Sieben Wochen vor der Wahl in Israel liegt Herausforderer Gadi Eizenkot deutlich vor dem amtierenden Regierungschef. In der jüngsten Umfrage kommt seine Partei Yashar auf 25 Mandate – vier mehr als der Likud von Netanyahu. Yashar wäre damit die stärkste Kraft in der nächsten Knesset, wenn man den Wahlprognosen glauben will.
Auch im direkten Duell führt der Spitzenkandidat des Anti-Netanyahu-Lagers: 42 Prozent halten ihn für den geeigneteren Ministerpräsidenten, Netanyahu nur 35 Prozent. Entschieden ist das Rennen allerdings noch lange nicht.
Ausgerechnet jetzt trifft Netanyahu jedoch eine Enthüllung der Zeitung Haaretz an seiner empfindlichsten Stelle: seinem Ruf als Sicherheitsgarant. Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, soll ihn wenige Tage vor dem 7. Oktober vor einer grossen Hamas-Operation gewarnt haben. Dennoch habe der Premier die Information weder an die Sicherheitschefs weitergegeben noch seine Gaza-Strategie geändert.
Netanyahus Büro bestreitet den Bericht; aus Abu Dhabi wurde er jedoch zumindest indirekt bestätigt. Eizenkot nutzt die Enthüllung zum Frontalangriff: Netanyahu habe Israel «blindlings in die Katastrophe geführt» und sei für das Amt des Ministerpräsidenten ungeeignet.
Dass Bibi seinen Rivalen zunehmend persönlich und mit KI-Videos auch unter der Gürtellinie angreift, zeigt, wie ernst er ihn nimmt.
Doch Eizenkot bietet wenig Angriffsfläche. Er gilt als bescheiden, sachlich und integer. Der Name seiner neu gegründeten Partei Yashar greift dieses Image bewusst auf: Yashar bedeutet auf Hebräisch sowohl «gerade» als auch «aufrichtig».
Auf Konfrontationskurs mit den Orthodoxen
Eizenkots grösste Schwäche ist sein bislang unscharfes politisches Profil. Zu zentralen Fragen - dem Konflikt mit Iran, Israels internationaler Stellung und innenpolitischen Reformen - hat er bisher nur wenige konkrete Konzepte vorgelegt.
Mit zwei Ausnahmen: Er fordert erstens die Durchsetzung der Dienstpflicht für alle. Damit greift er die wachsende Empörung über die weitgehende Befreiung der Ultraorthodoxen vom Militärdienst auf, die Netanyahu hingenommen hat, um seine radikal-religiösen Koaltionspartner bei der Stange zu halten. Reservisten, Berufstätige und Familien, die bislang einen überproportionalen Teil der Last tragen, will Eizenkot entlasten.
Zweitens lehnt er einen palästinensischen Staat unter den gegenwärtigen Bedingungen ab. Nach dem 7. Oktober sei die Gründung eines solchen realitätsfern; auf dieses Ziel will er sich auch langfristig nicht ausdrücklich festlegen. Nach dem 7. Oktober sei die Vorstellung, jetzt einen palästinensischen Staat zu errichten, «wahnhaft», sagt Eizenkot. Wer heute «Frieden jetzt» und zwei Staaten fordere, verkenne die Tiefe des nationalen, religiösen und gesellschaftlichen Konflikts.
Im Gegensatz zu Netanyahu fordert er eine staatliche Untersuchungskommission, die klären soll, weshalb der Hamas-Angriff am schwarzen Samstag des 7. Oktober 2023 nicht verhindert wurde. Während Netanyahu eine unabhängige Aufarbeitung kategorisch ablehnt und die Verantwortung vor allem bei anderen sucht, verlangt Eizenkot Aufklärung – und das Eingeständnis eigener Fehler.
Seine Wurzeln könnten ihm politisch nutzen
Eizenkots marokkanische Wurzeln könnten ihm Zugang zu einer Wählergruppe verschaffen, in der Netanyahus Likud-Partei traditionell stark verankert ist. Er wurde 1960 als Sohn marokkanisch-jüdischer Einwanderer geboren und wuchs als zweites von neun Kindern in einfachen Verhältnissen in Eilat auf.
Seine militärische Laufbahn begann in der Golani-Brigade, einer besonders kampferprobten, traditionsreichen und volksnahen Einheit der israelischen Armee. Von dort arbeitete er sich bis an die Spitze der Streitkräfte hoch. Von 2015 bis 2019 war er Generalstabschef – ernannt übrigens ausgerechnet von Netanyahu.
Jahre später trafen sie sich erneut: Nach dem Oktober-Massaker trat Eizenkot gemeinsam mit Benny Gantz in Netanyahus Notstandsregierung ein. Im Kriegskabinett verlangte er klar definierte Kriegsziele, warnte vor strategischer Überdehnung und drängte auf Entscheidungen in der Geiselfrage. Im Juni 2024 verliess er die Regierung und distanzierte sich von Netanyahus Kriegsführung. Er kritisierte das Fehlen einer langfristigen Strategie, insbesondere im Umgang mit den Geiseln im Gaza-Streifen.
Den Preis militärischer Entscheidungen kennt der politische Quereinsteiger nicht nur aus dem Generalstab. Im Dezember 2023 fiel sein Sohn Gal als Reservist im Gaza-Streifen; später verlor die Familie zwei weitere Angehörige im Krieg. In einer Gesellschaft, in der Reservisten und ihre Familien enorme Lasten tragen, verleiht ihm diese Tragödie besondere Glaubwürdigkeit.
Unterstützung der Araber wäre notwendig
Doch selbst ein Wahlsieg würde ihn nicht automatisch ins Büro des Ministerpräsidenten katapultieren. Seine grösste Schwäche ist die Koalitionsarithmetik. Die zionistischen Oppositionsparteien erreichen zusammen lediglich 57 der 120 Mandate. Das ist zwar immer noch mehr als der Netanyahu-Block. Um diesen abzulösen, müsste sich Eizenkot von arabischen Parteien unterstützen oder zumindest dulden lassen, ultraorthodoxe Parteien zum Seitenwechsel bewegen oder Abgeordnete des Likud gewinnen.
Netanyahu, Israels dienstältester Ministerpräsident, strebt bei der Wahl am 27. Oktober eine historische siebte Amtszeit an. Viele Rivalen haben versucht, ihn mit dessen eigenen Waffen zu schlagen: mit schärferer Rhetorik, grösserer Inszenierung und dem Versprechen noch entschlossenerer Führung. Eizenkot wählt den entgegengesetzten Weg. Seine Botschaft lautet: Israel braucht keinen zweiten Netanyahu, sondern einen verantwortungsbewussten Regierungschef. Im Zentrum des Wahlkampfs stehen weniger politische Konzepte als vielmehr die Frage, ob Eizenkot die Ära Netanyahu beenden kann.



