2023 legten über 150’000 Mitglieder der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA Hollywood lahm. Nicht nur für eine bessere Bezahlung, sondern auch damit Studios nicht mal eben ihr Aussehen und ihre Stimmen mit künstlicher Intelligenz klonen können. Ansonsten wäre es quasi ein Klacks, sich die Rechte für ihr Abbild zu sichern und die echten Darsteller für wenig Geld zu ersetzen.
Kilmers Familie gab das OK – und er selbst?
Im vergangenen Herbst tauchte dann Tilly Norwood auf, eine komplett aus dem digitalen Nichts erschaffene «Schauspielerin». Und jetzt sind wir an dem Punkt, der 2023 noch wie eine gruselige Black-Mirror-Folge klang: Der verstorbene Val Kilmer ist in einem Film dank KI wiederauferstanden. Nicht für einen kurzen Gastauftritt. Er spielt die Hauptrolle in einem Film mit dem fast schon absurd ironischen Titel «As Deep as the Grave» (übersetzt: «So tief wie das Grab»). Mit dem Einverständnis seiner Familie, betonen die Macher. Ein Statement von Kilmer selbst gibt es allerdings nicht. Und selbst wenn: Würde das die Sache wirklich besser machen?

Immerhin: Kilmer, der durch den Kehlkopfkrebs nicht mehr sprechen konnte, war ein Fan von KI, weil sie ihm wieder eine Stimme gab. Und er unterschrieb bereits fünf Jahre vor seinem Tod im April 2025 für die Rolle, die Drehbuchautor und Regisseur Coerte Voorhees eigens für ihn geschrieben hatte. Ans Set schaffte er es aber nie. «Obwohl er nicht eine einzige Szene gedreht hat, konnte Voorhees seine Vision verwirklichen, Kilmer im Ensemble zu haben», heisst es nun in einem Variety-Artikel. Wirklich?
Nein. Val Kilmer spielt im Film nicht mit, sondern nur ein Abbild von ihm. «Normalerweise würden wir einfach einen anderen Schauspieler besetzen. Aber wir können nicht einfach wieder drehen», sagt Voorhees im Interview über die Dreharbeiten, die seit der COVID-Pandemie immer wieder unterbrochen wurden. «Uns fehlt das Budget. Deshalb mussten wir uns innovative Lösungen einfallen lassen. Und wir haben erkannt, dass die Technologie dafür vorhanden ist.» Eine KI-Version ist also günstiger als ein echter Schauspieler? Wer hätte das gedacht?

Tote Schauspieler erscheinen wieder auf dem Bildschirm
Ganz neu ist diese Situation nicht. 2016 war der 1994 verstorbene Schauspieler Peter Cushing dank CGI in «Rogue One: A Star Wars Story» zu sehen, was danach aber zu legalen Problemen führte. In anderen Fällen starben Schauspieler, bevor ihr Film zu Ende gedreht war.
Tragisch war der Tod von Brandon Lee, der 1993 bei einem Stunt für «The Crow» versehentlich erschossen wurde. Der Film war fast fertig, und die Macher engagierten ein Visual-Effects-Studio, um drei entscheidende Szenen zu vervollständigen. Dabei nutzte man ein Bodydouble und vorhandene Aufnahmen von Lees Gesicht. Das Ergebnis überzeugt bis heute.

1999 starb Schauspieler Oliver Reed während der Produktion von «Gladiator» an einem Herzinfarkt. Auch Regisseur Ridley Scott entschied sich für ein Double, dem digital Reeds Gesicht aufgesetzt wurde. Kostenpunkt: 3 Millionen Dollar.

Dasselbe geschah 2015: Paul Walker starb bei einem Autounfall, bevor «Furious 7» abgedreht war. Doch diesmal griffen die Macher zu besonderen Doubles und engagierten Walkers Brüder. Diese sahen ihm schon im echten Leben ähnlich, und mit Hilfe von CGI-Technologie kamen die Aufnahmen dem echten Paul Walker recht nahe.

Im Fall von Heath Ledger fand man 2009 eine andere Lösung: Kreativität! Als der Schauspieler während der Dreharbeiten zu «The Imaginarium of Doctor Parnassus» starb, schrieb Regisseur Terry Gilliam den Film leicht um und holte Ledgers befreundete Schauspieler Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell als «verwandelte Versionen» von Ledgers Charakter an Bord.
Diesmal ist es anders
In keinem dieser Fälle musste noch die Hälfte des Films gedreht werden – oder noch mehr – und die verstorbenen Schauspieler wurden nicht aus dem Nichts erschaffen. Dementsprechend sind die Reaktionen online verhalten. «Wenn seine Familie dem zugestimmt hat, dann bin ich mir nicht sicher, ob ich mich dagegen aussprechen sollte. Aber ehrlich gesagt, fühlt es sich unangenehm und makaber an», schreibt jemand auf Reddit. Auf Instagram meint jemand: «Ich denke immer noch, dass sie die Rolle neu besetzen sollten, anstatt KI zu verwenden. Es fühlt sich einfach falsch an. Selbst wenn es mit seinem Segen geschieht.» Und ein anderer findet deutliche Worte: «Das ist ethisch gesehen widerlich. So etwas setzt einen schlechten Präzedenzfall.»
Genau das ist das Problem. Vielleicht wollte Val Kilmer das tatsächlich so. Doch es öffnet eine Tür für Möglichkeiten und Missbrauch, die ihn nicht mehr betreffen. Bisher gibt es keine klaren gesetzlichen Richtlinien für den Nutzen von künstlicher Intelligenz. Sie ist ja noch nicht mal wirklich intelligent, sondern nur ein Programm, das im vorab programmierten Rahmen handelt. Doch während man noch diskutiert, ob das alles in Ordnung geht, gibt es für «As Deep as the Grave» schon mal eine Sache sicher: kostenlose Werbung



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