
«Ausverkauft» – endlich wieder einmal. Und wer nun einwirft, dass bei der Saisoneröffnung am Mittwoch zahlreiche Gäste eingeladen waren, der muss den Saalplan von Donnerstag und Freitag anschauen: Es gibt bloss noch «Restkarten».
Balsam für die Verantwortlichen der Tonhalle-Gesellschaft Zürich. Denn «ausverkauft» ist längst nicht mehr der Normalfall.
Doch die Stadt hilft. Seit 2025 gibt es 1,75 Millionen mehr Subventionen: insgesamt 22,8 Mio. Franken. Darin fällt auch der viel diskutierte Lohn der Intendantin Ilona Schmiel ins Gewicht: 364 000 Franken – rund 100 000 Franken mehr als der im Konzert anwesende Stadtpräsident.
Ohne die Gelder von Sponsoren geht leider nichts. Umso grösser war das Zittern, als der langjährige Hauptsponsor Crédit Suisse 2023 verschwand. Doch – Simsalabim! – die LGT Bank aus Liechtenstein sprang ein! Das rotgrüne Zürich lässt sich sein Orchester von der Fürstenfamilie bezahlen.
Den Deal eingefädelt hatte die liechtensteinische Leiterin «Marketing und Kommunikation», Michaela Braun. Nicht nur den. Zur Überraschung vieler wurde sie aber Ende Juni 2026 entlassen. Laut der Intendantin Teil von «organisatorischen Anpassungen». Braun war das Tonhalle-Gesicht nach aussen, Schmiel das Gesicht nach innen.
Die Intendantin war im Juni dennoch oder gerade deswegen international in den Klassikschlagzeilen. Das Online-Portal BackstageClassical liess einen 22-jährigen Zürcher ZHDK-Studenten ein Porträt über sie schreiben. Er meinte, dass der Einsatz für die Jungen trotz des hippen Formats tonhalleLate, bei dem nach dem kurzen Konzert ein DJ auflegt, falsch laufe: «Techno rettet keine Tonhalle» lautete der Titel. Wohl besonders sauer stiess intern die Frage an Schmiel auf, die sie offenbar nicht beantworten kann: «Warum, bitte, muss Zürich die Tonhalle lieben?»
In anderen Städten liebt man das eigene Orchester, selbst wenn man nicht in den Konzertsaal geht. In Zürich tun es nicht mal all jene, die hingehen. Die Tonhalle schafft es nicht, diese Liebe zu entfachen – trotz eines tollen Orchesters mitsamt dem in der weiten Welt bejubelten Chefdirigenten Paavo Järvi.
Das Opernhaus zeigt vor, wie man sich öffnet
Das Opernhaus zeigt, wie man sich der Stadt öffnet und trotz 90 Millionen Franken Kantonsbeiträgen Sympathien gewinnt: Drei Tage lang bot man Ende Juni «Opernhaus für alle» auf dem Sechseläutenplatz. Dieses Wochenende zur Saisoneröffnung lädt man zu einem 24 Stunden langen Fest: Hereinspaziert! Und die Tonhalle? Dort redet man lieber von Exzellenz im Saal.

In Tschaikowskys 1. Klavierkonzert wollte sie beim Eröffnungskonzert am Mittwoch nicht so zum Vorschein kommen. Paavo Järvi betonte immer wieder die lyrische Seite des vermeintlich monumentalen Werks. Die Solistin und Tonhalle-Fokus-Künstlerin Khatia Buniatishvili hingegen suchte in Details nach dynamischen Überraschungen. Dabei aber vergass sie die grossen Linien – bisweilen auch die Tempovorschriften. Und jedem Lauf schwitzte man, den vorangegangenen noch im Ohr, vor Angst entgegen.
Ins Schwitzen kam das Orchester bei «Boost» – einem Orchesterwerk des 64-jährigen Aargauer Komponisten Dieter Ammann: Er ist diese Saison Creative Chair beim Tonhalle-Orchester und wird nun in Zürich gefeiert – endlich.
«Boost» wurde 2002 vom Luzerner Sinfonieorchester uraufgeführt und 2010 am Lucerne Festival gespielt, als Ammann dort Composer in Residence war. 2016 dirigierte sogar Valery Gergiev, Wladimir Putins Musikzar, das Werk in der Tonhalle. In der aktuellen Tonhalle-Saison erklingen viele weitere Werke von Ammann – allerdings keine Uraufführung.
«Boost» meisterte das Orchester mit Eleganz und auch in Alexander Skrjabins «Poème de l’extase» fand man mit der Zeit die Klangströme, doch liess Järvi das Orchester empfindlich laut dröhnen. Die Klangmassen überwältigten – die versprochene Ekstase hingegen stellte sich nicht ein.
17. und 18.9., 19.30 Uhr, Zürich



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