauptung und Abgrenzung. Heute funktioniert Heimat stärker als individuelles und regionales Zugehörigkeitsgefühl. Dialekt, Jodel, Örgeli und Blasmusik markieren nicht mehr zwingend das Nationale, sondern das Vertraute und Eigene. In einer globalisierten Popwelt gewinnen solche lokalen Codes neue Attraktivität.

Die 2008 im St. Galler Rheintal gegründeten Fäaschtbänkler gehörten zu den ersten Formationen der neuen Generation, die die Verbindung von Pop und volkstümlicher Musik konsequent zum eigenen Konzept machten. Die Band verbindet Blasmusik und alpine Volksmusik mit modernen Popstilen wie Electro, Dance, Techno, Rock, Metal und Schlager zu einem energiegeladenen Partysound. Anders als viele Formationen des Genres richten sich die Fäaschtbänkler aber an ein internationales Publikum und singen deshalb auf Hochdeutsch. Damit nehmen sie innerhalb der Szene eine besondere Stellung ein.

Erfolg basiert auch auf einer klugen Differenzierung

In den 2010er-Jahren waren es vor allem die Hitmill-Produzenten Roman Camenzind, Fred Hermann und Georg Schlunegger, die das kommerzielle Potenzial der Verbindung von Volksmusik, Heimatkitsch und Pop erkannten. Sie haben das Genre massgeblich geprägt, modernisiert und massentauglich gemacht. Hauptkomponist Georg Schlunegger entwickelte aus volkstümlichen Versatzstücken neue Popkonzepte und schuf dafür eigens Formationen wie die Schwiizergoofe (2012), Heimweh (2016) und Stubete Gäng (2019).

Der Erfolg beruhte nicht zuletzt auf einer klugen Differenzierung: Zwar beriefen sich alle Formationen auf die Schweizer Volksmusik, doch jede erschloss eine andere musikalische Tradition und sprach damit ein eigenes Publikum an. Die Schwiizergoofe knüpften an die Schweizer Kinder- und Volksliedtradition an, Heimweh an die Jodel- und Chormusik und die Stubete Gäng an die Ländlermusik.

Produzent Schlunegger erklärt es so: «Ich nehme Elemente aus der Tradition und baue sie neu zusammen. Ich stelle das Volkstümliche meiner Herkunft in den Kontext der Populärkultur.» Insofern sind seine Projekte weder «ächt» noch traditionell. Sie wollen auch nichts bewahren. Sie wollen unterhalten und kommerziell erfolgreich sein. «Ich versuche, ein Gefühl zu transportieren, in dem sich das Publikum wiederfindet. Nicht zu verkopft, einfach und populär», sagt er.

Dass die Kommerzialisierung des neuen Heimatgefühls nicht nur von Hitmill ausging, zeigen neben den Fäaschtbänklern und Oesch’s die Dritten auch VolxRox, die 2016 gegründete Band um den Sänger und Örgeli-Spieler Simu Lüthi. Mit Popmusikern wie Alain Boog hat er mit der Kombination von Volksmusik, Rock ’n’ Roll, Rockabilly und Boogie-Woogie einen ganz eigenen Weg eingeschlagen.

Volksmusiker machen Volksmusik popfähig

So entstand im Laufe der Zehner-Jahre ein neues Genre, ein ganzes Ökosystem, das sich auf die Volksmusik beruft, sich aber im Popuniversum bewegt. Trauffer, Stubete Gäng, Heimweh & Co. erreichen damit auch Leute, die mit der traditionellen Volksmusik bisher eher wenig anfangen konnten - eine neue, junge Generation, die den volkstümlichen Pop als grosses gemeinschaftliches Pop-Ereignis erleben will.

In der Entwicklung zum eigenständigen Genre haben sich Popmusiker der Volksmusik geöffnet. Parallel dazu ist mit Volksmusikanten wie den Genderbüebu und den Rusch-Büeblä aber auch die Bewegung in die Gegenrichtung erfolgt: von der Volksmusik zum Pop. Die Walliser Genderbüeba waren eine urchig-lüpfige Schwyzerörgeli-Kapelle bevor sie sich mit dem Album «Freundschaft» (2018) stilistisch öffneten und neben Ländler auch Schlager- und Pop-Hits in Schwyzerörgeli-Besetzung interpretierten. Sie erreichten mit ihrem Album Goldstatus und bewiesen, dass eine Ländlerkapelle den Sprung in den breiten Musikmarkt schaffen kann.

Insofern sind die Genderbüeba die Wegbereiter der Rusch-Büeblä, die sich mit dem Album «Meitli tanz!» (2023) in den Pop wagten und erfolgreiche Popsongs im Ländlergroove interpretierten. Gemeinsam ist beiden Formationen, dass sie mit ihrer Ausrichtung ein Publikum ausserhalb des traditionellen Ländlermilieus erreichen und dabei konsequent die Mechanismen, Dimensionen und Vermarktungsformen des Popgeschäfts nutzen.

Hitmill-Universum wird immer grösser

Damit beginnt gewissermassen die zweite Phase des Genres: Nicht mehr nur Popmusiker entdecken die Volksmusik, nun wird die traditionelle Volksmusik selbst popfähig. Genderbüebu und Rusch-Büeblä zeigen, wie weit die Verschmelzung inzwischen fortgeschritten ist. Die Grenze zwischen Volksmusik und Pop beginnt sich aufzulösen.

Hitmill und Komponist Georg Schlunegger bleiben aber die grossen Antreiber des Genres. Das Hitmill-Imperium wächst kontinuierlich und erfährt gerade einen neuen Schub. Seit 2024 gehört auch Alpentainer Trauffer zum engeren Hitmill-Umfeld, nachdem er Schlunegger für sein Album «Heubode» als Produzenten und Komponisten gewonnen hatte. Und schon steht das nächste Hitmill-Projekt Heimatliebi in den Startlöchern, das mit seiner Kombination von Ländler, Pop und Rock grosse Ambitionen anmeldet.

Die Szene des volkstümlichen Pop ist mittlerweile eng verflochten. Über Trauffer fanden auch die Rusch-Büeblä Anschluss an das erweiterte Hitmill-Umfeld. An ihrer gemeinsamen Single «Traktor» arbeiteten die Hitmill-Leute Georg Schlunegger, Roman Camenzind und Fred Herrmann ebenso mit wie Produzent Thomas J. Gyger, der seinerseits eng mit Trauffer und VolxRox verbunden ist und die Rusch-Büeblä bei ihrem Hallenstadion-Gig unterstützt. Und auch personell überschneiden sich die Projekte: VolxRox-Pianist und Komponist Alain Boog singt gleichzeitig bei Hitmills Männerchor Heimweh.

Ein erstaunlich kleines und eng verflochtenes Netzwerk von Produzenten, Komponisten und Musikern prägt einen erstaunlich grossen Teil dieses Marktes – mit Hitmill als wichtigstem Knotenpunkt. Wo dieselben Köpfe an verschiedenen Acts arbeiten, und bewährte Erfolgsrezepte weiterentwickeln, wächst zwangsläufig auch die Gefahr einer ästhetischen Angleichung.

Ein Indiz dazu liefert Trauffer. Der frühere Trauffer pflegte eine eigenwillige Mischung aus Mundart, Country, Alpenfolklore und Rockmusik. Gerade die elektrischen Gitarren, die kräftigen Drums und die rockige Attitüde machten den Alpentainer aus. Er war damit näher beim Rock als beim klassischen volkstümlichen Schlager.

Es droht der Einheitsbrei

Parallel zu seiner Annäherung an das Hitmill-Umfeld haben sich bei Trauffer auch musikalisch die Gewichte verschoben. Mundart trifft auf volkstümliche Melodik, Akkordeon und eingängige Schlagerstrukturen. Die Rockkomponente ist deutlich zurückgenommen, Trauffer rückt damit musikalisch näher an die anderen Bands des volkstümlichen Popgenres.

Kommerziell muss die Annäherung kein Nachteil sein – im Gegenteil. Wiedererkennbare Formeln gehören zum Funktionieren eines Genres. Künstlerisch liegt darin jedoch ein Risiko. Je ähnlicher Produktion, Dramaturgie und Klangsprache werden, desto eher droht aus einem vielfältigen musikalischen Aufbruch ein standardisiertes Produkt zu werden.

Der volkstümliche Pop ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Seine Herausforderung besteht darin, sich seine Unterschiede zu bewahren. Denn ausgerechnet auf dem Weg zum perfekten Erfolgsrezept könnte ihm jene Eigenwilligkeit abhandenkommen, die diesen Aufbruch erst möglich gemacht hat.

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