«Tha’r» heisst das arabische Wort, das die neue Staffel von «Fauda» zusammenhält: Blutrache. In der fünften Staffel stehen erneut Doron Kabilio, ein ehemaliger Anti-Terror-Kämpfer, und sein Kollege Eli im Zentrum. Ihr erzählerischer Ausgangspunkt: der 7. Oktober.
Schon am Anfang wird daraus eine konkrete Szene: Der Beduine Salem sagt Eli in Israel, er habe ein Recht auf «Tha’r». Danach reist er nach Marseille, um den Mann zu finden, der seine Frau und seine Kinder getötet hat. Er schaut dabei auf Aufnahmen des 7. Oktobers. Doron wiederum erzählt seiner Therapeutin, dass er acht Stunden seines Lebens vergessen habe. Er wisse nicht, ob er damals Menschen retten konnte. Er erinnere sich nur an tote Kinder, die gerochen hätten «wie Fleisch».
Das ist schwer auszuhalten. Und es wäre falsch, Elis Schmerz kleinzureden. Die Angriffe am 7. Oktober waren ein entsetzliches Verbrechen, bei dem Menschen entführt, ermordet und misshandelt wurden. «Fauda» hat jedes Recht, diesen Schock zu erzählen. Die siebte und achte Folge erzählen dieses Trauma nach. Aber aus Schmerz allein folgt kein universelles Recht auf Rache. Genau hier beginnt das Problem der Staffel.
Im Angesicht des Feindes
Zunächst scheint die Serie diese Grenze sehr genau zu kennen. Doron und Eli nehmen in Marseille Maher, einen mutmasslichen Hamas-Kämpfer, fest. Sie bedrohen ihn und seine französische Frau Anne, obwohl längst nicht klar ist, was er tatsächlich getan hat. Maher versucht, ihnen etwas entgegenzusetzen: Er wolle, dass sie ihn kennenlernen – nicht als «Hamas», sondern als Menschen. Er erzählt von seinem Grossvater, den er geliebt habe, vom Meer, von einem normalen Leben.
Das ist einer der stärksten Momente der Staffel. Für einen Augenblick zwingt «Fauda» seine Figuren und damit auch sein Publikum, den Mann auf der anderen Seite nicht nur in seiner «Funktion» zu sehen. Doch der Moment hält nicht lange: Denn unmittelbar danach wird enthüllt, dass Maher Elis Frau vor ihrer Ermordung vergewaltigt hat. Doron erschiesst ihn. Die Serie löst den schwierigen moralischen Konflikt dramaturgisch bequem auf: Der Mann, der um Empathie gebeten hat, erweist sich als Täter. Seine Ermordung liest sich als Vergeltung.
Doch damit endet die Rache nicht. Doron und Eli stossen auf ein Hamas-Netzwerk, das von Marseille aus einen Anschlag nach dem Vorbild des 7. Oktober vorbereitet und dafür Kämpfer nach Israel schleust. Aus der Vendetta wird eine Mission gegen einen geplanten neuen Grossangriff. «Fauda» stellt die richtige Frage – kann ich im Feind noch einen Menschen sehen? –, gibt seinem Publikum aber immer wieder Informationen, mit denen es diese Frage nicht allzu lange aushalten muss.
Rache macht blind
Besonders deutlich wird das bei Doron und Eli selbst. Sie handeln ausserhalb ihrer Befugnisse, bedrohen Unbeteiligte und ignorieren Erkenntnisse des Schin Bet, des israelischen Inlandgeheimdiensts. Eigentlich müsste «Fauda» seine Helden hier hinterfragen. Stattdessen erscheint ihre Gewalt immer wieder als beinahe natürliche Reaktion auf das Erlittene.
Und damit stellt sich die nächste Frage: Wem gesteht «Fauda» eigentlich wirkliche Individualität zu? Die israelischen Figuren sind in ihren Erinnerungen und Traumata stark gezeichnet. «Fauda» war früher gerade dafür stark, dass auch palästinensische Figuren Geschichten und Motive bekamen, in der aktuellen Staffel sind sie jedoch vor allem Kämpfer oder Kollaborateure.
Besonders deutlich wird das bei einer Demonstration in Marseille, an der Doron und Eli teilnehmen, um dem Netzwerk näherzukommen. Natürlich gibt es dort radikale und Hamas-nahe Strömungen; die Serie darf sie zeigen. Problematisch ist aber die Inszenierung der Masse: Kaum jemand wirkt wie ein Mensch, der einfach gegen Israels Politik protestiert. Stattdessen treten fast nur jene hervor, die später mit Terror und Gewalt verbunden sind. So wird eine heterogene politische Bewegung erzählerisch zum Vorfeld der Radikalisierung – ein Bild, das ihrer Vielfalt nicht gerecht wird. «Fauda» ist eigentlich zu klug für dieses simple Feindbild.
Das eigentliche Chaos
«Fauda» bedeutet Chaos. Und die Serie ist dann am besten, wenn sie dieses Chaos nicht auflöst: wenn Täter Opfer sind, Opfer Täter werden und niemand unbeschädigt aus dem Konflikt herauskommt. Die Macher wissen selbst, worum es geht: «Fauda» fragt, ob Rache überhaupt etwas verändert und wohin der Kreislauf der Gewalt führt.
Doch als Thriller lebt die Serie genau von diesem Kreislauf: vom nächsten Verdächtigen, vom nächsten Zugriff, von der nächsten Schiesserei. So wird Rache nicht gänzlich kritisiert, sondern auch zum Motor der Unterhaltung. Genau darin liegt das Unbehagen: «Fauda» will zeigen, was der 7. Oktober mit Menschen macht. Das gelingt eindringlich. Sie zeigt Trauer, Angst und die Kraft eines Traumas. Aber sie zeigt auch, wie leicht aus dem Satz «Das ist mir angetan worden» der Satz «Darum darf ich es dir antun» wird.
Und genau an dieser Stelle müsste «Fauda» sich am härtesten widersprechen. Zu oft tut die Serie es jedoch nicht.






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