Handyläuten während des Konzerts? Das war einmal das grosse Ärgernis. Und am vergangenen Freitag lärmte es im KKL am Lucerne Festival mitten in die 5. Sinfonie von Sergej Prokofjew hinein. Doch was dann bei der Zugabe passierte, störte noch viel mehr. Dazu später.
Was soll man dagegen tun? Und wer? Das weltberühmte City of Birmingham Symphony Orchestra wagte 2024 die Flucht nach vorn. Oder war es der Tabubruch? Es erlaubte jedenfalls in allen Konzerten, Fotos und kurze Videos zu machen. Handys wurden Teil des Konzerterlebnisses. Dadurch erhofften sich die Veranstalter, den Altersdurchschnitt im Konzertsaal zu senken. Zwei Jahre später ist davon wenig geblieben: Fotografiert und gefilmt werden darf nur noch in den Applauspausen – eine Regel, wie sie inzwischen viele Konzerthäuser kennen.
Wer in China filmt oder fotografiert, wird in grossen Sälen mit einem Laser gebrandmarkt – so lange, bis die Person merkt: «Ich mache etwas Verbotenes». Bis hingegen im KKL Luzern der Saaldienst eingreift, dauert es meist lange. Und filmt jemand zurzeit am Lucerne Festival auf den teuren Plätzen in der Mitte des Parketts, passiert gar nichts – zu kompliziert ist es, den Störenden anzugehen. Aber hängen Sie mal in der Parkettgalerie Ihre Strickjacke über die Brüstung – es vergehen keine 10 Sekunden und Sie werden auf Ihr «Vergehen» aufmerksam gemacht.
Die Handys sind kein Klassik-Problem. Beim 808-Festival, einer Rap-Veranstaltung in Zürich, müssen die Besucher die Handykamera mit einem Sticker abdecken. Der Veranstalter und die auftretenden Rapper wollen nicht mehr, dass da ein Handymeer ist und alles gefilmt wird.
Gehen wir hinein in den Saal, kommen wir zu den zehn verstörendsten Handy-Nutzungen im Konzertsaal.
1 Handy hoch: Was wird da gespielt?
Als an besagtem Festivalabend in Luzern der Dirigent gemurmelt hatte, was man spielen würde, zückte die Dame in der Parkettgalerie schräg vor mir ihr Handy und hielt es in die Luft. Filmte die?! Nein, ihre App sollte erkennen, was da aufgeführt wurde! Zuhören? Geniessen? Bitteschön, was sollen diese Werte von gestern! Es galt, sofort zu wissen, welches Stück es ist. Bestimmt warteten bereits Freunde in Paris darauf, es mitgeteilt zu bekommen. Unsere Zeit erlaubt die Schwebe nicht mehr: Nichtwissen muss in Sekundenschnelle beseitigt werden. Als die Frau endlich wusste, was es war, reichte sie das Handy an ihre Bekannte weiter, nicht ohne das Erfahrene laut flüsternd zu kommentieren. Diese Dame wiederum gab das Handy an ihren Mann weiter – ebenfalls mit Kommentar. Als Sibelius’ «Valse triste» im Pianissimo verschwand, ging das Gerät dankend zurück.
2 Blick aufs Handy nach dem letzten Ton!
Die Sinfonie ist aus, Hölle und Himmel durchschritten, die furchterregende Stille nach dem letzten Ton bebt noch – und der Platznachbar kramt flink das Handy aus der Tasche. Es gilt, Whatsapp-Nachrichten zu checken, um dann auch gleich ein Foto des Orchesters an zwei Kontakte zu schicken. Applaudieren? Das können die anderen. Ergriffensein? Altmodisches Getue!
3 News während der Sinfonie checken
Tatsächlich geschieht Punkt 2 nicht nur gleich nach dem Konzert, sondern durchaus während der Sinfonie. Auch da checken Konzertbesucher die News-Lage. Beliebt ist das nebenbei auch bei Kritikern. Besonders störend ist dieses Vergehen in der Oper – und zwar nicht nur für den Platznachbarn. Sitzt man nämlich in den oberen Rängen, leuchtet es im Parkett bisweilen sternenhell: Die Illusion, dass sich auf der Bühne Mimi und Rodolfo tatsächlich lieben, ist mit diesem Leuchten dahin.
4 Läuten während der schönen Stellen
Der Klassiker: Die Streicher erreichen im Adagio in den höchsten Lagen himmlische Weihen, da quakt ein Frosch los - es läutet ein Handy. Die Atmosphäre ist zerstört. Dass es gefühlt immer im dümmsten Moment passiert, liegt natürlich daran, dass man das Läuten in leisen Stellen brutal wahrnimmt. «Beliebt» ist der Liebestod in «Tristan und Isolde», wenn die Sopranistin ihr «Mild und leise» anstimmt. Aber es passiert naturgemäss genauso oft bei Fortissimoausbrüchen, die dann das Piepsen übertönen.
5 Die Bühne und das Publikum Filmen
Filmende Personen sind ein grosses Ärgernis: Sie zerstören den hinter ihnen Sitzenden die Illusion, mitten im Geschehen zu sein, reissen im Konzert jene aus dem Klang, die gerade darin versinken. Und sie werden übergriffig, wie beim aktuellen Lucerne Festival bei «Mittendrin» zu erleben. Da filmten gewisse Leute die Künstler mitsamt den Zuschauenden, also mich, als müssten sie einen Dokumentarfilm drehen. Das KKL-Personal machte nichts dagegen.
6 Fotografieren während des Konzerts
Fast genauso schlimm wie Filmen ist es, wenn der Vordermann zu fotografieren beginnt. Auch das geschieht naturgemäss oft bei den schönsten Stellen. Schade, dass viele Zuschauer nicht den Mut haben, mit einem forschen Eingreifen die Situation zu entschärfen.
7 Programmheftlesen während des Finales
Solange die Programmheftleser nicht laut blätterten (was sie aber oft tun), stören sie nicht wirklich. Aber es tut weh, wenn im Finale von Mahlers Neunter, während Orchester und Musikfreunde in weltferne Ekstase geraten, der Nachbar im Programmheft nachschlägt, wann die Dirigentin geboren wurde. Heute aber liest man das Programm oft auf dem Handy – und das heisst: Da ist wieder diese unglaublich störende Lichtquelle, da ist Bewegung und störende Unruhe.
8 Fotografieren nach dem Konzert
Mittlerweile ist das Fotografieren nach dem Verhallen des letzten Tons erlaubt. Ja, es wird geradezu darauf hingewiesen, dass man nach dem Konzert während des Applauses Fotos machen darf und diese dann teilen soll. Aber was passiert? Die Sinfonie ist aus, alles holt das Handy raus und streckt es hoch. Warum nicht applaudieren? Die Konzerthäuser haben vor dem Handy kapituliert – und die Kapitulation «Social Media» genannt.
9 Freunde mithören lassen
Erst fragt man sich: Was macht die Platznachbarin mit dem Handy? Filmt die den Vordersitz? Und natürlich ist man bereits abgelenkt. Dann aber merkt man: Die nimmt auf. Und zwar nicht, um alles zu Hause nochmals zu hören: Nein, es gilt, das Tondokument sofort in die Welt zu schicken! Die Freunde zu Hause werden für das blecherne 23-Sekunden-Tondokument bestimmt dankbar sein. Die Sitznachbarn weniger.
10 Handy in der Hand halten
Es gibt sie wirklich, diese Menschen, die das Handy selbst während Verdis Requiem nicht aus der Hand geben können. Sie stören nicht, sondern sie tun einem leid. Denn unter anderem ist genau das der Luxus eines Konzerts: zwei Stunden lang nicht erreichbar, nicht informiert, nicht auf dem Laufenden sein zu müssen. Aber glücklich zu sein.
Bonus: Und nun die Künstler: Was stört sie?
Wir haben einen Geiger, einen Dirigenten und zwei Opernsängerinnen gefragt, ob sie sich an sehr störende oder vielleicht gar lustige Handy-Begegnungen erinnern.








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