Vor dem Elternhaus der Regisseurin Rachel Szor wird «Todesstrafe für Verräter» skandiert. «Naza» handelt von der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen. Die Oscarprämierten Szor und Yuval Abraham haben 24 Militär- und Geheimdienstmitglieder interviewt. Ihre Gesichter bleiben verborgen, ihre Stimmen verzerrt. Die Informanten schildern, wie KI-Systeme mutmassliche Hamas-Ziele identifizieren und bombardieren – auch wenn dort Frauen und Kinder sind. Sie berichten von kalkulierten Zahlen ziviler Toter, der Zerstörung ganzer Quartiere und Schüssen auf hungernde Zivilisten bei Lebensmittelverteilungen. In Venedig erhielt «Naza» den Spezialpreis der Jury; bei der Weltpremiere gab es 25 Minuten Applaus.
In Israel ist die Reaktion wesentlich schärfer. Die Armee weist zentrale Vorwürfe des Films zurück und kritisiert die anonymisierten Quellen. Generalstabschef Eyal Zamir liess prüfen, ob rechtliche Schritte gegen den Film und Beteiligte möglich sind. Kulturminister Miki Zohar forderte zunächst den Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft der beiden Regisseure. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete «Naza» als «schockierend» und «unerträglich» und sprach von Hetze. Damit ist aus einer Kontroverse über einen Dokumentarfilm eine Debatte über den Umgang des Staates mit seinen Kritikern geworden.
Neue Gesetze gegen «Verleumdung»
Netanjahu ging vergangene Woche noch einen Schritt weiter. In einem auf X am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Video kündigte er zwei Gesetzesvorhaben an: Das eine soll ermöglichen, Israelis die Staatsbürgerschaft zu entziehen, wenn sie israelische Soldaten im Ausland verleumden. Ein zweiter Entwurf soll mögliche Schadenersatzsummen bei Verleumdungsklagen gegen das Militär oder den Staat auf bis zu eine Million Schekel (ca. 270'000 Schweizer Franken) erhöhen. Netanjahu nannte dabei ausdrücklich «Naza» und die Namen der Regisseure.
Ob die Pläne überhaupt Gesetz werden, ist offen. Staatspräsident Izchak Herzog erklärte in einem Interview, ein Entzug der Staatsbürgerschaft habe in diesem Fall «keine Chance». Zugleich kritisierte auch er den Film und die anonymen Informanten. Nach geltendem israelischen Recht ist ein Entzug der Staatsbürgerschaft nur unter engen Voraussetzungen möglich und erfordert eine gerichtliche Beteiligung.
Netanjahu verband die Debatte zudem mit dem bevorstehenden Wahlkampf. In seinem Video griff er den Oppositionspolitiker Yair Golan an und verlangte, dass Parteien, die sich zur zionistischen Idee bekennen, seine geplanten Gesetze unterstützen. Golan wiederum veröffentlichte ein satirisches Video, in dem er Netanjahu vorwarf, die Auseinandersetzung mit «Naza» lenke von anderen politischen Fragen ab. Die nächste Parlamentswahl in Israel ist für den 27. Oktober angesetzt.
Unterdessen hat die Auseinandersetzung die Regisseure auch persönlich erreicht. Mitte vergangener Woche versammelten sich mehrfach Dutzende rechtsgerichtete Aktivisten vor dem Haus der Eltern von Rachel Szor. Dabei waren Slogans wie «Todesstrafe für Verräter» zu hören. Die Organisatoren kündigten an, die Filmemacher bei ihrer Rückkehr nach Israel weiter zu verfolgen. Forderungen nach der Hinrichtung der Regisseure wurden laut.
Solidarität aus der Filmbranche
Gleichzeitig gibt es breite Unterstützung aus der israelischen Filmbranche: Mehr als 1500 Filmschaffende und weitere Personen aus der israelischen Filmindustrie unterzeichneten eine Petition zugunsten von Abraham und Szor. Sie befürchteten, dass die politische Rhetorik in körperliche Gewalt umschlagen könnte. Auch international haben sich Filmschaffende und Organisationen mit den Regisseuren solidarisiert.
Auffällig ist schliesslich die Schärfe der Sprache: Von «Verrätern» ist die Rede, von Todesstrafe, vom Entzug der Staatsbürgerschaft. Auch wenn die geplanten Gesetze bislang nicht beschlossen sind, verschiebt diese Rhetorik die Auseinandersetzung mit «Naza» auf eine andere Ebene: Nicht mehr nur die Aussagen des Films und seine Quellen stehen zur Debatte, sondern die Existenzberechtigung des Widerspruchs selbst.
Ein Dokumentarfilm muss nicht recht haben, um in einer Demokratie zu bestehen. «Naza» darf kritisiert werden. Das gehört zu einer liberalen Öffentlichkeit: Behauptungen treffen auf Gegenbehauptungen, Zeugenaussagen werden bestritten und politische Verantwortliche dürfen den Film scharf angreifen. Wenn darauf aber mit Drohungen statt Argumenten reagiert wird, steht mehr auf dem Spiel als «nur» ein Film: Es geht darum, wie viel Widerspruch eine Gesellschaft aushält.
«Naza», ab 1. Oktober im Kino






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