Meckern als erste Bürgerpflicht: So könnte man den aktuellen Zeitgeist umschreiben. Von der sinnlosen Gewalt, mit der Unzufriedene derzeit unsere Nachbarländer heimsuchen, wollen wir gar nicht reden – das rein wortreiche Meckern kann ebenfalls Schaden anrichten.
Auch über Luzern wird gemeckert, dass sich die Balken der Kapellbrücke biegen. Völlig überrannt von Touristen sei die Stadt, sie habe ihre Seele verloren, heisst es etwa. Andere widmen sich obsessiv dem Verkehr: Luzern wird wahlweise von Horden rücksichtsloser Velorowdys heimgesucht – oder von autofahrenden Ewiggestrigen, die idyllische Wohnquartiere in einen Moloch verwandeln.
Und erst die Altstadt! Für Einheimische längst Sperrgebiet, in dem internationale Mode-Multis und Schmuckbarone skrupellos ihr Geld scheffeln. Der Skandalisierung sind kaum Grenzen gesetzt.
Doch machen wir mal einen Punkt. Es gibt viel mehr Grautöne – oder im Falle von Luzern «Blautöne» – als man denkt. Es ist auch eine Frage der Haltung. Früher gab es die legendären Aufkleber «Luzern is fantastic», die man aufs Auto klebte – man war stolz, dass die Stadt weltweit so beliebt war. Wieso soll das heute nicht mehr gelten? Wäre es uns lieber, Luzern wäre eine heruntergekommene Industriestadt, die niemand besucht? Und wenn Velos stören, ist dies nicht, weil lauter Gesetzesbrecher auf dem Sattel sitzen, sondern weil die Infrastruktur mit dem Velo-Boom nicht Schritt hält.
Und die Autos? Heute liegt deren Zahl in der Innenstadt um ein Drittel tiefer als noch 1980. Die Verkehrspolitik mit Velo- und ÖV-Förderung hat also gewirkt. Zahlen sind Fakten und lassen sich nicht schlechtreden, würde man denken. Doch selbst über die riesigen Jahresgewinne der Stadt wird mehr gemeckert als applaudiert: Das sei ja bloss wegen einer einzelnen Pharmafirma, die exorbitant viel Steuern bezahlt, heisst es. Als ob Pharmageld kein echtes Geld wäre. Schulhäuser lassen sich damit jedenfalls prima sanieren.
Auch in der Altstadt sollten sich die Dauernörgler besser mal die Fakten anschauen: Es gibt heute deutlich mehr Gastrobetriebe und mehr kleine Läden als vor 15 Jahren. Der Branchenmix ist nicht vor die Hunde gegangen, die Altstadt ist lebendiger denn je. Luzern ist auch heute noch «fantastic».


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.