Wer in Luzern nach der Arbeit noch schnell fürs Abendessen einkaufen will, muss sich bekanntlich sputen: Zwischen Arbeits- und Ladenschluss bleibt meist nur ein kurzes Zeitfenster. Kein Wunder, konzentriert sich die Shopping-Rush-Tour hierzulande auf ein paar Dutzend Minuten pro Tag, während denen alle, wirklich alle, noch schnell ein Brot, ein paar Tomaten ergattern wollen – und wenn man schon mal da ist, auch noch einige Rollen WC-Papier, und den Pasta-Vorrat sollte man auch wieder mal auffüllen – und wieso nicht gleich den Wocheneinkauf erledigen? Der Dichtestress nimmt zuweilen Dimensionen an, die man sonst nur von Weltmetropolen kennt – vermutlich wurde die 10-Millionen-Initiative in einem Luzerner Supermarkt erfunden.
Doch kürzlich ging ich zufällig in die neue Migros im ebenso neuen Quartier Eichhof West. Und staunte über die meditative Stille, die dort um 18 Uhr herrschte. Die Kontemplation wurde einzig durch gelegentliche Piepstöne der Kasse unterbrochen, die mangels anderer Klangquellen bis in die hinterste Ladenecke durchdrangen. Dann wieder Stille. Eine Kinderstimme fragte nach Schoggi, man hörte das Räuspern der Eltern, irgendwo stiess ein Einkaufswagen sanft gegen das Kühlregal. Ich wandelte durch den Laden in der Art eines Museumsbesuchs und hatte es, anders als sonst, überhaupt nicht eilig, möglichst schnell wieder rauszukommen.
Ich erinnere mich an andere neu eröffnete Supermarktfilialen, in denen es anfänglich ebenso ruhig und menschenleer war – so leer, dass ich mich um die Berge von Frischwaren sorgte, die mangels Käuferschaft wohl weggeworfen werden müssen. Was mich wiederum motivierte, extra viel einzukaufen, um etwas gegen Foodwaste zu tun.
Doch die Sanatoriums-Atmosphäre ist in der Regel von kurzer Dauer. Schon ein paar Wochen nach Eröffnung einer neuen Filiale muss man sich genauso durch wuselnde und genervte Menschenmassen kämpfen wie überall sonst. Ich spiele derzeit mit dem Gedanken, dem «Neueröffnungs-Tourismus» als neuem Hobby zu frönen. Ich würde also konsequent nur noch in Läden einkaufen, die erst seit ein paar Tagen offen sind – jeder Einkauf würde so zum Wellness-Trip. Ich würde mit den Taschen im Schlepptau nach Hause kehren, als käme ich von der Yogastunde.
Nun ja, Sie ahnen es: Die Sache hat einen Haken. Auf der Jagd nach Neueröffnungen müsste man ständig quer durch die Schweiz tingeln. Und da unser Verkehrssystem nicht gerade Feng-Shui-zertifiziert ist, würde der Anreisestress den Erholungseffekt des Shoppings wieder zunichte machen.
Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, der abendlichen Rushhour zu entgehen: Einkaufen in aller Herrgottsfrühe – einige Supermärkte öffnen tatsächlich schon um 7 Uhr. Das habe ich auch schon ausprobiert – es fühlt sich ebenfalls recht «meditativ» an, wobei «schläfrig» eher zutreffen würde. Deshalb kaufe ich jetzt doch wieder um 18 Uhr ein. Aber im Quartierladen, wo sich selbst der Dichtestress wohlig anfühlt.



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