Als Margherita Rossi (Name geändert) an ihrem ersten Arbeitstag die Chirurgieabteilung des Kantonsspitals Aarau betritt, liegen intensive Monate hinter ihr. Die Pflegefachfrau aus Norditalien hat rund zehn Monate Deutsch gelernt, ein Integrationsprogramm absolviert und sich auf ein neues Leben vorbereitet. Nun beginnt sie ihren Dienst – einige Zugstunden von ihrer Heimatstadt Mailand entfernt.
Solche Geschichten werden in Schweizer Spitälern häufiger. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, rekrutieren Gesundheitseinrichtungen vermehrt Pflegefachpersonen aus dem Ausland. Beliebte Herkunftsländer sind neben Deutschland und Österreich vor allem Südeuropa, zunehmend aber auch Drittstaaten. Es zeigt sich: Der Bedarf ist real.
Fachkräftemangel verschärft sich weiter
Laut dem Schweizer Gesundheitsobservatorium (Obsan) reicht die inländische Ausbildung seit Jahren nicht aus. Bereits heute verfügt rund ein Drittel des Pflegepersonals über ein ausländisches Diplom. Jüngste Schätzungen des Obsan aus dem Jahr 2021 gehen davon aus, dass bis 2029 ein Nachwuchsbedarf von rund 43'000 Pflegefachpersonen der Tertiärstufe besteht. Bei anderen in der Pflege tätigen Funktionen – zum Beispiel Fachfrauen/Fachmänner Gesundheit – beläuft sich der geschätzte Bedarf auf gut 27'000 Personen.
Weitere Prognosen gehen davon aus, dass sich der Fachkräftemangel in der Pflege bis 2035 nochmals deutlich verschärfen könnte. Dieser strukturelle Mangel gefährdet die Versorgungssicherheit spürbar. Neben Massnahmen im Inland setzen Spitäler deshalb zunehmend auch auf internationale Rekrutierung.
Spitäler passen ihre Strategien an
Doch die Rekrutierung im Ausland ist ethisch umstritten. Kritiker warnen davor, dass wohlhabende Länder ihre Personalprobleme auf Kosten anderer Gesundheitssysteme lösen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont seit Jahren, dass die Abwerbung von Pflegepersonal aus Ländern mit schwächeren Gesundheitssystemen deren Versorgung zusätzlich belastet. Um gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen, ist es entscheidend, in Ländern zu rekrutieren, in denen ein Ausbildungsüberschuss oder ein Mangel an Stellen besteht – etwa in Italien. Gleichzeitig stehen Spitäler unter zunehmendem Druck, offene Stellen zeitnah zu besetzen.
Dabei stellt die Arbeitsmigration in der Schweiz kein Neuland dar. Viele Pflegefachpersonen finden auch ohne gezielte Programme den Weg in die Schweiz. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Spitäler ihre Rekrutierungsstrategien anpassen und internationale Kanäle systematischer nutzen.
Italien bildet jährlich rund 13'000 Pflegefachpersonen aus. Dennoch sind viele von ihnen mit befristeten Stellen und unsicheren Perspektiven konfrontiert. Ethisch verantwortungsvolle Rekrutierungsprogramme setzen deshalb auf Transparenz, die Anerkennung der Diplome, gezielte Sprachförderung und eine strukturierte Einarbeitung. Dazu gehören fachliche Begleitung im Spital, soziale und kulturelle Integration sowie Unterstützung bei administrativen Fragen zur Wohnungssuche oder zum Familiennachzug.
Wo sich das Dilemma verschärft
Parallel zur internationalen Rekrutierung wird auch im Inland intensiv über die Situation der Pflege diskutiert, das Spannungsfeld wächst. Mit der Annahme der Pflegeinitiative hat die Schweizer Bevölkerung 2021 ein klares Signal für bessere Arbeitsbedingungen gesetzt. Fachpersonen fordern verbindliche Personalschlüssel und Investitionen in bessere Arbeitsbedingungen.
Diese strukturellen Verbesserungen werden aber nur langsam umgesetzt – während der Bedarf an Personal immer grösser wird. Die steigenden Kosten für temporäre Einsätze zeigen, wie wenig nachhaltig das System ist. Attraktive Arbeitsbedingungen, Entwicklungsperspektiven und ausreichend Personal gelten als zentrale Faktoren, um Fachpersonen im Beruf zu halten und Nachwuchs zu gewinnen. Genau hier verschärft sich das Dilemma: Während Pflegefachpersonen dringend gebraucht werden, bleiben strukturelle Probleme vielerorts bestehen.
Zwischen Chance und Balanceakt
Andere Länder wie Grossbritannien oder Deutschland rekrutieren seit Jahren international – etwa in Indien oder Nigeria – und haben dafür ethische Leitlinien etabliert. Diese sollen verhindern, dass gezielt aus Ländern mit besonders fragilen Gesundheitssystemen abgeworben wird. Der WHO-Kodex zur internationalen Rekrutierung mahnt zur sorgfältigen Abwägung zwischen nationalen Interessen und globaler Verantwortung. Internationale Mobilität sei Teil moderner Arbeitsmärkte, dürfe jedoch bestehende Ungleichgewichte nicht weiter verschärfen.
Die Arbeit in der Schweiz ist für viele ausländische Pflegefachpersonen eine persönliche Chance. Für Gesundheitssysteme bleibt sie ein Balanceakt. Internationale Rekrutierung kann helfen, Personalengpässe zu mildern, ist aber weder einfach noch schnell wirksam. Die zentrale Frage bleibt: Wie lassen sich nationale Versorgungsbedürfnisse sichern, ohne globale Ungleichgewichte zu verstärken? Die Antwort darauf entscheidet, ob internationale Rekrutierung Teil der Lösung bleibt – oder selbst zum Problem wird.
*Der Fachartikel entstand im Rahmen der Weiterbildung Executive MBA Luzern Strategisches Management – Leadership an der Hochschule Luzern (HSLU). Alexandra Käch, Tiziana Meyer und Pirmin Oberson sind Teilnehmende des Studienprogramms am Wirtschaftsdepartement der HSLU. Alle drei sind überdies als Geschäftsleitungsmitglied in einem Gesundheitsinstitut tätig: Käch arbeitet als Chief Nursing Officer am Kantonsspital Aarau, Meyer führt das Kurshaus Seematt Eich und Oberson ist Co-Leiter Therapien beim Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil.



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