notifications
Hochstapler Syndrom

«Einfach nicht gut genug» – warum Stars wie Nina Chuba vor dem Alltag zittern

Nina Chuba ist eine der erfolgreichsten deutschen Popstars und hat tausende Fans. Trotzdem leidet sie unter enormen Selbstzweifeln und ging in Therapie. Immer mehr Stars äussern ähnliche Probleme und sprechen manch Normalos aus dem Herzen.
Nina Chuba hat in der Promiwelt einen rasanten Aufstieg hinter sich. Das blieb nicht ohne Folgen.
Bild: Britta Pedersen

Sie erobert die Charts, gewinnt Preise und hat über eine Million Follower auf TikTok. Doch als Nina Chuba nach ihrem ersten Erfolgsalbum 2023 schnell nachlegen wollte, ging nichts mehr. «Ich konnte morgens plötzlich nicht mehr aufstehen. Ich lag im Zimmer, war traurig, habe viel geweint und mich zu nichts aufraffen können», erzählt sie im «Stern». Das habe sie noch nie erlebt und war sicher: «Das ist nicht einfach nur Erschöpfung.» Auslöser waren weder Krankheit oder Skandal – sondern: «Ich habe mir selbst enormen Druck gemacht.»

Selbstzweifel seien für sie ein ständiger Begleiter. So sei sie auch schon mal nach einem ausverkauften Konzert in Tränen ausgebrochen: «Ich war so enttäuscht von mir, weil ich dachte, es war einfach nicht gut genug.»

Nina Chuba gewinnt bei der Verleihung der 1Live-Krone den Preis als Beste Künstlerin – und hat dennoch Selbstzweifel.
Bild: Friso Gentsch

Nun ist sie seit zwei Jahren in Therapie: «Ich empfehle es jedem.» Das sei kein Makel, sondern zeige Stärke und Selbstreflexion. Und es sei befreiend, wenn Menschen offen sagten, dass es ihnen schlecht gehe oder sie Hilfe brauchen. Darum spricht die 27-Jährige auch in ihrem Podcast «Die Leute lieben das» regelmässig über ihre Sitzungen. Und sie selbst beschreibt die Situation als absurd: «Ich lebe meinen Traum, aber habe Angst, allein einen Kaffee zu bestellen oder in einen Flieger zu steigen.»

Angst vor dem Alltag ist keine Altersfrage

«Ich dachte, es wäre einfacher, Erwachsensein ist schwer», sag sie bereits vor einem Jahr in ihrem Werk «Unsicher» und sprach damit nicht nur ihren Fans aus dem Herzen. So wohl auch all jenen, die zuhauf Memes liken, in denen jemand heult, weil er ganz allein einen Arzttermin vereinbaren muss. Natürlich ist das nicht schlimm – aber was, wenn man sich aus Versehen völlig zum Affen macht? Denn Selbstzweifel haben weder mit Alter, noch Logik zu tun.

Das zeigen auch andere Promi-Beispiele. Robbie Williams schrieb im März auf Instagram über seine Ängste in eigentlich völlig harmlosen Alltagssituationen: «Während wir früher nach Tigern und Gefahren Ausschau hielten, scheint mein moderner Körper und Geist heute gleich auf Kellner zu reagieren.» Und auch der 51-Jährige wird von Selbstzweifeln geplagt.

Er postete sogar eine ganze Liste, die er bei öffentlichen Anlässen im Kopf hat: Hat er im richtigen Moment gelacht? War es zu laut? Redet er zu viel? Oder zu wenig? Kaum daheim, geht er noch einmal alles durch: Hat er etwas Falsches gesagt? Etwas Dummes? Und vor allem: Hat man ihn gemocht? Eine richtige Antwort gibt es nicht, nur endloses Überanalysieren.

Robbie Williams spricht seit einer Weile ganz offen über seine mentalen Probleme.
Bild: Jacquelyn Martin

Und die negativen Momente bleiben einem scheinbar ewig im Kopf. Das beweist Schauspieler James McAvoy. Im Podcast «The Romesh Ranganathan Show», erzählte er kürzlich, wie er 2011 für den Film «X-Men – First Class» tonnenweise gute Kritiken bekam – doch er könne sich nur an die einzige negative Kritik erinnern. Vor allem, wenn er Regie führe, habe er ständig das Gefühl, dass es alle besser wissen als er.

Das Hochstapler-Syndrom: Willkommen im Club

Es scheint verrückt, dass ausgerechnet erfolgreiche Promis Selbstzweifel haben. Andererseits ist es ganz egal, was man alles erreicht hat, wenn man sich ständig selbst in Frage stellt. Sogar der zweifache Oscar-Gewinner Tom Hanks denkt sich bis heute bei jedem Filmdreh: «Wie bin ich hierhergekommen? Wann werden sie herausfinden, dass ich in Wirklichkeit gar nicht so gut bin und mich feuern?»

Die Ausprägungen sind zwar völlig unterschiedlich und die Diagnosen dahinter wohl auch, doch das Ganze hat einen Namen: «Imposter-Syndrom» (auch «Hochstapler-Syndrom»). Der Begriff stammt von zwei Assistenzprofessorinnen am Oberlin College in Ohio. In den Siebzigerjahren untersuchten sie ein scheinbar weitverbreitetes Phänomen: Frauen mit, die sich selbst sabotieren, weil sie dachten: «Ich bin nicht gut genug.» Mittlerweile weiss man, dass das auch Männer betrifft.

Tom Hanks zeigt: Sogar, wenn man den Gipfel erreicht hat, kann man mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben.
Bild: Jordan Strauss

Muss man nun also Mitleid mit Promis haben, die doch ganz oben angekommen sind? Nein, aber es hat auch etwas Beruhigendes zu sehen, dass man damit nicht allein ist. Justin Bieber schrieb im vergangenen Jahr auf Instagram: «Mein ganzes Leben lang haben mir Leute gesagt: ‹Wow, Justin, das hast du verdient›, und ich habe mich persönlich immer unwürdig gefühlt.» Es sei, als ob er alles nur aus purem Glück und zufällig erreicht habe. «Ich schreibe das, um zu sagen: Wenn auch du dich so fühlst, willkommen im Club. Ich fühle mich an den meisten Tagen unfähig und unqualifiziert.»

Therapie als Hoffnungsschimmer

Dass immer mehr Stars nicht nur über ihre mentalen Probleme sprechen, sondern auch darüber, dass sie sich Hilfe holen, ist umso wichtiger. Dafür gibt es auch Beispiele aus der Schweiz. Loco Escrito sorgt mit seinen Latin-Songs eigentlich für gute Laune, doch hinter den Kulissen sah es lange anders aus. Im Podcast «Spaghetti mit Ketchup und Chäs» erzählte er, dass er sich vor ein paar Monaten freiwillig in eine psychotherapeutische Klinik einweisen liess, um gegen seine Cannabis-Sucht zu kämpfen.

Loco Escrito zu Gast im Podcast «Spaghetti mit Ketchup und Chäs».
Bild: Sunny Estafanous

Es sei ihm aber auch sonst «verdammt schlecht gegangen». Er litt unter zunehmender psychischer Überforderung und Leistungsdruck. Der Klinikaufenthalt sei notwendig gewesen und habe ihm geholfen. So geht es auch Nina Chuba. Sie sei «wirklich in einem ganz blöden mentalen Zustand» gewesen, aber dank Therapie «zum Glück herausgekommen». Nun trennt sie die laute und selbstbewusste Kunstfigur Nina Chuba konsequent von der privaten Nina Katrin Kaiser: «Weil das mein Weg ist, um mental gesund zu bleiben.»

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)