Klassik

Muss Lucerne Festival nach dem Tod von Hauptsponsor Kühne zittern?

Die Klassikwelt sieht finanziell stabil und glamourös aus – tatsächlich hängt ein erstaunlicher Teil dieses Glanzes an einer kleinen Zahl sehr reicher, oft älterer Menschen. Was passiert, wenn diese Generation verschwindet?

«Tod von Milliardär Kühne trifft Festspiele hart» titelte die österreichische «Krone»-Zeitung nach dem Tod von Klaus-Michael Kühne diese Woche. Kein Wunder, Kühne beziehungsweise seine Stiftung waren neben Audi, Siemens, Würth und Rolex Hauptsponsor der Salzburger Festspiele.

Mehrere Millionen Euro flossen laut «Krone»-Zeitung seit 2019 in die Mozartstadt. Kommendes Jahr läuft allerdings der Sponsoringvertrag mit Kühne aus. Und nun wird heftig diskutiert, ob es trotz des Todes des Patrons zu einer Verlängerung kommen wird.

Der Zeitpunkt der Verhandlungen ist ungünstig, stehen in Salzburg doch zahlreiche Um- und Neubauten an: Die Festspiele brauchen für die Abermillionen von Euro mehr denn je private Förderer und Mäzene. Einer hat schon mal vorgelegt. Der 85-jährige Schweizer Unternehmer und Capri-Sun-Besitzer Hans-Peter Wild wurde mit einer Spende von 12 Millionen Euro für das neue Festspielzentrum zum grössten Förderer der Festspielgeschichte.

So wundert es denn nicht, dass die Salzburger Festspiele schon am Montag um 14.43 Uhr eine lange Hymne auf Klaus-Michael Kühne verschickten. Sicher eine gute Grundlage für die kommenden Verhandlungen.

Das Lucerne Festival kam einen Tag später mit einer Beileidkundgebung auf Linkedin. Auch in Luzern ist die Kühne-Stiftung Hauptsponsor. Zittert man also auch dort, dass bald weniger Geld fliessen könnte? Der Hauptsponsoren-Vertrag läuft wie in Salzburg auch 2027 aus.

Intendant Sebastian Nordmann lobt Kühne mit grossen Worten, gibt sich auf Anfrage für die Zukunft aber gelassen: «Wir sind mit der Stiftung im unverändert engen Austausch und sind dankbar für die vertrauensvolle Partnerschaft, die uns verbindet.»

Christoph Müller, Ex-Intendant des Gstaad Menuhin Festival und nun Intendant von classicAscona (ab 18.9.) und Klosters Music, deutet hingegen die Gefahren des Sponsorings an: «Philanthropie und Mäzenatentum sind tatsächlich im Ursprung personengebunden und entwickeln sich aus einer Begeisterung einer Person heraus. Diese gehen aber sehr unterschiedlich mit der Frage der Zukunft nach ihrem Ableben um. Für Kulturinstitutionen ist dies heikel und auch schwierig, weil es ihr ja nie zusteht, gegenüber Mäzenen irgendeinen Anspruch zu stellen.» Im Falle Kühnes sei es deshalb ein Glücksfall, so Müller, dass der Mäzen die Verwaltung seines Vermögens und die künftige Fördertätigkeit offenbar umsichtig geregelt habe.

Müller kann sich nicht vorstellen, dass der von Kühne eingesetzte Stiftungsrat die Förderpolitik grundlegend ändert. Es bestehe auch eine moralische Verpflichtung, im Sinne des Verstorbenen zu handeln. Daher denkt er, dass sich die Salzburger Festspiele und das Lucerne Festival auch in Zukunft über Beiträge freuen dürfen. Und er sieht gar einen Hoffnungsschimmer: «Wer weiss, vielleicht wird ja die Fördertätigkeit auf weitere Institutionen in der Schweiz ausgeweitet oder es werden neue Förderbereiche definiert.»

Doch Müller fügt warnend auch an: «Als Kulturinstitution darf man sich nie darauf verlassen, dass Förderbeiträge von Mäzenen automatisch fliessen. Daher sollte es selbstverständlich sein, den Kreis der Mäzenen und Stiftungen laufend zu erweitern, auch mit der nachrückenden Generation von mäzenatisch tätigen Musikliebhabern, um das Klumpenrisiko zu minimieren. Das ist aber einfacher gesagt als getan.»

Beim Wort «Klumpenrisiko» wird man hellhörig, muss an Abhängigkeiten denken, die gewisse Festivals ins Rotieren brachten. Der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé etwa war beim Verbier Festival und anderswo – etwa in Salzburg und Luzern – ein enorm grosser Geldgeber. Dieses Engagement hing auch mit dem langjährigen Konzernlenker und Musikliebhaber Peter Brabeck zusammen.

Auch die UBS war in Verbier Hauptsponsor. Das Orchester hiess gar «UBS Verbier Festival Orchestra». Als dann aber viel weniger Geld floss, musste man im Wallis einiges neu denken. Neue Sponsoren sprangen ein, aber auch die Gemeinde Bagnes half mit höheren Subventionen aus.

Eine der wichtigsten und verschwiegensten Klassikmäzeninnen ist Aline Foriel-Destezet, eine Milliardärin aus Frankreich, deren Mann den Personaldienstler Ecco gegründet hatte, der sich später mit der Schweizer Firma Adia zu Adecco zusammenschloss. Sie soll laut «Le Monde» pro Jahr gegen 30 Millionen Euro in Kulturinstitutionen stecken: von der Mailänder Scala bis zum Verbier Festival, von der Oper Genf bis zum Luzerner Sinfonieorchester.

In Gstaad beim Festival feiert sie jeweils ein Fest, sponsert den glanzvollen Konzertabend mit den Klassikstars Cecilia Bartoli, Jonas Kaufmann oder Juan Diego Florez und lädt ihre Freunde ein. Verbier-Intendant Martin Engstroem verneigte sich so tief vor ihr, dass er zu einer konzertanten Opernaufführung ihre Fotografien projizieren liess. Foriel-Destezet ist 85 Jahre alt.

Mäzene und Mäzeninnen sowie Sponsoren sind für Festivals überlebenswichtig. Wie anders sollte man sonst die hohen Gagen der Stars, das Salz in der Festivalsuppe, das nötig ist, um volle Säle zu bekommen, bezahlen? Entsprechend wichtig sind auch jene Kulturmanager, die solche Geldgeber gewinnen und halten können: Helga Rabl-Stadler in Salzburg, Numa Bischof Ullmann beim Luzerner Sinfonieorchester, Michael Haefliger beim Lucerne Festival oder Alexander Pereira. Dessen Triumphzug nach seiner Ära am Opernhaus Zürich durch die grossen Institutionen wie Salzburger Festspiele und Mailänder Scala war nur möglich, da ihm der Ruf vorauseilte, Millionen einzuholen.

Und so besteht bei Festivals, die sich zurecht gerne als Wirtschaftsfaktor verkaufen, und oft viel weniger subventioniert sind als städtische Institutionen, eine grosse Angst, diese Patrons zu verlieren. Mischa Damev, Festivalleiter beim Septembre Musical Montreux und Migros-Classics-Leiter, sagte vor vier Jahren an dieser Stelle, dass die Finanzen im Klassikbetrieb bald ein riesiges Problem sein werden. Die nächste Generation der Reichen gehe kaum mehr in klassische Konzerte und engagiere sich entsprechend auch weniger als Mäzene, meinte er und sagte: «Den Festivals gehen so nicht nur die Besucher, sondern auch viel Geld verloren. Und niemand will mehr Klassik sponsern.» Sobald sich die Sponsoren zurückziehen, werde es sehr schwierig, mit Klassik Geld zu verdienen.

Würde man zusammenrechnen, wie viel Geld Mäzene und Sponsoren wie Klaus-Michael Kühne jährlich in die Klassik stecken, würde sichtbar, wie fragil das glänzende System in Wahrheit ist. Ihnen verdankt der Betrieb seinen Glanz und seine enorme öffentliche Präsenz. Vor allem dank der grossen Geldgeber, ist es möglich, den Betrieb aufrechtzuerhalten – dank Rolex, Roche, Würth, Siemens, Audi oder Aline Foriel-Destezet sowie den nationalen Grossbanken und Versicherungen. Und Klaus-Michael Kühne.

Zweifellos motivieren solche Mäzene andere, es ihnen gleichzutun. Und das zieht sich von den Superreichen über die Reichen und Vermögenden bis zu den sogenannten «Freunden und Freundinnen» von Festspielen oder Sinfonieorchestern. 6600 sind es bei den Salzburger Festspielen, sie tragen zum Budget von 71,2 Millionen Euro rund 5 Prozent bei.

So wird jeder Freund und jede Freundin – die Beiträge reichen von 200 bis 50'000 Euro – zu einem kleinen Klaus-Michael Kühne. Und bisweilen sammeln die Freunde für Extraprojekte nochmals Millionen.

Auch ohne den einen oder anderen Grossmäzen wird der Vorhang in Salzburg und Luzern weiterhin hochgehen. Doch der Kampf um jene Millionen, die den Festivals ihren besonderen Glanz ermöglichen, wird härter.

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