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Perfektion oder Performance?

Netflix-Doku zeigt, wie Shirin David an ihrem Kontrollwahn fast zerbricht

Es wäre einfach, die Netflix-Doku von Shirin David in die Pfanne zu hauen. Besonders, wenn man nicht zur Zielgruppe gehört. Doch nach perfekt inszenierten Szenen bleibt am Ende ein überraschend nachhaltiger Eindruck.
Rapperin Shirin David will in ihrer Doku ihre private Seite als Barbara Schirin Davidavicius zeigen.
Bild: Joerg Carstensen

«Eine ungewohnt persönliche Reise» soll die Doku «Barbara – Becoming Shirin David» sein. Zumindest preist Netflix sie so an. Doch Promi-Dokus sind selten Dokumentationen, sondern meistens eher PR, bei denen die Stars stets die Kontrolle haben. Selten trifft das dermassen ins Schwarze wie hier.

Rapperin Shirin David ist ein extremer Kontrollfreak – was sie auch von sich selbst sagt – und hat einen monumentalen Anspruch, absolut perfekt zu sein. Genau das führt aber tatsächlich zu einem fast unfreiwilligen «Einblick in ihr innerstes Ich».

«Keiner wollte eine Frau rappen hören» – echt?

Zuerst wird einem jedoch das Bild der «Selfmade»-Künstlerin und Pionierin um die Ohren gehauen. «Shirin war die erste Künstlerin, die es geschafft hat, eine Transformation von YouTube zur erfolgreichen Musikerin zu machen», sagt ihr Manager Taban. Stimmt – im deutschsprachigen Raum. International taten das Charlie Puth, Soulja Boy oder Dua Lipa schon vorher, doch für einmal scheint man da weniger detailversessen.

«Die Vision und den Antrieb dahinter hatte immer sie. Sie hat sich selbst gemacht und Frauen eine Tür geöffnet», lobt der Manager die Rapperin weiter. Als ob Sabrina Setlur in den 90er-Jahren keine Pionierarbeit geleistet hat und Tic Tac Toe nicht die erfolgreichste weibliche Rap-Gruppe in Deutschland gewesen sind, bevor Shirin überhaupt in den Kindergarten kam. Doch Shirin glaubt tatsächlich: «Keiner wollte eine Frau rappen hören», bevor sie aufgetaucht ist.

Rapperin Sabrina Setlur brachte ihren grössten Hit «Du liebst mich nicht» 1997 raus – da war Shirin David zwei Jahre alt.
Bild: Bernd Kammerer

Ohne Shirin und ihre Arbeit kleinreden zu wollen – sie ist eine der erfolgreichsten Deutschrapperinnen –, aber ihre Vorgängerinnen zu verleugnen, spielt ihren Hatern in die Hände. Genauso, dass helfende Weggefährten nicht erwähnt werden. Dabei sagt selbst Arnold Schwarzenegger, dass niemand «selfmade» ist. Jeder, der es nach oben schafft, hatte Hilfe und das ist nichts Verwerfliches.

Hinter dem Image steckt ein Mensch, der perfekt sein will

Dabei muss Shirin schon genug Minuspunkte bekämpfen, weil viele über ihre Influencer-Anfänge die Nase rümpfen und sie auf ihr Aussehen reduzieren. Sogar über andere Promis sagt sie: «Die behandeln mich wie einen Clown.» Natürlich habe sie durch ihre Optik viel Aufmerksamkeit bekommen und spielt auch mit Provokation. Doch sie leidet auch darunter: «Es ist einfach Selbstschutz zu sagen: Hier seht ihr nur das perfekte fertige Produkt, was ich mir ausgesucht hab.»

Thomas Gottschalk war einer der vielen, die Shirin David auf ihr Äusseres reduzieren, wogegen sie sich in seiner letzten «Wetten, dass..?»-Sendung wehrte – und ihr nächstes Album «Schlau, aber blond» nannte.
Bild: Philipp von Ditfurth

Genau das ist das Problem mit dieser Doku. «Fake» ist ein zu gemeines Wort, aber das Ganze erinnert an die perfekt geschnittenen Videos, die sie früher auf YouTube postete. «Das war mit Abstand die schönste Zeit in meinem Leben», sagt sie. Die Kommentare hätten ihr damals das Gefühl gegeben, geliebt zu werden. Das lässt tatsächlich tief blicken.

Damals wollte sie jenen, die sie in der Schule mobbten, zeigen, was sie drauf hat. Doch je bekannter sie wurde, desto mehr Kommentare gab es – auch negative. Wenn sie dann jemand als «seelenloses Plastik» bezeichnet, übertönt das jedes Lob und ihre Selbstzweifel fressen sie förmlich auf. «Ich habe keinen Raum für Fehler», sagt sie. Als ihr Manager ihr nach einem Auftritt beim Bambi 2024 begeisterte Kommentare vorliest, bricht Shirin in Tränen aus. «Jeder sieht, dass es eine Half-Ass-Performance war», ist sie überzeugt.

Dabei muss man anerkennen, dass Shirin durchaus performen kann und musikalisches Talent hat. Sie war als Kind im Ballettunterricht, lernte Oboe und Geige spielen – und vor allem kann sie sich vermarkten. Ob man Texte wie «Iced Matcha Latte, zu spät beim Pilates, Küsschen links, Küsschen rechts, ich trag’ heute was Scharfes» nun brillant findet oder nicht, «ist Geschmackssache, immer Geschmackssache», wie ihre Mutter sagt.

Macht das noch Spass?

Apropos: Ihre Mutter, ihr Manager und ihre Schwester sind die Einzigen, die neben Shirin zu Wort kommen. Das zeigt nicht nur, wie auch hier die Kontrolle gewahrt wird, sondern auch, wie klein ihre Welt ist. «Ich habe kein Privatleben», sagt sie und gesteht: «Die Menschen, mit denen ich Freundschaften wirklich pflege, sind tatsächlich von der Arbeit. Das sind meine Kontakte.»

Nachdem man all das gesehen und gehört hat, fragt man sich dasselbe wie sie sich selbst: «Warum mache ich das überhaupt?» Spass scheint sie nicht zu haben. Stattdessen ist es ein Hamsterrad aus Erwartungen an sich selbst, der Suche nach Bestätigung und der Angst, die Familie oder Fans zu enttäuschen.

Die Doku zeigt weniger ihr «innerstes Ich», sondern die Erschöpfung einer Frau, die ständig performen muss. Ob das Absicht war? Oder einfach nur die nächste, perfekt inszenierte Performance?

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