Klassik

Zürichs «Zauberflöte» ist misslungen, aber der Anfang rührt zu Tränen

Kein Skandal, keine Provokation – aber auch kein Theaterzauber:  «Die Zauberflöte» am Opernhaus Zürich bleibt hinter ihren Möglichkeiten.

Die ersten acht Takte sind vorbei und alles staunt tief berührt. Ja, den Opernmenschen laufen alsbald die Tränen über die Wangen, sie glauben nicht, was sie da sehen: In der Neuinszenierung von Mozarts «Zauberflöte» lässt der Regisseur tatsächlich den Vorhang zur Ouvertüre zu. Der Samt leuchtet rot auf und eine neue «Zauberflöte» sucht in Es-Dur ihren Weg in die Herzen der Zürcher. Wie viele Jahre, ja Jahrzehnte wurde solcherlei Zauber nördlich von Mailand nicht mehr gesehen? Endlich kann man sich wieder einmal in diese Klänge vertiefen, erahnen, was da kommen wird.

Werden diese Takte so aufregend wie vom erst 26 Jahre alten Tarmo Peltokoski dirigiert, ist das eine Freude. Unglaublich forsch treibt er die Ouvertüre an. Es ist ein kühner Ritt über den Bodensee. Später ist er zu sehr in sein Orchester und die Partitur vertieft, die Sänger schwanken ein ums andere Mal, es fehlt an Präzision und einer führenden Hand. Kommt es aber zur schauerlichen Szene mit den zwei Geharnischten, könnte man meinen, der Grossinquisitor aus Verdis «Don Carlo» trete gleich auf, so mächtig dreht Peltokoski auf. Am Ende hat man eine «Zauberflöte» im Ohr, die ein wenig historisch gedacht ist und sich romantische Freiheiten nimmt. Vielleicht ist das modern.

Der Regisseur fürs Spektakel enttäuscht

Der Tessiner Daniele Finzi Pasca inszeniert, der Regisseur fürs Spektakel, für prächtige unverfängliche Bilder. Warum nicht? Intendant Matthias Schulz wollte einen Repertoire-Pfeiler für Menschen von 9 bis 99 haben: Eine Zauberflöte, die über Jahre die Besucher anziehen wird.

Kaum öffnet sich der Vorhang, zeigt sich, dass Finzi Pasca spektakulär versagen wird. Seine «Zauberflöte» ist in den besten Momenten konventionell und korrekt – das ist gut. Aber diese Inszenierung und die Bühne sind in keinem einzigen Moment überraschend, verzaubern nie. Wer die Poesie sucht, wird sie nicht finden.

Tritt Finzi Pasca beim Schlussapplaus vor den Vorhang, gibt es ein zaghaftes Buh und sonst bloss matten Applaus – kein einziges Bravo. Höchststrafe für einen «Zauberflöten»-Regisseur, der eine Märchenwelt hervorzaubern wollte.

Als in Salzburg vor vier Jahren eine «Zauberflöte» ohne Dialoge gespielt wurde, sagte die auch in Zürich aktive Regisseurin Lydia Steier: «Heute hat man die Zeit nicht mehr, ein internationales Ensemble dazu zu bringen, die Dialoge spannend zu sprechen.» In Zürich tun sie es zum Glück noch – es geht über weite Strecken stockend gut. Das Problem liegt in Zürich beim Gesang.

«Nicht wieder singen!», jammerte die Vierjährige beim prächtigen Eröffnungsfest am Samstag, als Tamino zur Arie ansetzte. Am Sonntagabend hätte man den Solisten manchmal zurufen mögen:
«Schöner, charaktervoller singen!»

Eine Schweizerin überragt das Ensemble

Gut, die Luzernerin Regula Mühlemann kann alles: Aber wenn sie den Mund aufmacht, glaubt man sich in einer Gesangsklasse, so exakt geatmet, so überdeklamiert ist alles. Traumhaft schön wird es aber, wenn sie die Stimme fliessen lässt wie beim Wiedersehen mit Tamino.

Magnus Dietrich antwortet ihr da lyrisch. Warum er mit seiner schönen Stimme im 1. Akt oft forciert zu aufgesetzt dramatischen Tönen neigt, bleibt hingegen rätselhaft. Zugegeben, keiner muss Mozart wie die Tenorprinzen von einst singen. Aber sie wenigstens im Ohr haben, ist nicht falsch. Wenn etwas auffällt, sind es Zuspitzungen oder Überakzentuierungen. Aber keiner und keine erzeugt die Schönheiten von innen heraus.

Und so wird denn ganz allgemein brav und korrekt gesungen, ohne zu überwältigen. Da mag Tobias Kehrer (Sarastro) zu Beginn noch so viel Bassbalsam verströmen, die Arie «In diesen heiligen Hallen» verschenkt er schon in der angestrengt gestemmten ersten Silbe. Jasmin Delfs (Königin der Nacht) erste Arie verklingt matt, in ihrer zweiten Arie trifft sie die Töne aber sehr genau. Yannick Debus (Papageno) spielt und singt gut. Überragend sind die drei (Tölzer) Knaben.

«Was ist der Mensch?» lautete eine Frage der Regisseurin Tatjana Gürbaca 2014 bei der letzten, missglückten «Zauberflöte»-Inszenierung in Zürich. Und als die Königin der Nacht 2007 bei Martin Kusej aus einem Kühlschrank kam, da waren die Zürcher ebenso missmutig darüber, dass jemand gegen alte Konventionen anspielen wollte. Nun hat Zürich wieder eine «Zauberflöte». Sie verärgert niemanden, leider begeistert sie auch kaum jemanden. Wir warten sehnsüchtig auf den nächsten Versuch.

Opernhaus Zürich, bis 30. Oktober.

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