TV-Kritik

Die neue Kollegin kokst? - Drei Fragen an den Kieler «Tatort»

Borowski ist pensioniert. Mit Eva Nowak kommt eine Kommissarin, wie man sie im Sonntagskrimi selten sieht: haltlos, aber zynisch. Nur leider hat ihr erster Fall einen Haken.

Borowski ist pensioniert. Wer hat im Kieler «Tatort» jetzt das Sagen?

Mila Sahins (Almila Bağrıaçık) neue Kollegin Eva Nowak ist eine Nummer: Kokst mit dem Kollegen vom Wirtschaftsdezernat die Nacht durch, hockt Kaugummi kauend und mit hochgezogenen Beinen neben ihrer ehemaligen Polizeischulkollegin Sahin im Dienstwagen, als habe sie das 20. Lebensjahr noch nicht erreicht. Und haut trotzdem zynische Sprüche raus, als habe sie das Leben längst gesehen. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg, in grauen Vorzeiten mal Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich, hat für Teil eins dieser Kieler Doppelfolge einen neuen Kommissarinnen-Typ erschaffen. Im Theater ist er ein Klischee, im Krimi erfrischend neu: Das fragile, haltlose Geschöpf der Kindsfrau. Schade nur, dass … Aber schauen Sie am Sonntag die Folge zu Ende, dann wissen Sie, wovon ich hier gerne mehr gesprochen hätte…

Apropos Neuzugänge: Die Nowak ist nicht die einzige Frau, die das Vakuum füllt, das Axel Milbergs Ermittlerfigur Borowski nach seiner Pensionierung hinterlässt. Mit Elli Krieger (Karoline Schuch) setzt der Kieler «Tatort» seine Tradition fort, einer Ermittlerfigur eine Polizeipsychologin beiseite zu stellen. Diese Krieger ist das Gegenteil der Novak: kühl und kontrolliert. Sahin, die sich auf den Job der Dienststellenleiterin bewerben will, muss bei ihr vorsprechen. Warm wird sie mit ihr erst, als man gegenseitig im Wortduell tief in die Wunden des Gegenübers drückt.

Was erzählt uns dieser «Tatort» über die Gegenwart?

Dass in so einer Polizeidienststelle mit Männerbünden die Loyalitäten höher gewichtet werden als die Gerechtigkeit. Sahin will den Leitungsjob, sie will einen internen Korruptionsfall aufklären und ein hoch angesehenes Unternehmen in der Region der Geldwäsche überführen. Da sagen wir nur: Dreamer, du.

Der beste Spruch

Eva Nowak zu ihrem Wirtschaftskollegen Jan Kuper, gespielt vom Basler Schauspieler Sven Schelker, nach einer gemeinsam verbrachten Nacht.

SRF1, So, 11.10., 20.05. Fortsetzung am 18.10. Vier Sterne

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