Was erzählt uns dieser «Tatort über uns und die Gegenwart»?
Zunächst mal das, was wir eh schon alle wissen: Die Welt ist korrupt, der Polizeikörper ohne Rückgrat, der Mafioso trägt Anzug und jedes an der Börse gehandelte Unternehmen hat Lobbys mit gläserenen Türen.
Abseits der Klischees lehrt uns Teil zwei dieser Kieler-Doppelfolge etwas über die neuen Ermittlerfiguren. Nachdem Mila Sahins (Almila Bagriacik) neue Kollegin Eva Nowak (Lilith Stangenberg) in Folge eins von einem korrupten Kollegen aus dem Wirtschaftsdezernat mit einer Überdosis Heroin ermordet wurde, ist die Suche nach der Wahrheit ein schmerzhafter Selbstbegegnungstrip für die introvertierte Ermittlerin. Der neue Polizeichef Iwersen (Yorck Dippe), der sie eigentlich selbst hätte werden können, hätte sie ihre Prioritäten nicht anders gesetzt (zuerst die Wahrheit, dann die Karriere), arbeitet nun gegen sie.
Derweil hält Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch), die ganz Psychologenklischee nach dem Prinzip der leeren Leinwand so gar nichts von sich preisgeben will, wichtige Infos aus dem Privatleben der toten Eva Nowak zurück. Und so wartet der «Tatort» mit der wenig überraschenden, aber schon viele Kriminalfälle motivisch vorantreibenden Erkenntnis, dass Menschen, die man am meisten liebt im Leben die grössten Unbekannten sind. In diesem Fall sind die Konsequenzen tödlich.
Wer ist dieser eiskalte Schweizer Bösewicht?
Man hätte diesem Mann eine ganze Staffel dabei zusehen können, wie er die Welt verführt und mit seinem Charme an der Nase herumführt. Sven Schelker, Ensemblemitglied am Theater Basel spielte gerade erst in der SRF-Serie «Blind» einen sehbehinderten Barkeeper. Schelker ist der entfesselte Star dieser Doppelfolge, die Koksnase vom Dienst. Nachdem dieser geschmeidige Kerl names Jan Kuper Sahins Kollegin Eva Nowak in Folge eins an einer Überdosis Heroin verrecken lässt, lässt er Sahin und Polizeipsychologin Elli Krieger entspannt in seiner Loft zum Showdown antreten. Dort erklärt er den Frauen Ernüsse kauend, die Tote sei seine Seelenverwandte gewesen. So viel Dreistigkeit muss man erst mal spielen.
Wird dieser «Tatort» mein Leben verändern?
Nein, von der Kokslinie auf dem Smartphone bis zum freundlichen Mafioso im Anzug, der die Loyalität seiner Gefolgsleute bei gutem italienischem Wein testet, ist dieser «Tatort» ein einziger Klischeesatzbaukasten. Aber er zieht sein Konzept so hart durch, dass man ihm doch irgendwann verfällt. Vor allem, weil hier Ausnahmeprofis wie Sven Schelker und Almila Bagriacik sich mit Verve in dieses Katz- und Mauspiel reinwerfen. Fürs Bierholen bei diesem an Genussmitteln nicht armen «Tatort» hat man keine Zeit.
«Tatort» aus Kiel - Doppelfolge «Unter Feinden». Teil 2. So, 18.10., 20.05 Uhr, SRF1. Vier Sterne.





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