TV-Kritik

Der neue «Polizeiruf» aus Rostock zeigt, wie billig ein Menschenleben sein kann

Am Anfang stehen eine namenlose Tote und ein Bordell voller Machtspiele. Die zwei Rostocker Kommissarinnen kämpfen sich daraufhin durch ein Netz aus Ausbeutung und Vertuschung.

Was macht diesen Polizeiruf 110 sehenswert?

Unter Polizeiruf 110-Fans geniesst das Rostocker Duo König/Böwe (Anneke Kim Sarnau/Lina Beckmann) einen durchzogenen Ruf. In der neusten Folge «Sie haben Namen» werden die beiden diesem allerdings nicht gerecht – im besten Sinne! Eine namenlose Frauenleiche wird in einem See gefunden. Unter Verdacht stehen der stadtbekannte Zuhälter Heiko Mischke (Sönke Möhring) und dessen Anwalt Bastian Heuer (Christian Erdmann), der ebenfalls tief in seine Geschäfte verstrickt ist. Im Bordell «Golden Cherry» legt der «Polizeiruf» komplexe Machtverhältnisse frei: Ostseeidylle gibt es keine, dafür einige unerwartete Wendungen. Wer nebenbei aufs Handy schaut, verliert allerdings leicht den Überblick: Nicht jeder Nebenstrang ist gleich zwingend – etwa jener um Polizist Volker Thiesler (Josef Heynert), der seit einer Hüftverletzung mit Schmerzen und seiner Rolle im Team hadert. Doch König und Böwe tragen den Fall mit ihrer vertraut angenehmen Mischung aus Beharrlichkeit und Eigensinn durch die 90 Minuten.

Was erzählt uns dieser Polizeiruf 110 über die Gegenwart?

«Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch, oder vielmehr gerade deswegen, liegt der Widerstand niemals ausserhalb der Macht.» Dieser Satz stammt aus «Sexualität und Wahrheit» von Michel Foucault – und könnte treffender kaum sein: Die Sexarbeiterinnen komplottieren untereinander, aber auch gegen ihre Zuhälter. So entsteht in «Sie haben Namen» ein ständig wechselndes Machtvakuum. Was der «Polizeiruf» dabei ebenso sichtbar macht: die Realität von Sexarbeiterinnen in Deutschland. Seien es Missbrauch, Menschenhandel oder Femizide – die Gefahren im Milieu sind riesig. Die NDR-Produktion geht mit diesen Themen sehr verantwortungsvoll um: Ohne klischierte Bilder oder grosse moralische Ausführungen zeigt sie, welchen Risiken Sexarbeiterinnen ausgesetzt sind. Die Folge stellt dabei nicht einfach gute Ermittlerinnen bösen Männern gegenüber. Sie zeigt ein System, in dem Abhängigkeiten und persönliche Verstrickungen die Suche nach «Gerechtigkeit» immer wieder erschweren. Das macht den Fall unangenehm – aber auch sehr aktuell.

Der lustigste Spruch?

In diesem, zurecht, sehr ernsten «Polizeiruf» gibt es grundsätzlich sehr wenig zum Lachen - und wenn, dann vor allem über die makaberen Sprüche, die während des Falls gesprochen werden. Einen jener Sprüche liefert ausgerechnet nicht jemand aus dem Polizeiteam, sondern die Ehefrau (Silvina Buchbauer) von Bastian Heuer, dem skrupellos in die Zuhältergeschäfte verstrickten Rechtsanwalt. Sie erschiesst ihn unerwartet beim grossen Showdown in ihrem Zuhause und sagt kühl zu Kommissarin König, als sie von ihr abgeführt wird: «Mein Mann war ein Arschloch, davon braucht es weniger in der Welt - finden Sie nicht?» Nach 90 Minuten Polizeiruf, in der sich Männer von ihrer abscheulichsten Seite präsentieren, sitzt die Pointe – und dürfte bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern auf Verständnis stossen. Als Lösung von Eheproblemen ist diese Methode trotzdem nur bedingt zu empfehlen.

Hilfe, das sind mir zu viele schwere Themen. Gibt es TV-Alternativen?

Die «Polizeiruf»-Folge «Sie haben Namen» läuft am Sonntag nur auf ARD. Das SRF zeigt erstmals «Heldin» im Fernsehen – eine Alternative, die allerdings kaum leichter verdaulich ist: Petra Volpe macht eine Spätschicht im Spital zum Wettlauf gegen die Zeit. Leonie Benesch («Das Lehrerzimmer») spielt Pflegefachfrau Floria, die trotz chronischer Unterbesetzung allen Patientinnen und Patienten gerecht werden will. Aus dem Pflegealltag wird ein Thriller, der zeigt, was «Personalmangel» für Menschen bedeutet, die auf Pflege angewiesen sind. «Heldin» ist eine Hommage an einen unterschätzten Beruf und ein wütender Film über ein System, das von der Hingabe seiner Mitarbeitenden lebt. Ob Spital oder Rotlichtmilieu: Frauen halten am Sonntagabend definitiv den Laden am Laufen, Männer liefern zuverlässig die Notfälle.

«Polizeiruf 110» aus Rostock - «Sie haben Namen». So, 1.11., 20.15 Uhr, ARD. Vier Sterne.

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