Die Horwerin Janine Osterwalder sammelt Spenden für Nepal. Sie hatte bereits nach dem Erdbeben von 2015 ein Hilfsprojekt für den Wiederaufbau eines Dorfes auf die Beine gestellt. Dieses Jahr ist Nepal wiederum von einer Naturkatastrophe betroffen. Am 26. August überschwemmte eine Sturzflut aus Eis, Geröll und Wasser das Grenzgebiet zwischen Nepal und China, vor allem entlang der ineinander übergehenden Flüsse Bhotekoshi und Trisuli. Auslöser war ein Gletscher- und Felsabbruch nahe dem Grenzübergang Gyiron. Die Sturzflut forderte bisher über 1400 bestätigte Todesopfer, mehr als 5700 Menschen werden allein in Nepal vermisst. Die Flut zerstörte Häuser und weitere Infrastruktur.
Das hat sozial und wirtschaftlich fatale Folgen: «Haupteinnahmequelle der meisten Familien in der betroffenen Region Langtang ist der Tourismus», weiss Janine Osterwalder aus Horw aus eigener Erfahrung. «Es ist die drittbekannteste Trekkingregion des Landes. Langtang zieht vor allem Reisende an, die sowohl an den Bergen als auch an der Kultur sehr interessiert sind.» Der Grenzübergang Gyiron wird vor allem von tibetischen Pilgern genutzt, die zum heiligen Berg Kailash in Tibet pilgern, um diesen umrunden zu können.
Osterwalder arbeitete 2014 und 2015 als Volontärin – hauptsächlich im administrativen Bereich – für eine Trekkingagentur in Kathmandu. Sie erlebte das Erdbeben vom 25. April 2015 hautnah mit. Anschliessend koordinierte sie ein Wiederaufbauprojekt für das Dorf Brabal auf 2380 Metern über Meer. Der Chef der Trekkingagentur sowie die meisten Guides und Träger stammen aus diesem Dorf.
«Das ist ein furchtbarer Zustand»
Nun steht sie wieder in direktem Kontakt mit den Menschen vor Ort. Ihr Vater war Anfang September in Nepal und übergab Hilfsgelder für Sofortmassnahmen an Temba, den Chef der Trekkingagentur. Vieles hat sie zusätzlich von dessen ehemaliger Geschäftspartnerin Sabine Pretsch, die heute in Deutschland lebt, erfahren. Die drei stehen nach wie vor in regem Austausch.
«Die Lage ist höchst dramatisch. Das Ausmass ist unvorstellbar und noch gar nicht richtig abschätzbar», sagt Osterwalder beim Gespräch Mitte September. Brabal liegt direkt oberhalb des Trisuli-Flusses und wurde bei der Sturzflut nicht zerstört. Die Auswirkungen der Katastrophe treffen die Menschen dort trotzdem hart. «Häuser und Hotels im Tal sind zerstört, die Menschen trauern um Familienmitglieder und Freunde.» Der Leiter der Trekkingagentur hat bei der Sturzflut eine Tochter verloren. In der ganzen Region suchen die Menschen nach wie vor nach vermissten Familienangehörigen. «Das ist ein furchtbarer Zustand», sagt Osterwalder. «Ich stelle mir den Trauerprozess schwierig vor.»
Soforthilfe und Studiengebühren
Osterwalder, die heute als Coach und Unternehmensberaterin arbeitet, hat eine Spendenaktion auf privater Basis ins Leben gerufen und prüft eine Zusammenarbeit mit Stiftungen. Die Spenden sollen den Menschen aus dem zerstörten Ort Shyafru Bensi zugutekommen. Zwei Punkte sind für sie zentral. «Momentan ist Soforthilfe gefragt – Essen, Kleider, Unterkünfte.» Osterwalders Spendenaktion unterstützt unter anderem Betroffene, die im Yellow Gompa Kloster in Kathmandu Unterschlupf gefunden haben. Viele Kinder und Jugendliche haben ihre Eltern verloren. Dadurch oder wegen der wegbrechenden touristischen Einnahmequellen steht für viele der Besuch von Schulen, die Weiterführung einer Ausbildung oder des Studiums auf der Kippe. «Wir wollen dieses temporäre Loch füllen.»
Die Bereitschaft zu helfen sei unmittelbar nach einem Ereignis jeweils hoch. «Die Katastrophe wird hier wohl aber schnell in Vergessenheit geraten.» Es gelte jedoch, auch die Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Viele durch eine Katastrophe verursachte Probleme liessen sich nicht heute oder morgen lösen, die Bevölkerung, die Regierung und Hilfsorganisationen stünden vor langfristigen Herausforderungen. «Wo kommt noch mehr Geröll runter? Wo soll wieder aufgebaut werden? Und wohin soll der ganze Schutt?», zählt Osterwalder ein paar Beispiele auf. «Und es werden wohl Fragen aufkommen, die heute noch gar nicht absehbar sind», weiss sie aus Erfahrung.
Geduld und Fingerspitzengefühl
Der Wiederaufbau des Dorfes mit 25 Häusern nach dem Erdbeben hat rund dreieinhalb Jahre gedauert. Rund 40 bis 50 Personen waren an der Umsetzung beteiligt. Dabei mussten auch unvorhergesehene Situationen gemeistert werden. Wegen einer Grenzschliessung über mehrere Wochen zwischen Nepal und Indien beispielsweise stockte das Projekt. «Die Volunteers waren schon im Dorf, wir erhielten aber kein Material», erzählt Osterwalder.
Und als am Tag X schliesslich die Häuser gebaut werden sollten, lehnten die Dorfbewohnenden dies plötzlich ab. Der Grund stellte sich erst nach etlichen Gesprächen heraus: Die Anordnung der Türen auf dem Plan war aus Sicht der Dorfbewohnenden energetisch falsch. «Unser Vorschlag hätte demnach Unglück gebracht. Die Türen liessen sich natürlich ohne Probleme versetzen, wodurch das Vertrauen und die Akzeptanz der Dorfbewohnenden wieder gewonnen wurde.»
Charity Anlass für Nepal: 30. Oktober, Business Schmiede in Sursee. Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen: https://janine-osterwalder.com/hilfe-nepal und https://nepal-spirit.de/











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