«Make Earth Cool Again» leuchtet in Neonschrift auf einer Klimaschutz-Gala in einem griechischen Marmorsteinbruch. Gleich darauf folgt: «Save the Planet, Save Us All». Selbst die Rettung der Erde wird im Hyperkapitalismus zum Branding. Zur Gala reist Mike Tyler (Chris Evans), ein verunsicherter Hollywoodstar. Sektenanführerin Joan (Anya Taylor-Joy) verkündet derweil: «Der Vulkan hat zu mir gesprochen.» Etwas Altes müsse enden, damit Neues entstehen könne. Erst später kreuzen sich ihre Wege.
Als Gastgeber Ben Bracken (Vincent Cassel) an der Gala den Klimawandel anprangert und zugleich Geschäfte mit dem Abbau am Meeresboden anpreist, greift Tyler wutentbrannt zum Mikrofon: «Wir sind Heuchler.» Doch heuchlerischer könnte er selbst kaum sein: Ihm geht es nicht um die Sache, sondern um die Aufmerksamkeit, die ihm seine Empörung verschafft. «Sacrifice» verspottet eine Elite, die jede Haltung in ein öffentlichkeitswirksames Bild verwandelt, und greift für seine Satire zugleich auf genau dieses Spektakel zurück. Während «Digger» jüngst die Klimakrise aus Sicht der Mächtigen erzählt, nimmt «Sacrifice» die grüne Selbstinszenierung der Prominenz ins Visier.
Wenn die Pointe zur Geiselnahme wird
Der Auftakt ist präzise inszeniert und macht Lust auf mehr. Als Joan und ihre bewaffnete Truppe die Gala stürmen, halten die Gäste die Gewehre für Teil der Show. Eben haben Tänzerinnen eine Nummer namens «Super Nature» aufgeführt – Klimaschutz als Bühnenspektakel. Dass selbst die Geiselnahme als «Content» missverstanden wird, ist ein treffender Einfall: In dieser Welt scheint selbst der Ausnahmezustand nur eine weitere Inszenierung zu sein. Doch aus dem Überfall wird bitterer Ernst: Die Klimaschutz-Sekte will Prominente in einen Vulkan werfen, um den Weltuntergang zu verhindern.
Doch je näher die Sekte dem Vulkan kommt, desto weiter entfernt sich «Sacrifice» von seiner Pointe. Die absurde Prämisse ist nicht das Problem. Der Film macht aus ihr kaum mehr als vertraute Klischees: Reiche sind arrogant, Stars eitel, Sektenangehörige fanatisch. Über diese Zuschreibungen kommen seine Figuren kaum hinaus. Als Joan Tyler zum Helden ihrer Prophezeiung erklärt, beginnt er, an ihre Weltsicht zu glauben – offenbar, weil sie ihm eine neue Bedeutung verspricht. Was ihn tatsächlich überzeugt, bleibt unklar.
Ein Held ohne Publikum
Joan kündigt auf der Flucht zum Vulkan an, ein Trank werde «die Wahrheit» aus Tyler herausholen. Kurz darauf steht Tyler wieder auf einem Filmset als Actionheld «Octavius», in der Rolle, die ihn berühmt gemacht hat. Darin steckt ein brauchbarer Gedanke: Ein Mann, der sein Leben lang Helden verkörpert hat, muss sich fragen, wer er jenseits seiner Rolle ist. Doch der Film reisst die Szene ab, bevor aus diesem Bild eine Erkenntnis wird: Tyler erwacht plötzlich bei Joans Vater, der Familiengeschichte und Prophezeiung verknüpft.
Gavras schafft es, in «Sacrifice» Atmosphäre zu erzeugen. Der weisse Marmorsteinbruch wirkt wie ein Tempel des Reichtums; Nacht und Nebel verwandeln die Flucht in unwirkliche Szenen. Als Joans Bruder Arthur ums Leben kommt und sein Körper verbrannt wird, erklingt eine Klavierversion von Yung Leans «Agony». Für einen Moment tritt unter der ideologischen Pose wirkliche Trauer hervor. Doch die Atmosphäre allein kann die erzählerischen Brüche nicht kaschieren.
Viel Feuer, wenig Erhellung
Das Problem ist nicht, dass Gavras ins Absurde kippt. Eine Satire muss jedoch wissen, worauf ihre Übertreibung abzielt. Ist Joan eine Fanatikerin, die aus Verzweiflung einen Todeskult macht, oder könnte ihre Prophezeiung stimmen? Der Film hält beide Möglichkeiten offen, gewinnt daraus aber kaum Spannung. Abrupte Wendungen und lose Handlungsstränge machen den Aufbau zunehmend verwirrend, ohne das Geschehen bedeutungsvoller zu machen. Der Weltuntergang bleibt bloss Motor für die nächste Wendung.
«Sacrifice» landet schliesslich bei einem Widerspruch: Der Film verspottet Menschen, die eine globale Katastrophe zur Bühne ihrer Selbstinszenierung machen, und macht die Katastrophe selbst zur Kulisse. «Make Earth Cool Again» ist am Anfang als Witz präziser als das, was der Film daraus entwickelt. Neben Chris Evans und Anya Taylor-Joy versammelt «Sacrifice» mit Salma Hayek, John Malkovich und Vincent Cassel ein hochkarätiges Ensemble. Doch selbst diese Besetzung kann die dramaturgischen Schwächen nicht auffangen. «Sacrifice» hätte die richtige Zielscheibe – aber nicht die nötige Treffsicherheit.
«Sacrifice», ab 15. Oktober im Kino





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