Festspielsommer

24 Stunden Lucerne Festival: mitsamt Applausterroristen, Handy-Idioten und Zuhältern

Ein Wochenende am Lucerne Festival: zwischen Fünfsternehotel und 20-Franken-Tickets, alter Konzertwelt und neuen Formen. Und einem Stardirigenten im Bus.

Zu Hause Festspielferien machen? Für 30 Stunden sei es gegönnt! Hinein in die Festspielstadt: viermal ins Konzert, dreimal ins Restaurant und einmal ins Hotel. Wenn schon Bartóks «Der wunderbare Mandarin» auf dem Programm steht, dann soll’s auch gleich ins Mandarin Oriental gehen und das Wort Leo Tolstoj – der allerdings im Hotel Schweizerhof übernachtet hatte – überlassen sein: «Als ich in mein Zimmer hinaufkam und das auf den See gehende Fenster öffnete, wurde ich im ersten Augenblick von der Schönheit dieses Wassers, dieser Berge und dieses Himmels buchstäblich geblendet und erschüttert.»

Dem ist 179 Jahre danach nichts hinzuzufügen. Doch die Zeit mit Gucken  vergessen, eilen wir zum Bus. Und wer sitzt im 24er? Andris Nelsons, der lettische Dirigent, Chef in Boston und Leipzig. «Was wird heute gespielt?», fragt er in Ferienstimmung, frei von jeglicher Verpflichtung. Erst nächste Woche dirigiere er wieder, dann in Salzburg die Wiener Philharmoniker.

Das Publikum sitzt mitten im Orchester

Die kommen am 5. und 6. September auch nach Luzern. Und, erraten, es gibt noch Dutzende von Karten (150–320 Franken). Helfen neue Konzertformen, die Säle zu füllen? Jedenfalls ruft alles danach. Sind dann neue Ideen wie am Freitagabend da, schaut man sich nach dem Konzert gegenseitig mit grossen Augen an: «Muss das sein?»

Ja, es muss! Grossartig, wagt Lucerne Festival diesen Schritt nach vorn – sei es in der mutigeren Programmierung oder mit dem Konzert des Budapest Festival Orchestra am Freitag. Da stand Bartóks Ballett «Der wunderbare Mandarin» auf dem Programm. Aber anstatt die unglaubliche Könnerschaft den grossen Kennern im Saal auf dem Silbertablett rein konzertant zu zeigen, stellte man sich in den Dienst des Spektakels, bot eine szenische Aufführung. Sieben Leute tanzten die brutale Geschichte der Prostituierten, der drei Zuhälter und des Mandarins.

Zu Beginn des Abends schlummerten wir süss träumend in der alten Konzertwelt: Schuberts «Unvollendete» himmlisch schön «gesungen», wie das kaum ein anderes Orchester der Welt noch kann. In Mozarts c-Moll-Konzert stand Legende Elisabeth Leonskaja im Zentrum: Klar, man muss nicht immer zaubern und dauernd mit dem Finger auf Mozartwunder zeigen, aber wie sie bloss Durchspielen ist auch nicht die Lösung.

In der Hotelbar sammeln sich alsbald Konzertbesucher, ein «Halli» und «Hallo» ist das hier allerdings nicht. Für solcherlei Ein- und Ausklang des Festivaltages geht man in die Seebar. Hier sitzen dann Herzchirurg Thierry Carrel mit Frau Sabine Dahinden, Andrea Lötscher (die Frau des Ex-Intendanten) und allerlei Mäzene bei Champagner und Häppchen bis in die Nacht hinein.

Am Samstagmorgen blinzelt die Sonne über den See, und im dunklen Luzerner Saal präsentiert die ungarische Festspielformation ihr berühmtes Programm «Mittendrin». Fischer hat es 2014 zusammen mit einem gewissen Sebastian Nordmann, heute Intendant beim Lucerne Festival, in Berlin erfunden.

Noch selten hat man in den letzten Tagen so glückliche und interessierte Zuschauer gesehen, die zu Prokofjews Suite aus dem Ballett «Aschenbrödel» Instrumente und Musiker aus der Nähe bestaunten, als hätten sie noch nie ein Cello gesehen. Man hört allerdings auch, wie schlecht intoniert, wie unpräzise gespielt wird. Egal, der charmant plaudernde Maestro macht daraus einen Gesamtklang, der verzaubert.

Die lockere Atmosphäre führt allerdings dazu, dass die Handys links und rechts gezückt werden, pausen- und schamlos gefilmt wird. Zu den neuen Formen gehört auch, dass der Dirigent, der Conférencier, am Ende via SMS gestellte Fragen beantwortet. Als er auf seinem Display auf unser «Stören Sie diese filmenden Idioten sehr?» stiess, stockte er kurz und beantwortete, wann er Mahlers 8. Sinfonie dirigiere.

12 Uhr ists – und in Luzern beginnt der Bär zu tanzen. Doch unsereins braucht vor den Konzerten um 16 und 18.30 Uhr Ruhe. Da schlendert es sich wie von allein den Quai entlang zurück ins «Palace», wo flink und still ein Mittagessen serviert wird. Kein Maestro, kein Geigenstar zu sehen? Hier, wo einst vergilbte Bilder Karajans an den Wänden hingen?

Von der Ruhe geht’s in die Stille – ins Konzert mit Composer-in-Residence Mark Andre (1964). So still, dass man in vorgeführten Klangbeispielen bisweilen denkt: «Könnt ihr jetzt endlich mal etwas spielen?». Aber im Ernst: Die 120 Leute im Saal sind konzentriert, knackt einer mit dem Stuhl, erntet er böse Blicke. Die Uraufführung «Im Entsiegeln 1» verhaucht im Nichts – Dirigent Baldur Brönnimann, Sopranistin Ilse Eerens und das Lucerne Festival Contemporary Orchestra, gebildet aus einer Hundertschaft Akademisten, werden herzhaft beklatscht.

Eine andere Welt öffnet sich keine zwei Stunden später im Konzertsaal. Nun zielen Ray Chen und Komponist Erich Wolfgang Korngold (1897–1957) auf den Aufschrei. Der 37-jährige Meistergeiger zeigt, dass Geigenspiel auch mit Zirkus zu tun hat. Mit überragender Technik präsentiert er stolz seinen sorgsam gestalteten Riesenton, mit dem er die kleinsten Verzierungen und Zuspitzungen ausgestalten kann.

Wenn die Stille schauerlich dröhnt

Bei so viel Geigenfuror staunten und applaudierten selbst die Musiker des Lucerne Festival Orchestra und Dirigent Jakub Hrůša. Wohl wissend, dass ihr wahrer Auftritt noch folgen sollte. In der «Alpensinfonie» von Richard Strauss (1864–1949) leuchtete denn auch die ganze Orchesterpalette. Hrůša trug zwar bisweilen dick auf, aber will man es ihm verübeln, wenn es dennoch so schön tönt, wenn die LFO-Musiker so grandios aufspielen?

Schauerlich dröhnte die Stille nach verhalltem letzten Ton – doch dann zerstörte ein Applaus-Terrorist diesen schönsten Moment des Tages, der an den frühmorgendlichen Blick vom Hotel über den See hinaus hinauf in die Felseinsamkeit erinnerte.

Unsere 30 Stunden sind um. Im Zug nach Zürich mischt sich Festival- mit Ausgangs- und Wanderpublikum. Selbst im KKL ist diese Mischung angekommen. Noch am Vortag unverkaufte Karten werden verschenkt, Studenten kommen für 20, Kinder mitsamt ihren Eltern für 10 Franken. Die Schwellen sinken. Die Handy-Schwellen auch.

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