«Tatort»-Kolumne

Neuer «Tatort» aus Franken: Diese neue Kommissarin ist nett. Zu nett.

Blumen, Glacé, Harmonie: Die neue Kommissarin Emmy Rathgeber macht Felix Voss das Leben leicht. Wir hätten uns was Anderes gewünscht.

Und, wie schlägt sich die Neue?

Emilia Rathgeber (Rosalie Thomass) ist so ein Typ Mensch, der selbst ein versehentliches Duzen sofort in Vertraulichkeit verwandelt. Quirlig und offenherzig teilt die von München nach Nürnberg versetzte Kriminalhauptkommissarin ihren Begrüssungsblumenstrauss spontan mit ihrem neuen Kollegen Felix Voss – weil der ausgerechnet Geburtstag hat.

Kurz: Für den eher zugeknöpften Voss, den wir an dieser Stelle auch schon zum langweiligsten «Tatort»-Kommissar der Reihe gekürt haben, ist die Frau eine Herausforderung, aber leider nur eine leicht zu bewältigende. Denn diese Rathgeber weiss genau, wann sie ihrem neuen Kollegen bei ihren Charmeoffensiven die Möglichkeit zum taktischen Rückzug geben muss. Beim gemeinsamen Glacé an der Tankstelle findet man dann relativ mühelos zum Du, und ein paar verschämte Blicke in die dunkle Seele des anderen werden gegenseitig stattgegeben. Aber ist diese Friede-Freude-Eierkuchen-Gemeinschaft das, was der Franken-«Tatort» braucht? Neben Felix Voss’ Buddha-Natur, die im Franken-«Tatort» seit 2015 nahezu unangefochten herrscht, hätte ich mir endlich mal jemanden gewünscht, der etwas Drama reinbringt in den «Tatort». Nicht für ihn. Aber für uns.

Was erzählt uns dieser «Tatort» über die Gegenwart?

Wir kennen es von den alten Griechen und wir kennen es aus der Zeitung: Ungesühnte Verbrechen stiften an zur Selbstjustiz. Sie verletzen die Seelen der Opfer auf Lebenszeit. Dieser «Tatort» erinnert uns daran, dass Recht und Gerechtigkeit nicht dasselbe sind: Der Travestiekünstler Elias und seine zwei besten Freunde haben in ihrer Jugend Schlimmes erlebt, ihr Peiniger wurde freigesprochen. Jetzt liegt Elias in einem Stundenhotel. Tot.

Wie geht man mit Menschen um, die man trotz schwerster Verdachtsmomente nicht mehr zur Rechenschaft ziehen kann? Dieser «Tatort» mit überraschend glaubwürdiger Motivlage verhandelt den Rechtsgrundsatz «Ne bis in idem» («nicht zweimal in derselben Sache». Was bedeutet: Niemand soll wegen derselben Tat immer wieder vor Gericht gestellt werden können. Deutschland erlaubte ab Ende 2021 bei Mord und einigen schwersten Verbrechen eine Ausnahme, wenn neue Beweise auftauchten. 2023 kassierte das Bundesverfassungsgericht die Regelung wieder. Es entschied sich damit für Rechtssicherheit. In der Schweiz hätten Elias und seine Kumpels mehr Glück gehabt: Hier kann ein Freispruch unter engen Voraussetzungen aufgrund neuer Beweise revidiert werden.

Der lustigste Spruch?

Es ist eine Szene, die viel über Felix Voss’ Harmoniesucht verrät: Da fordert die stets freundliche Rathgeber von ihrem neuen Kollegen einmal etwas bestimmter, beim nächsten Einsatz mehr Mitspracherecht zu bekommen. Sie versucht ihm das sogar als Versprechen abzuringen. Und Voss? Der kontert mit Kulinarik: «Grosse Versprechen liegen mir nicht, aber ich kann Ihnen ein Wort geben: Zwetschgenquarkknödel. Aber dafür dürfen sie es gar nicht mehr sagen.»

Ganz ehrlich: Ich hätte ihm die Zwetschgenquarkknödel ins Gesicht gedrückt.

Hilfe, das ist mir zu viel Schuld und Sühne. Gibt es TV-Alternativen?

Zappen Sie auf Arte: Dort wird spätabends ein legendäres Kino-Liebespaar vorgestellt: Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. Aber Vorsicht: Auch deren Geschichte kommt nicht ohne moralische Schuld und gesellschaftliche Verurteilung aus. Immerhin wird hier nicht ermittelt, sondern geliebt.

Ganz auf der sicheren Seite sind Sie bei der Arztserie «Dr. Nice» im ZDF. Eine Fährmechanikerin kämpft nach einem Unfall um ihr Bein, während Dr. Nice sein Liebesleben sortiert. Schuldfrage: vorerst ungeklärt.

Oder Sie schalten auf ORF 1 zu «Barbie». Auch dort wird gegen die bestehende Ordnung aufbegehrt. Der Hauptverdächtige heisst Ken – und vollzieht seinen Staatsstreich mit Pelzmantel und deutlich mehr Rosa als im Franken-«Tatort».

So, 25.10., 20.05 Uhr, SRF 1. Drei Sterne.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)