Manche Museumsobjekte beeindrucken durch ihre Grösse. Andere erzählen ihre Geschichte im Taschenformat. Dazu gehört ein kleines Leporello mit zwölf Ansichtskarten, das sich seit 1936 in der Sammlung des Richard Wagner Museums befindet und derzeit im Rundgang «150 Jahre Bayreuther Festspiele – Wir feiern mit» näher beleuchtet wird. Es trägt den Titel «Erinnerung an Bayreuth» – und gehörte einst der US-amerikanischen Opernsängerin Minnie Hauk, einer der gefeierten Primadonnen ihrer Zeit.
Inzestuöse Rolle: Die Mutter war dagegen
Wer ihren Namen liest, vermutet vielleicht, sie habe in Bayreuth mit Richard Wagner zusammengearbeitet. Tatsächlich war Minnie Hauk bereits bei den ersten Festspielen 1876 anwesend, allerdings nicht als Sängerin, sondern als Gast. Damals versammelte sich im eigens dafür erbauten Festspielhaus die kulturelle und gesellschaftliche Elite Europas. Im Publikum sassen unter anderem Kaiser Wilhelm I., König Ludwig II. von Bayern sowie Komponisten und Intellektuelle wie Anton Bruckner, Pjotr Tschaikowski, Friedrich Nietzsche und Franz Liszt. Auf dem Programm stand die vollständige Uraufführung von Wagners vierteiligem Opernzyklus «Der Ring des Nibelungen», an dem er auch während seines Aufenthalts in Tribschen (1866–1872) gearbeitet hatte.
Dass Minnie Hauk nicht auf der Bühne stand, überrascht. Immerhin zählte sie zu den bedeutendsten Interpretinnen ihrer Zeit. Wagner soll sie nach einer Aufführung des «Fliegenden Holländers» sogar als die beste Senta bezeichnet haben, die er je gehört habe. Der Dirigent der «Ring»-Uraufführung, Hans Richter, bot ihr denn auch den Part der Sieglinde in der «Walküre» an und damit eine der tragischsten und emotionalsten Figuren in Wagners «Ring» – mit einer etwas heiklen Geschichte: So ist sie nicht nur die Mutter des legendären Helden Siegfried, sondern auch die Zwillingsschwester ihres Kindesvaters Siegmund. Minnie Hauks Mutter fand diese inzestuöse Rolle nicht für ihre Tochter geeignet – und untersagte ihr, diese zu übernehmen.
So erlebte die Sängerin die ersten Bayreuther Festspiele vom Zuschauerraum aus. Bayreuth blieb ihr jedoch verbunden. Das Leporello stammt wohl von einem späteren Aufenthalt im Jahr 1899. Zu dieser Zeit lebte Minnie Hauk seitr zehn Jahren mit ihrem Ehemann Ernst von Hesse-Wartegg im Schlössli Wartegg, unweit des Landhauses Tribschen, in dem Wagner einst gewohnt hatte. An die Sängerin erinnert bis heute der Minnie-Hauk-Weg, direkt unterhalb des Schlössli Wartegg.
Das kleine Leporello ist also weit mehr als ein hübsches Reisesouvenir: Es erzählt von der überraschenden Verbindung zwischen Wagners Bayreuth, Tribschen und einer der bedeutendsten Sängerinnen ihrer Zeit.





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