
Als «Euphoria» 2019 erstmals über die Bildschirme flimmerte, wurde die Serie zum Hype: visuell einzigartig, emotional zermürbend – und von Anfang an provokativ. Immerhin zeigte die erste Staffel relativ nachvollziehbar, womit Teenager teilweise klarkommen müssen. Seither hat die Handlung aber nicht nur den Faden verloren, sondern mehr und mehr etwas anderem Platz gemacht: dem Shock-Value.
Kunst oder Clickbait?
Vor allem Sydney Sweeney, die sich als Cassie in der aktuellen dritten Staffel auf OnlyFans zur Schau stellt, schockiert. Die Szenen, in denen sie im knappen Hundekostüm aus einer Schüssel trinkt und ihren Hintern in die Kamera hält, sorgen – wie zugegeben auch in diesem Artikel – für Schlagzeilen. Doch dann wäre da noch die Szene, in der sie als Baby verkleidet mit Zöpfen, Nuggi und Windeln die Beine spreizt.

Show-Macher Sam Levinson verteidigt sich: Es gehe um Kunst. «Wir wollten eine andere Ebene der Absurdität finden, die wir damit verknüpfen können, damit wir nicht zu sehr in ihrer Fantasie oder Illusion gefangen sind», sagte er. Es soll unangenehm sein, um zu zeigen, wie deprimierend Cassies Leben ist. Diese Message kam offensichtlich nicht an. «Was zur Hölle schaue ich mir da an?», fragen sich verstörte Zuschauer und diskutieren online: Geht «Euphoria» zu weit?
Frei nach dem Motto «Je krasser, desto mehr Aufmerksamkeit» kämpfen diverse Serien im Streaming-Zeitalter um Aufmerksamkeit. Manche sehr erfolgreich. So wurde «Game of Thrones» auch zum Hit, weil Hauptcharaktere plötzlich – und blutig – abgemurkst wurden.
«Black Mirror» sorgte eher auf der psychologischen Schiene für traumhaft-albtraumhaftes Fernsehen. Und aktuell explodieren in der fünften Staffel von «The Boys» erneut diverse Köpfe, und zwischendurch werden Menschen mit einem riesigen Penis ausgepeitscht. Ja, wirklich. Gibt es darum einen Aufschrei? Fehlanzeige.

Vielleicht, weil es mehrheitlich «nur» um Gewalt geht? Schliesslich sind US-Filme mit Sexszenen ab 18 Jahren zugelassen, jene mit Gewaltdarstellungen aber bereits ab 16. Als wäre das harmloser als nackte Körper. Oder hat es damit zu tun, dass sich die Serie zumindest zu Beginn um Teenager drehte?
Die britische Serie «Skins» zeigte zwischen 2007 und 2012 ebenfalls Teenager in extremen Situationen – und im Gegensatz zu «Euphoria» waren manche Darsteller tatsächlich noch minderjährig. «Skins»-Schauspielerin Kaya Scodelario zeigte ihre Reaktion zu «Euphoria» auf TikTok und schrieb dazu: «Zum ersten Mal ‹Euphoria› schauen und denken, wie verrückt das für 17-Jährige ist, und sich dann daran erinnern, was man selbst mit 14 im Fernsehen getan hat.» Übrigens sorgte «Skins» damals auch schon für Kritik, doch im Gegensatz zu heute verbreiten Streaming und Social Media das Ganze halt sehr viel mehr.

Sex und Gewalt: Nicht nötig, aber hilfreich
Und doch ist es teilweise lächerlich, die Anstandskeule zu schwingen. Genau wie online Wörter wie töten, Selbstmord oder Vergewaltigung zensiert werden, um den Algorithmus nicht gegen sich aufzubringen. Dabei ist die echte Welt alles andere als weichgezeichnet. Warum sollen es dann Film und Fernsehen sein?
Manchmal sind schockierende Szenen okay. So spielt «Game of Thrones» nun mal in einer brutalen Welt. Und «The Boys» ist eine Satire auf Superhelden, Medienmanipulation und toxische Männlichkeit. Das sieht dementsprechend aus. Auch in «Euphoria» haben schwierige Themen wie Drogen, Depressionen oder sexuelle Übergriffe durchaus eine Berechtigung, in Nahaufnahme gezeigt zu werden – wenn es Sinn macht und zur Handlung beiträgt. Und genau das ist der Knackpunkt: die Qualität.
Eine Filmweisheit lautet: «Show, don’t tell» – statt über die Handlung zu sprechen, soll man sie zeigen. Und «Euphoria» zeigt alles: Nicht nur, dass Cassie sich für OnlyFans auszieht. Man muss sehen, wie sehr sie sich erniedrigt. Nicht nur, wie Zendaya als Rue Drogen schmuggelt. Man muss sehen, wie sie die mit Fentanyl gefüllten Ballons beim Herunterschlucken fast erbricht. Nicht nur, dass eine Stripperin eine Überdosis hat. Man muss sehen, wie sie tot auf dem Boden liegt, während Schaum aus ihrem Mund läuft. All das geschieht übrigens in der ersten Folge der dritten Staffel.

Erzählt wird dagegen immer weniger. Dabei hatte Cassie einen Start, der Potenzial versprach: Sie leidet darunter, dass ihr Vater die Familie verlassen hat, seit der Pubertät wird sie von Männern sexualisiert und auf ihren Körper reduziert, während sie eigentlich nur geliebt werden will. Mittlerweile ist sie eine Karikatur von sich selbst. Dazwischen ging scheinbar vergessen, dass Serien unterhalten, fesseln und ja, auch mal schockieren sollen. Wenn aber nur Letzteres der Fall ist, bringt das vielleicht Schlagzeilen und Diskussionen, aber als Zuschauer ist es vor allem eines: langweilig.



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