Retrospektive

Der Fall Klaus Kinski: Wie Missbrauchsvorwürfe seinen Mythos zerstörten

Mit Werner Herzog schuf Klaus Kinski einige der eindringlichsten Figuren des deutschen Nachkriegskinos. Seine Ausbrüche galten lange als Zeichen eines «Genies».

«Enfant terrible», «Provokateur», «Publikumsbeschimpfer»: Klaus Kinski verstand es, aus seiner Unberechenbarkeit einen Mythos zu machen. Am 18. Oktober würde er 100 Jahre alt. 2013 erschütterte seine Tochter Pola Kinski dieses Bild mit ihrer Autobiografie «Kindermund», in der sie sagte, dass ihr Vater sie über Jahre sexuell missbraucht habe. Seither lässt sich Kinskis Vermächtnis nicht mehr ohne die Gewalt erzählen, die hinter der öffentlichen Inszenierung sichtbar wurde.

Die Entstehung der Figur Kinski

Kinski wurde 1926 im heutigen Polen geboren. Er schilderte seine Kindheit als entbehrungsreich, stammte aber aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Im britischen Kriegsgefangenenlager sammelte er erste Bühnenerfahrungen. Eine Schauspielausbildung bekam er nie. Sprache und Selbstinszenierung beherrschte er früh: Mit Rezitationen von François Villon und anderer Weltliteratur wurde Kinski in den 1950er- und 60er-Jahren bekannt. Er sprach Gedichte nicht einfach, sondern steigerte sich bis zur Erschöpfung. «Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund» wurde zu seiner Visitenkarte. Kinski machte aus Literatur eine Performance – und aus sich selbst ein Ereignis.

Im Film spielte er zunächst oft Schurken, Mörder und Psychopathen, unter anderem in «Doktor Schiwago» und «Für ein paar Dollar mehr». Die Rollen passten zu seiner Präsenz; zugleich drohte der Schauspieler hinter dem Image zu verschwinden. Mit Werner Herzog begann danach das prägendste Kapitel seiner Filmkarriere.

Werner Herzog erkannte sein Genie

Herzog und Kinski drehten fünf Filme miteinander: «Aguirre, der Zorn Gottes», «Woyzeck», «Nosferatu», «Fitzcarraldo» und «Cobra Verde». In «Aguirre» zieht Kinski als wahnsinniger Konquistador durch den Dschungel und erklärt sich zum «Zorn Gottes». Als «Fitzcarraldo» verfolgt er einen unmöglichen Traum mit fanatischer Energie; in «Nosferatu» verbindet er blankes Grauen mit Traurigkeit.

Herzog wusste Kinskis Fähigkeit zu nutzen, innere Zustände körperlich sichtbar zu machen: In einem Moment wirkt er erhaben, im nächsten lächerlich. Doch ihre Zusammenarbeit war von Konflikten geprägt. Herzog berichtete von Wutausbrüchen und Drohungen. Kinski beschimpfte Kollegen und Journalisten. Als ein Kritiker ihn «hervorragend» nannte, soll Kinski heisse Kartoffeln nach ihm geworfen haben: «Ich bin nicht hervorragend. Ich bin monumental!» Der Ausbruch wurde Teil seiner Marke und ein Beispiel dafür, wie Provokation zur Anekdote verniedlicht wurde.

Wenn Exzess zur Marke wird

Kinskis Ausbrüche wurden selbst zur Attraktion. Interviews gerieten zu Machtproben; immer schwerer liess sich unterscheiden, was Inszenierung und was unkontrollierte Wut war. 1985 zeigte sich das auch im Schweizer Fernsehen: In der Sendung «Karussell» beschwerte sich Kinski über die Studioluft und seinen trockenen Mund, statt Fragen zu seinem neuen Film «Kommando Leopard» zu beantworten.

Der spanische Regisseur Jess Franco beschrieb Kinski hingegen als pünktlich und professionell, solange man ihn respektvoll behandelte. Solche Erinnerungen gehören dazu, gleichen die Aussagen seiner Tochter aber nicht aus. Dass Kinski auch konzentriert und zugewandt sein konnte, widerlegt keinen Missbrauch.

2013 veröffentlichte Pola Kinski «Kindermund». Darin beschrieb sie, ihr Vater habe sie vom fünften bis zum 19. Lebensjahr wiederholt sexuell missbraucht. Der Titel steht in scharfem Kontrast zu Kinskis Autobiografie «Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund» – zwei Bücher, zwei radikal unterschiedliche Erzählungen über denselben Mann. Pola schilderte auch die emotionale Abhängigkeit, die den Übergriffen ihren Platz in der Familie gab: die Sehnsucht nach seiner Liebe, seine Zuwendung und seine Drohungen.

Der zerbrochene Mythos

Mit Polas Bericht verändert sich der Blick auf Kinskis Mythos. Seine Ausbrüche sind nicht mehr nur als Teil einer exzentrischen Künstlerpersona lesbar; die Verehrung hatte Grenzüberschreitungen lange als Zeichen aussergewöhnlichen Temperaments gefeiert. Polas Aussage lenkt den Blick auf jene, die darunter litten. Sie macht Kinskis schauspielerische Leistung nicht ungeschehen – sie stellt aber die Frage, warum seine Verklärung so lange auf Kosten anderer möglich war.

Kinski starb am 23. November 1991 in Kalifornien an einem Herzinfarkt. Seine Filme sind geblieben – besonders jene mit Herzog, in denen seine Präsenz bis heute verstört und fesselt. Man muss sie weder verbannen noch den Mythos weiterpflegen. Kinskis Kunst kann bedeutend sein, ohne dass seine Gewalt als Exzess eines Genies verklärt wird.

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