Interview

Ein Amt will Mitgefühl verordnen – dieser Schweizer Film trifft einen Nerv

In seiner Dystopie «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» schickt Regisseur Nicolas Steiner eine Schreibtrainerin zu einem verbitterten Alkoholiker. Ein Gespräch über Empathie und die Risikoscheu der Filmbranche.

Eine graue Grossstadt zwischen Sozialbau und Albtraum: Hochhäuser aus Beton ragen in den Himmel, eine Schwebebahn gleitet über die Strassen. Über allem liegt die Atmosphäre einer Welt, in der alles kontrolliert wird – selbst das Mitgefühl. In «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» entwirft der Walliser Regisseur Nicolas Steiner ein surreal-düsteres Grossstadtmärchen, für das er unter anderem brutalistische Bauten in Basel als Kulisse nutzt.

Das «Amt für Ruhe und Ordnung» möchte Empathie per Verordnung durchsetzen. «Tolerant und gewaltfrei durch Kreativität» heisst ihr Umerziehungsprogramm für eine Gesellschaft, die Funktionieren über Menschlichkeit stellt. Wer aus dem Raster fällt oder stört, wird «entsorgt». Mitten in diese Realität platzt Lena Jacobi (Luna Wedler) mit einer fast fahrlässigen Wärme. Als Schreibtrainerin soll sie den schwerstalkoholischen Misanthropen Hugo Drowak (Karl Markovics) resozialisieren – einen Mann, der sich hinter Wällen aus leeren Weinflaschen verschanzt und als einziges Lebensglück die «Abwesenheit aller Menschen» einfordert.

Nicolas Steiner, in «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» versucht ein Amt, Empathie per Verordnung durchzusetzen. Warum ist die Frage nach Mitgefühl gerade heute so dringend?

Nicolas Steiner Empathie ist ein Kernthema unserer Gegenwart: Wie wollen wir einander begegnen? Viele denken zunächst, der Film sei eine distanzierte, etwas entrückte Dystopie. Doch nach dem Kinobesuch stellt sich oft die beunruhigende Erkenntnis ein: «Verrückt, so kühl und abgestumpft sind wir heute auch zueinander.» Wenn wir verlernen, uns auf Augenhöhe zu begegnen, brauchen wir am Ende tatsächlich Behörden, die uns das Menschsein aufbrummen.

Ihr Protagonist Hugo Drowak lebt verbittert am Rand der Gesellschaft. Was sagt der Film darüber aus, wie wir mit Menschen umgehen, die nicht mehr ins funktionierende System passen?

Er ist ein Geist der Stadt – wie jene Tausende, die wir im Alltag lieber übersehen. Die Grausamkeiten im Film sind erschreckend real: Sie basieren etwa auf Gangs, die Obdachlose für eine Mutprobe quälten oder auf einem realen Fall, bei dem ein Mann in einem Container schlief und starb. Wir haben diese Realität nur um eine Nuance überhöht. Wer Drowak begegnet, verurteilt ihn schnell. Kennt man aber seinen Rucksack, verändert sich der Blick – und die eigentliche Arbeit beginnt.

Sie haben in der Schweiz lange keinen Verleiher für den Film gefunden. Unterschätzen Verleiher und Betreiber das Publikum, sobald ein Film nicht ins gewohnte Schema passt?

Ich möchte das nicht pauschalisieren, aber es ist ernüchternd, einem Publikum von vornherein abzusprechen, dass es Lust und Kapazität für fordernde Filme hat. Wer ihm nur das Bekannte zumutet, entscheidet auch darüber, was es überhaupt zu sehen bekommt. Bei unseren Vorpremieren erleben wir, wie die Säle kochen. Das zeigt mir, dass das Bedürfnis nach emotionaler Auseinandersetzung, schrägem Humor, visuellem und akustischem Gestaltungswillen und Filmen, die sich nicht sofort in eine Schublade stecken lassen, durchaus vorhanden ist. Vielleicht liegt die vermeintliche Grenze deshalb weniger beim Publikum als bei der Vorstellung davon, was man ihm zutraut.

Lena begegnet Drowaks Hass mit sturer Freundlichkeit. Wie verhindert man, dass eine solche Konstellation zur kitschigen Erlösungsfantasie verkommt?

Die Magie entsteht erst, wenn man die Zwiebel schält. Lena ist keine reine Lichtgestalt, ihre Empathie hat eine fast schmerzhafte Beharrlichkeit. Sie erträgt die Stille nicht, sie drängt sich auf. Weil beide Figuren Ecken haben und man mit keinem von beiden ohne Weiteres zusammenwohnen möchte, bleibt der Film ehrlich und entzieht sich hoffentlich dem Kitsch.

Die Schwarz-Weiss-Optik abstrahiert das Geschehen stark. Warum brauchte dieser Film diese visuelle Radikalität?

Schwarz-Weiss zwingt das Auge, anders hinzusehen. Ohne die Ablenkung von Farben reduzieren sich die Bilder auf nackte Konturen, auf Licht und Schatten. Kontraste und Komposition treten stärker hervor. Es war eine Entscheidung für die Verdichtung - eine Bildsprache, die das Archaische und Emotionale vielleicht noch sichtbarer macht und uns half, den Brutalismus als Architekturstil von tatsächlichen Sozialbauwohnungen noch besser einzuflechten. Gleichzeitig entzieht das Schwarz-Weiss die Geschichte einer konkreten Epoche. Das ist kein Selbstzweck: Es entblösst die Kälte der Kulisse ebenso unerbittlich wie das Verborgene in den Figuren.

Sie geben dem Publikum keine eindeutige Botschaft vor. Wie viel darf ein Film offenlassen?

Ich finde es spannend, dass der Film unterschiedlich gelesen werden kann. Wer sich gerade verliebt hat, sieht vielleicht eine Liebesgeschichte, wer einen Menschen an den Alkohol verloren hat, erlebt darin womöglich einen traurigen Film. Ich möchte niemandem vorschreiben: Das ist die eine Botschaft, die du verstehen musst. Ein Film darf einen auch einmal überfordern und beschäftigen, solange man irgendwann eine eigene Welle findet und sich auf sie einlässt.

Sobald Drowak zu schreiben beginnt, kehrt die Farbe wortwörtlich in die verblasste Welt zurück. Kann Poesie dort echtes Mitgefühl wecken?

Für Drowak wird das Schreiben vom behördlichen Zwang zum Spiel und schliesslich zur Entlastung. Kunst gibt dem Verdrängten seine Würde zurück. Echte Empathie entsteht da, wo wir den Schmerz des Anderen annehmen.  Dann zeigt sich die wahre subversive Kraft der Poesie: Sie erweckt unser verschüttetes Mitgefühl zu neuem Leben.

Damit kehrt sich die Logik des Amts um: Menschlichkeit lässt sich nicht verordnen und Empathie nicht erzwingen. Sie entsteht erst, wenn wir hinter dem Verhalten eines Menschen wieder den Menschen erkennen. Genau darin liegt die eigentliche Stärke von «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?»

Am Ende genügt dafür ein Text: Der gepflegte Amtsleiter, gespielt von Lars Eidinger, liest Zeilen aus Drowaks Manuskript und gesteht unter Tränen: «Das ist pure Poesie – das macht Lust, sich zu verlieben.»

«Sie glauben an Engel, Herr Drowak?», ab 10. September im Kino

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