Kinostart

«Hope»: Der verrückteste Blockbuster des Jahres kommt aus Südkorea

Der Regisseur Na Hong-jin macht aus einer Monsterjagd ein Chaosstück über ein südkoreanisches Dorf, dessen Bewohner bald selbst zu Jägern und Gejagten werden.

Eine tote Kuh liegt auf einer Wiese. Blutverschmiert, brutal zugerichtet. Eine Gruppe Männer steht daneben, der örtliche Polizist Bum-seok (Hwang Jung-min) versucht sich einen Reim darauf zu machen: War es ein Bär? Ein Tiger? «Hope» beginnt leise und mit dem diffusen Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann. Das abgelegene «Hope Harbor», ein fiktiver Küstenort in Südkorea, nahe der entmilitarisierten Zone, wirkt wie ausgestorben.

Dann entdecken die Männer einen zerstörten Bauernhof, ein umgestürztes Auto und einen menschlichen Arm, der von einem Baum herunterhängt. Hier macht er aus der Monsterjagd ein Spiel mit dem Übermass. Die Bedrohung rückt Schritt für Schritt näher: Die Kamera bleibt eng bei ihnen, folgt ihren Blicken und Bewegungen, verliert dabei immer wieder den Überblick. Das ist nicht nur präzise inszenierter Horror, sondern setzt gleich das Prinzip des Films: Je genauer die Menschen auf die Spuren schauen, desto weniger verstehen sie. So wird die Suche selbst zur nervösen Expedition.

Komik trifft Endzeitstimmung

Plötzlich bricht eine Schiesserei in der Kleinstadt los, ein Auto wird über die Strasse geschleudert – doch das Wesen, das dafür verantwortlich ist, bleibt zunächst unsichtbar. Auf einem Plakat steht auf Koreanisch der Satz: «Schützt die Nation vor Infiltration.» Die staatliche Warnung vor dem «Eindringen» eines äusseren Feindes bekommt eine groteske Wendung – denn tatsächlich ist da etwas eingedrungen, nur entspricht es ganz und gar nicht dem Feindbild auf dem Plakat.

Noch irritierender wird es, als Bum-seok mit seiner Schrotflinte durch die menschenleeren Strassen schleicht: Er schiesst beinahe auf einen älteren Mann, der sich unter einer Brücke versteckt und ihn lauthals beschimpft. Von ihm hört er die erste richtige Beschreibung des Monsters: Es sehe aus «wie ein Brei aus Erbsen und Bohnen», habe lange Arme und sei riesig.

Das Monster wohnt zu Hause

Viel schlauer werden sie nicht. In einer Metzgerei halten Bum-seok und der Alte einen Metzger für das Monster und schiessen auf ihn. Als sie ihren Irrtum bemerken, versuchen sie ihn zu retten – und wollen tatsächlich die Polizei verständigen. Während das echte Monster draussen weiter lungert, macht dieser Irrtum die Szene umso absurder. «Hope» hat ein gutes Gespür dafür, wann aus Angst blanker Unsinn wird. Je grösser die Bedrohung wird, desto unbeholfener wirken die Menschen, die ihr begegnen.

Na Hong-jin lässt sein Monster wohl auch deshalb lange unsichtbar. Nach fast einer Dreiviertelstunde weiss man vor allem, was es anrichtet: zerstörte Häuser, tote Tiere, abgerissene Körperteile. Erst als der Polizist in einem Laden eine riesige Hand sieht, bekommt die Bedrohung einen Körper. Das Wesen ist grün, hat lange schwarze Haare und erinnert weniger an ein Alien als an einen mutierten Menschen. Gerade darin liegt sein Schrecken: Das Fremde wirkt plötzlich unheimlich vertraut.

Die altbekannte Paranoia

Was als Actionfilm beginnt, wird zum Film über Paranoia: Keiner weiss, was passiert. Selbst als das Wesen vor ihnen liegt, herrscht Unsicherheit. Im Grenzgebiet zu Nordkorea ist diese Angst keine abstrakte. Na Hong-jin treibt die Eskalation immer weiter: Schiessereien und Verfolgungsjagden häufen sich, die Aliens werden zahlreicher, aus der Monsterjagd wird eine Alien-Invasion. Dazwischen: Slapstick und Science-Fiction. Weil der Film seine Dimension ständig erweitert, bleibt selbst die spektakulärste Szene unberechenbar. Nicht alles gelingt – aber Na Hong-jin weigert sich, den Film kleinzuhalten.

Dass «Hope» in Cannes um die Goldene Palme konkurrierte, überrascht kaum. Na Hong-jin macht aus dem Übermass seine Methode. Nicht jede Idee geht auf, manche Szenen sind zu lang. Doch hinter dem Grössenwahn steckt ein Regisseur, der genau weiss, was er mit seinem Kino anstellt. Sein Film hat etwas, das vielen Hollywood-Blockbustern fehlt: den Mut, sich selbst zu überraschen. «Hope» zeigt, wie aufregend Kino sein kann, wenn es jede Vernunft verliert.

«Hope», ab 8. Oktober im Kino

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