
Welch ereignishafter Abend. Ausverkauft, keine Frage: 50 Jahre und 2 Tage nach Anne-Sophie Mutters Debüt bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern trat die Welberühmteste der weltberühmten Geigerinnen im KKL beim Lucerne Festival auf: Zwar 63 Jahre alt, aber professionell Jugendlichkeit versprühend. Und hörbare Pracht.
Mutter erreicht durch geigerische Arbeit eine strahlende Klangschönheit und eine unglaubliche Sicherheit wie kaum eine andere Geigerin. Nie ist da auch nur die kleinste Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Ja, ich musste am Dienstag an ein Interview vor 25 Jahren in München denken, bei dem ich gefragt hatte, ob es bei Auftritten auch ein Risiko gebe. Sie schaute mich damals verwundert an und sagte: «Ich glaube, das Wort Risiko gibt es in meiner Denkweise nicht. Risiko würde ja auch Gefahr implizieren.»
Und so durchglänzte sie André Previns 2. Violinkonzert, demonstrierte geradezu, welche schöne Musik ihr Ex-Mann für sie geschrieben hat. Erstaunlicher waren allerdings die zwei Mozart-Konzerte, das erste und das fünfte. Hier, wo die Mutter in mittleren Karrierejahren, etwa im Mozartjahr 2006, zu einem weissen Ton geneigt hatte, ist nun ein kraftvolles, aber durchaus modernes Mozart-Klangbild mit Biss zu hören: Dosierte Attacken, perfekte, sprechende Läufe und doch von nichts zu viel – oder vor allem auch nicht zu wenig – des Guten.

Jedenfalls nicht im eigenen Spiel. Dass sie dann aber auch noch so tut, als sei sie eine Tutti-Geigerin, eine prima inter pares – eine Erste unter Gleichen –, bald die ersten Takte des Orchesters mitspielt, bald das Orchester mit dem einen Arm antreibt, ist ein Spielchen für staunende Damen und Herren in den nicht vorhandenen Logen. Denn anzutreiben gab es da nichts. Der geigende Konzertmeister Raphael Christ tanzte und lenkte die 14 Musiker und Musikerinnen des Lucerne Festival Orchestra so, als gälte es, die Klangströme einer Mahler-Sinfonie in die richtigen Bahnen zu lenken. Das ging so weit, dass seine Hampelmanniaden nach dem 1. Satz von Mozarts Divertimento KV 138 den Applaus provozierten.
Mit Vivaldi riss sie das Publikum schliesslich von den Sitzen; mit John Williams, dem Komponisten der Todlangweiligkeit des Seins, klang der Abend aus. Er wird wohl weniger im Gedächtnis hängen bleiben wie jenes Konzert am 23. August 1977 in Meggen.

Genau wie Mutter durch geigerische Arbeit den Himmel erreicht, kommt Kirill Petrenko da mit seinem Instrument, dem besten Orchester der Welt, hin. Durch unglaubliche Zweifel, durch Verbessern, durch Präzisieren: durch Arbeit. Ja, wenn man diesen Asketen sieht, glaubt man kaum, dass er im Leben etwas anderes tut, als Partituren zu studieren. Kein Wunder, dass man die Kinnlade kaum mehr hochbringt, wenn er Edward Elgar und Peter Tschaikowsky dirigiert.
So spielt kein anderes Orchester in Luzern. Vor lauter Hineinhören, wie hinreissend das ist, vergisst man bisweilen zu hören, wie toll Tschaikowsky wäre. Das ist kein Einwand, eher Berufskrankheit. Wer ist nicht hingerissen von diesem Ineinandergehen der Stimmen, der Register. Wer staunt nicht über diese dröhnenden, perserteppichwarmen Piani? Und dann kommt der Moment, bei dem sich Petrenko zusammen mit den Blechbläsern die Klippen hinunterstürzt und flugs wieder oben auf dem Felsen steht, den Dirigentenstab in diese Formation hineinstechend, damit sie noch präziser als präzis spielen. Verrückt.



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